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Du willst das gute Ende?

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Tina ist achtzehn, Einzelkind. Tina hat seit zwei Jahren einen Freund. Tina hat bald ihren Abitur-Abschluss. Typisches Szenario. Was aber auch typisch ist: Tina ist überfordert. Seit mindestens sechs Jahren wird sie auf die eine Entscheidung vorbereitet: „Was soll ich studieren?“ – Berufswahltests, Schnupperkurse, Girls-Day, Praktika, Persönlichkeitseinstufung, Firmenbesuche. Geschweige denn Mama, Papa, Omas, Onkels und der Typ vom Fahrradladen um die Ecke… sie alle stehen Tina mit Rat und Tat zur Seite:

„Am besten du wirst Beamte…“

„In der Schönheitschirurgie verdient man viel Geld.“

„Heirate am besten ´nen Maurer, dann kannst du ein Haus bauen.“

„Folge deinen Träumen. Du kannst alles schaffen, wenn du nur daran glaubst.“

Was soll man als gerade der Pubertät entwachsender Jugendlicher mit so viel Freiheit anfangen? Tu, was du für richtig hältst. – Toll, aber was ist das Richtige? Nach was richte ich mein Leben aus? Geld? nach den Abschlussnoten? Nach dem Familienwunsch? Nach den Sportangeboten der Uni? Oder soll doch der Teesatz entscheiden?

Möglichkeit 1:

In dem ganzen Durcheinander kam noch niemand auf die Idee, Tina direkt zu fragen, was sie eigentlich studieren möchte. Würde man sie fragen, würde sie die Stirn krausziehen, betreten nach unten schauen und ganz leise „Deutsch als Fremdsprache“ murmeln. Da würde Oma vom Sofa aufspringen und rufen: „Ach nee, da hast du mit den ganzen Ausländern zu tun. Das ist nix für´n zartes Mädchen.“ Papa würde fragen: „Kann man damit Geld verdienen?“ Mama würde bemerken: „Aber du hast doch Biologie im Vertiefungskurs gemacht, dann war das ja ganz um sonst.“  – Kurz um, Tina hält die Klappe. So muss sie sich auch nicht erklären. – Diese Einstellung bringt sie auch durchs Leben: Die Anderen wissen es besser. Sie studiert Lebensmittelchemie, gleich in der nächstgrößeren Stadt, so kann sie das Wochenende zu ihren Eltern fahren. Es dauert nicht lang, da ruft ihr Freund an und meint, er habe sich in eine Andere verliebt… eigentlich nicht schlimm, sein Schnarchen hat eh genervt und Mama konnte ihn auch nicht leiden. Ihr Bachelor-Abschluss ist mittelmäßig, aber das spielt keine Rolle… sie will nur fertig werden. Tina findet eine Anstellung als Laborassistentin. Eigentlich unterfordert sie die Arbeit, aber der Arbeitsplatz ist relativ sicher und nicht soweit von zuhause weg. Sie belegt an der Volkshochschule einen Italienischkurs, weil sie schon immer mal nach Italien wollte, aber vorher muss sie die Sprache richtig lernen… und das dauert. Irgendwann gebärt sie auch ein Kind… von einem Typen, den sie ein paar Mal getroffen hat… eigentlich nicht ihr Traumtyp… aber besser als nix. Als schließlich ihre Mutter dement wird, zieht sie zurück in das Elternhaus. Tinas Sohn zieht aus. Es war nicht einfach mit ihm, aber jetzt ist er erstmal wieder weg. Studiert jetzt BWL. Und irgendwann stirbt Tina – mit 78 Jahren. 41 Jahre arbeitete sie in der Kautschukfabrik. Sie hinterlässt einen Mann, einen Sohn und zwei Enkel. 75 ihrer 82 Wochen Urlaub verbrachte sie auf Teneriffa, da sprachen eh alle Deutsch. In Italien war sie nie gewesen.

Möglichkeit 2:

In dem ganzen Durcheinander kommt JEMAND auf die Idee, Tina direkt zu fragen, was sie eigentlich studieren möchte. Das schüchterne „Deutsch als Fremdsprache“, lässt Herrn Nagel aufhorchen. Ein ziemlich expliziter Wunsch für eine achtzehnjährige, denkt sich der Biologielehrer. Als er sie genauer dazu befragt, verschwinden Tinas Ängste immer mehr. Ihre Augen leuchten bei der Erklärung, wie spannend es sei, die Sprache aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Sie hofft, sie kann das irgendwie mit Italienisch verbinden. Die Sprache klingt so schön, aber es wurde leider nicht an ihrer Schule angeboten. Herr Nagel ist erleichtert, denn Naturwissenschaften liegen dem armen Kind wirklich nicht. Er ermutigt sie, sich an verschiedenen Universitäten zu bewerben. „Am besten an der Südlichen Landesgrenze, dann ist es nicht so weit bis nach Italien“, meint er scherzhaft. Tina jedoch ist so begeistert von diesem Gespräch, das sie nun Himmel und Hölle in Bewegung setzen will, um ihr „Traumstudium“ zu bekommen. Es dauert nicht lang, da hat ruft ihr Freund an und meint, er habe sich in eine Andere verliebt… eigentlich nicht schlimm, er wäre eh nicht mit umgezogen. Also weg mit ihm. Schließlich studiert sie Deutsche Literatur und Italienisch an der Universität Konstanz. Dann lernt sie Janis kennen, den griechische Austauschstudent. Es folgen Monate der Glückgefühle, der Kopulation und Erweiterung der Sprachkenntnisse, denn beide verständigen sich hauptsächlich auf Italienisch. Sie schaffen es sogar ein gemeinsames Auslandssemester in Italien zu organisieren. Doch dann ist der Spaß vorbei. Janis muss und will auch wieder zurück nach Griechenland. Tina würde am liebsten mit ihm fortgehen, aber sie hat noch zwei Semester vor sich. Vor einer Fernbeziehung hat sie Angst. Was soll sie tun?

Möglichkeit 2a:

Als sie mal wieder, nicht Herr der Lage und völlig verheult, auf ihrem Bett liegt und durch Facebook scrollt, fällt ihr ein geteilter Blockbeitrag ins Auge. Mit Feminismus hat sie sich (leider) nie wirklich beschäftig, aber der Beitrag über Selbstbestimmung und die Kraft der einzelnen Frau, hinterlässt doch Spuren in ihr. Sie stellt Janis vor ein Ultimatum: Entweder bleibt er und beendet sein Studium hier oder es ist aus. Tina kann nicht mit dieser unsicheren Situation leben. Janis, der zwar Deutsch und Italienisch studiert, aber keinen Cent für einen längeren Aufenthalt im Ausland übrig hat, geht mit gebrochenem Herzen zurück in seine Heimat. Auch Tina geht es schlecht, aber sie hat sich richtig entschieden. Nach dem Studium zieht sie tatsächlich nach Italien, heiratet Fernando, einen waschechten Italiener. In Monza unterrichtet sie als Deutschlehrerin. Mit ihren drei Kindern ist es finanziell gar nicht so einfach. Fernando hat schon einiges ihrer Ersparnisse verzockt, aber das kommt nur ganz selten vor… wenn er mal wieder zu viel über den Durst getrunken hat. Als ihre Mutter an Demenz erkrankt, holt Tina sie mit zu sich ins Haus. Immer herrscht Chaos. Erst als die Kinder aus dem Haus sind und ihre Mutter endlich ihrem Siechtum erliegt, kehrt Ruhe ein. Bis an ihr Lebensende verbringt Tina ihre Abende damit, die Hinterhofhühner mit Körnern zu versorgen. Erst am fünften Tag nach ihrem 85. Geburtstag bleibt das Federvieh dann ungefüttert.

Möglichkeit 2b:

Eigentlich wollte sie heute nur herum liegen, heulen und sich in ihrer beschissenen Situation selbstbemitleiden. Aber ihr Nachbar hatte schon den ganzen Morgen lautstarken Damenbesuch, weshalb sie doch zur Vorlesung ging. „Bildungssysteme im Hinblick auf Diversität“… wieso hatte sie sich da eingeschrieben? Wer tut so was? Egal, es gibt drei ECTS-Punkte. Das Leben ist eh Kacke und sinnlos. Aber tatsächlich schenkt diese Vorlesung Tina nicht nur Mut, wie einst ihr Biolehrer, sondern bringt sie auch auf eine Idee: Wieso nicht noch griechisch lernen? Dümmer wird man davon ja nicht. Irgendwie wird das ja gehen. Und dann kann sie bei Janis bleiben… so ganz zufällig. Vielleicht eine Art Doppelstudium? Aber dafür muss sie die Uni wechseln, oder? Wie viel Griechisch muss sie können, um vor Ort studieren zu können? Was kostet das alles? Janis ist auch keine große Hilfe, er bricht ständig in Freudentränen aus, wenn Tina über ihre Pläne philosophiert. Das bedarf jetzt alles exaktem Timing. Tina erstellt einen Finanzplan, mit Urlaubssemestern, möglichen Nebenjobs, Studienverlängernden Maßnahmen, BAföG, ihrem Sparbuch und Janis Familiensilber, dass er ihr versprochen hat… und irgendwie scheint das alles aufzugehen. Tina befindet sich gerade im 13. Semester, als sie bemerkt, dass sie gleichzeitig im zweiten Trimester ist. Eigentlich war sie nur für ihre Bachelorarbeit nach Deutschland zurückgekehrt… ein paar Monate hatte sie zu Janis gesagt. Aber als Tina ihre Schwangerschaft bemerkt, kommt Janis, inzwischen als Übersetzter tätig, sofort nachgereist. Alles kann so weiter gehen, glauben die beiden. Mit ruhiger Kugel vor dem Leib, schreibt Tina weiter an ihrem Bachelor, froh endlich bald fertig zu sein. Bis dann die Ergebnisse der Fruchtwasseruntersuchung zeigen: Ihr Sohn leidet an Trisomie 21. Damit ist klar: Tina bleibt hier und bringt ihr Kind in Deutschland zur Welt. Das griechische Gesundheitssystem ist nichts gegen das in ihrer Heimat.

Tina hat ihren Bachelor nie abgeschlossen. Stattdessen hat sie sich um ihren kleinen Sonnenschein gekümmert. Von Früh bis Spät erfüllte er sie mit Freude. Sie war jeden Tag so dankbar für ihre Familie. Phileas war 27 Jahre alt, als er schließlich trotz vieler Operationen an einem angeborenen Herzfehler starb. Tina und Janis zogen wieder nach Griechenland. Sie hielten es beide nicht in Deutschland aus. Es war gut etwas Zeit fernab trauriger Erinnerungen zu verbringen. So wurden aus Monaten schließlich Jahre. Einmal rief ihre Mutter an. Sie schien verwirrt zu sein. Fragte nach Phileas und wo denn alle seien. Tina reagierte nicht darauf und wimmelte sie schnell ab. Ein halbes Jahr später erhielt sie unter der selben Nummer den Anruf, dass ihre Mutter verschieden sei. Die Beerdigung ignorierte Tina. Sie wollte nicht mehr zurück. Inzwischen übersetzte sie Kinderbücher für einen kleinen Internationalen Verlag. Janis gab Sprachkurse und schrieb selbst Bücher. Er starb mit 69 an Lungenkrebs. Tina folgte ihm nur wenige Monate mit 64 Jahren. Das Familiensilber steht immer noch in der Schrankwand. Sie hatten es nie verkaufen müssen.

Was ist jetzt das gute Ende?