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Wundertüte? Katastrophe!

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Endlich Uni, dachte ich so als Ersti. Endlich Freiheit. Der Start ins Studentenleben schien so verheißungsvoll, als würde ich nach Jahren der Gefangenschaft ein ganz neues Leben entdecken. Allerdings fand ich mich mit Herausforderungen konfrontiert, mit denen ich nie gerechnet hätte. Das Leben stellte mir plötzlich Fragen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Ich dachte, es würde so easy weitergehen wie bisher. Ich wusste immer, wo mein Weg hinging, ich kannte meine Stärken und Schwächen und war super motiviert. Nach drei Monaten Studium war das Pustekuchen, weil alle außer mir schon Freunde gefunden hatten, mit denen sie demnächst in den Urlaub fliegen würden. Überall liefen die krassesten WG-Partys ohne mich und ich verbrachte meinen Geburtstag mit meiner Mama, meiner Tante und meiner Oma. Nicht gerade das Studentenleben, das ich mir vorgestellt hatte. Meine Güte, habe ich gezweifelt! Noch dazu stürzte mich die neue Verantwortung und meine chronische Fehlerphobie von einer Selbstfindungskrise in die Nächste. Aber dazu später mehr. 

Rückblickend hat mich im ersten Semester das Sozialleben definitiv am Meisten gestresst. In jeder Vorlesung Smalltalk führen, sich um pseudo-deepe Gespräche bemühen und immer super interessiert, aufmerksam und sympathisch scheinen. Für mich eine riesige Herausforderung. Gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, wann ich was und wie viel ich für die Uni lernen musste. Perfektionismus, arrivederci. Es gab gefühlt tausend Fragen, die ich nicht stellen wollte, weil ich die Einzige zu sein schien, die sich darüber den Kopf zerbrach. Das war auch so ein Punkt, der mich in besagte Selbstfindungskrisen katapultierte. Ich habe mich ständig gefragt, was andere machen und denken. Ich wollte nicht die weirde Person sein, die keinen Alkohol trinkt, Spieleabende einem Club vorzieht und Spaß am Lernen hat. Damals hatte ich das Gefühl, als Einzige durchs Raster zu fallen. Ich wollte so dringend dazugehören, dass ich mich selbst immer wieder verraten habe. Aha, da haben wir sie wieder, die Sinneskrise. Ich wusste überhaupt nichts mehr, aber verwendete ziemlich viel Energie darauf, die Fassade aufrecht zu erhalten. Ich war schließlich immer ein aufgewecktes Mädel und das wollte ich auch bleiben. Ich ging nicht mehr in die Uni, schrieb aber sämtliche Klausuren mit. Ihr würdet staunen wie bunt mein Strauß an Ausreden war, wenn mich jemand fragte, wo ich denn gewesen sei. Ich zwang mich auf Partys und fand dann irgendwann auch wirklich die Leute, die inzwischen meine Freunde sind. Aber unglücklich war ich trotzdem. Damals hatte ich übrigens noch die schon erwähnte Fernbeziehung an der Backe, die wohl auch einen ziemlich großen Teil dazu beitrug, dass ich in Würzburg nur super langsam ankam. Aber wenn man sich lange genug einredet glücklich zu sein, dann glaubt einem das der Verstand auch irgendwann. Nur dein Bauch weiß, dass du gerade lügst und zwar nicht besonders gut. Wie dem auch sei, mein Freund, jetzt Exfreund, zog irgendwann die Reißleine. Schmerzhaft, nach fast drei Jahren, auch wenn es absehbar war. Das lässt sich inzwischen ganz einfach schreiben, damals wechselte meine Laune allerdings stündlich von Wut zu heulendem Elend. Danach war ich jedenfalls wieder Single. Juhu. Aber hey, alles war super. Ich durfte endlich weiter studieren, ich hatte eine Clique, in die ich zu passen schien und die Welt war doch überhaupt ein wunderbarer Ort. Hust. Ironie. Meine Minderwertigkeitskomplexe nach der Trennung verdrängte ich ganz hervorragend. Schließlich lief die Beziehung seit einiger Zeit nicht mehr gut und überhaupt hatte er mich total eingeengt und ich war endlich wieder frei. Also auf nach Würzburg, dachte ich, los geht´s mit dem richtigen Studentenleben. Weil das Studium ist doch die geilste Zeit im Leben, oder? 

Äh, ja nein. Also nicht für mich. Denn, wer hätte es gedacht, mein Körper meldete sich zu Wort: Hey du, ich störe nur ungern, aber du hast mich echt gestresst in den letzten Wochen. Erst die Klausuren, dann musste ich dein Herz wieder zusammenflicken und jetzt soll ich wieder auf Hochtouren laufen, weil das Semester anfängt. Jupp, damit verabschiedete sich dann also meine Schilddrüse vom regelmäßigen Dienst. Diagnose Hashimoto. Aber macht ja nichts, man kann prima damit leben. Durch Substitution. Gut, jeden Tag Tabletten nehmen ist ja kein Stress. Währenddessen kniete ich mich ins Studium rein, hielt mein super cooles Leben aufrecht und bemerkte seltsamerweise nicht, dass irgendwas meine Fettreserven vernichtete. Auf Deutsch: Ich nahm ab. Viel. Ich wurde erst gartenschlank, dann rappeldürr. Ich hatte keinen Appetit mehr. Egal, das wird schon wieder, ich muss mich nur zusammenreißen und eben essen. Blöd nur, dass unser Körper nicht so einfach funktioniert. Ich bekämpfte verzweifelt meine körperlichen Symptome und ignorierte dabei vollständig, dass ich psychisch ein Wrack war. Natürlich ärgerte ich mich, dass ich irgendwie nicht an Gewicht zulegen konnte. Ich stresste mich so sehr in das Thema, dass ich vor Weihnachten einen Nervenzusammenbruch hatte. Kurz, aber dafür heftig. Über die Weihnachtsferien erholte ich mich kaum und nach den zwei Wochen kehrte ich voller Angst nach Würzburg zurück. Ich war einsam. Meine Hormone spielten verrückt, ich heulte jeden zweiten Tag und hatte bei jeder verpassten Veranstaltung ein schlechtes Gewissen. Hin ging ich trotzdem nicht. Der Hashimoto ließ meine Psyche Kapriolen schlagen, veranlasste absolute Motivationslöcher und bleierne Müdigkeit. In Wechselwirkung mit meinem Untergewicht war das der Genickschuss für meine Gewissenhaftigkeit und Disziplin. Ich bekam nichts mehr auf die Reihe, war praktisch nicht mehr allein überlebensfähig. Noch dazu hatte ich eine abstruse Angst vor geschlossenen Räumen entwickelt. Zwischendurch gab es auch gute Momente, aber alles in allem ging es mir beschissen. Ich kämpfte mich durch jeden Tag, zwang mich immer weiter. Irgendwie schrieb ich die Klausuren, obwohl ich Panikattacken bekam. Einatmen, ausatmen. Der nächste Heulkrampf. Ich fühlte mich wie der schwächste, mickrigste, erbärmlichste und seltsamste Mensch überhaupt. 

Die nächsten Semesterferien kamen, es war inzwischen Februar. Nach diesem turbulenten und insgesamt katastrophalen Semester hatte ich natürlich keinen Gedanken daran verschwendet, was ich in den Ferien machen sollte. Also verbrachte ich die kompletten zwei Monate daheim. Einerseits ödete mich das an und ich versumpfte richtig, andererseits hatte ich Angst, wann immer ich vor die Tür ging. Eine Zwickmühle, der ich nur entkam, wenn ich die Angst unter großem Stress aushielt. Irgendwie gingen die Semesterferien trotzdem vorbei. Ich freute mich wie verrückt, endlich wieder studieren zu können. Obwohl ich dazu in keiner Weise in der Lage war, aber das war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst. Ich war untergewichtig, hatte keine Kraft mehr, war psychisch immer noch absolut instabil und geschlossene Räume verursachten Panik. Flixbusfahrten sind zum absoluten Horror geworden, also stieg ich auf den Zug um. Dort hatte ich zumindest das Gefühl, irgendwohin flüchten zu können. Das Geld war es mir wert. Am Anfang des Semesters kämpfte ich mich noch zu jeder Veranstaltung. Irgendwann war das Stresslevel zu hoch und ich ging nur noch zu einem Seminar mit Anwesenheitspflicht. Es hatte sich also nichts geändert im Vergleich zum vergangenen Semester. Ich war noch immer der zertrümmerte Mensch, der gerade seine geilste Zeit des Lebens hatte. Nicht. Ich war niemals in meinem Leben so weit unten, wie in diesen unendlich langen Monaten. 

Der Wendepunkt war gleichzeitig der absolute Tiefpunkt. Es war ein Wochenende, das alles ändern sollte. Ich hatte einen Heulanfall nach dem anderen, wollte nicht nach Hause und fuhr schließlich doch. Umgeben von meiner Familie fühlte ich mich so einsam wie nie. Ich schämte mich für meine mickrigen Portionen, mit denen ich bei jeder Mahlzeit kämpfte. Ich verachtete meine dürren Arme, ich hasste mein unglückliches Gesicht und ich spottete innerlich über meine eigene Schwäche. Es war das Wochenende, an dem meine Familie eingriff und mich überzeugte eine Psychologin aufzusuchen und mir endlich helfen zu lassen. Anlaufstelle Nummer 1 war allerdings ein Psychiater, der mir kurzum Escitalopram verschrieb, ein Antidepressivum. Nicht die feine Art der Behandlung, aber ein Start, um aus dem absoluten Loch herauszukommen. Dann spazierte ich zur Psychologin und siehe da, es wurde besser. Sie zeigte mir auf ziemlich nüchterne und unbequeme Weise, dass mein Problem in meinem Kopf lag. Meinem Körper ging es gut, aber nachdem ich ihn derart beschissen behandelt hatte, war irgendwie klar, dass er das nicht ewig mitmachen konnte. Entweder ich änderte das ganz schnell oder die Klinik winkte. Nach nur zwei Gesprächen legte sich in meinem Hirn der Schalter um. Ich konnte wieder mehr essen, die Angst war allerdings noch da. Der endgültige Wandel fand dann kurz vor den nächsten Semesterferien, also Ende des vergangenen Sommersemesters statt. Ich begriff, dass mein Körper das wertvollste ist, das ich besitze. Er ist mein Zuhause, meine Hülle und mein Lebenselixier. Aber er ist auch der Sitz meiner Seele und wenn ich die beiden nicht in Einklang bringe, dann wird das nichts mit einem langen und glücklichen Leben. In dem Moment, in dem ich das kapiert hatte, ging es aufwärts. In nur sechs Wochen nahm ich sechs Kilo zu. Und mit steigendem Gewicht kam die Lebensfreude zurück. Ich konnte wieder lachen, ich verabscheute mich nicht mehr selbst und durfte endlich wieder Sport machen. Ich musste keine Angst mehr vor Krankheiten haben, die mich womöglich ins Krankenhaus hätten befördern können. Ich hatte wieder Freude an Unternehmungen, ich wollte Neues probieren und meinen Hobbys nachgehen. Mein Leben fing neu an. 

Bis heute fühle ich mich in geschlossenen Räumen unwohl und es fällt mir immer noch schwer, mit anderen Menschen zusammen zu essen. Aber mir geht es gut, ich bin dankbar für jeden Tag und an alle Mädels da draußen: Es ist nervig, seine Periode zu haben, aber es ist beschissen, sie monatelang nicht zu haben. Mit viel Hilfe und wertvollen Menschen habe ich es geschafft, aus dieser Krise herauszukommen. Und wow – habe ich viel gelernt! 

Fazit zu meiner Story: Was einen nicht umbringt, macht einen stärker.

Auf ein geiles Semester!

Anonym