Corona Time
„It´s Corona Time!“, hört man jetzt immer wieder in den sozialen Medien. Und ja, um mal die positiven Seiten zu betrachten. Wir haben Zeit. In einer Gesellschaft die davon lebt schnell zu sein, ist es wie eine Wohltat mal abschalten zu können.

Komische Zeiten sind das. Hätte mir jemand vor einem halben Jahr gesagt, dass die Polizei mich heimschicken würde, wenn ich mit einem Buch an einem Samstagnachmittag am Main säße, wäre mir das wohl als unglaubwürdig vorgekommen. Aber nun sind wir hier. In einer Zeit, in der die Freiheiten der Bürger auf ein Minimum eingeschränkt sind und es einem nur noch erlaubt ist, einkaufen zu gehen, zur Arbeit oder vielleicht mal ein bisschen Sport alleine zu treiben. „Kontaktverbot“ heißt es offiziell, doch es fühlt sich wohl mehr an wie eine „Ausgangssperre“. Wie ein Gefangener in Isolationshaft komm ich mir vor. Meine Mitbewohner nicht da, und meine einzigen sozialen Kontakte sind auf der Arbeit. Tatsächlich haben die neuen Maßnahmen verständnisvollen Anklang bei dem größten Teil in der Gesellschaft gefunden. Was mich positiv überrascht, denn wenn man bedenkt, warum diese Zeiten so merkwürdig sind, wird klar: Weil wir es nicht gewohnt sind, eingeschränkt zu sein. Dankbar erkenn ich: Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder alles sein kann, was er will, und viel mehr noch: wir dürfen überall hingehen, mit wem und wann wir wollen (selbstverständlich im Rahmen der allgemein geltenden Gesetze). Ein Privileg, das ich als solches erst jetzt erkenne. Wenn ich daran denke, dass mein Großvater damals eingezogen wurde, um in den Krieg zu ziehen und alles, was der Staat von mir jetzt verlangt ist, einfach zu Hause zu bleiben, da sollte man nicht meckern.
„It‘s Corona Time!“, hört man jetzt immer wieder in den sozialen Medien. Und ja, um mal die positiven Seiten zu betrachten: Wir haben Zeit. In einer Gesellschaft, die davon lebt, schnell zu sein, ist es wie eine Wohltat, mal abschalten zu können. Zugegebenermaßen klangen die Beschränkungen für mich wie eine Gefängnisstrafe. Es war viel mehr ein „du musst“, aber ist es nicht viel mehr ein „du darfst“? Du darfst dir einmal Zeit nehmen für dich, deine Familie und ohne dafür Urlaub „opfern“ zu müssen. Ist es nicht viel mehr ein Segen, zu Hause bleiben zu dürfen und einfach mal zu sein? Für viele, mich eingeschlossen, mag das unangenehm sein, weil wir uns eingestehen müssen, dass wir nicht gerne Zeit mit uns verbringen. Damit meine ich nicht mal alleine zu sein und Netflix zu schauen, sondern wirklich in sich zu kehren und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Vielmehr noch: Wie oft betteln Leute um eine Auszeit? Eine Pause, einfach mal das Haus aufzuräumen, Sachen auszusortieren, ein Buch zu lesen. Die Wahrheit ist, wir befinden uns derzeit in dieser Situation. Entweder wir malen mit Kreide eine Strichliste an die Gefängniswand oder wir nehmen diese Zeit und nutzen sie dafür, mal Zeit zu haben. Es ist fast wie ein Segen, dass eine so hektische Gesellschaft einfach mal auf Pause drückt. Keine außenstehenden Verpflichtungen und die To-Do-Liste beschränkt sich auf „ein Buch lesen“. Und damit will ich nicht diejenigen runterspielen, die alles dafür geben, dass diese Gesellschaft am Laufen gehalten wird. Sondern denjenigen zeigen, die von Mutti zu „Hausarrest“ verdonnert sind, dass es auch positive Seiten gibt. Es ist Zeit, kreativ zu sein, Gedichte zu schreiben, Musik zu machen, Sachen zu erfinden und sich selbst zu finden. Und wenn das alles vorbei ist, dann wird es einen Aufschwung geben. Leute werden es viel mehr zu schätzen wissen, in einem Café zu sitzen, mit Freunden. Jedes gemütliche Beisammensein im Biergarten und jeder Grillabend wird zu einem Highlight. Jeder Stadtbummel und vielleicht auch die Gesellschaft der Arbeitskollegen. Wertschätzung von Berufen und keine Selbstverständlichkeiten der Gesellschaft. Leute werden rauskommen und die Welt bereichern. Mit ihrem Geschaffenen im Versteckten. Neue Einsichten und Perspektiven werden zu Tage kommen und vielleicht hilft diese Pandemie uns allen, mal ein bisschen in uns zu gehen und dankbarer zu sein. Und vielleicht hilft diese Krise uns, durch die errungene Dankbarkeit ein bisschen glücklicher zu sein.
Patricia Schweitzer