Zum Inhalt springen

„Wie viele Geschlechter gibt es und warum?“ – Bericht über die summer school 2019

Blog

Kalt und grau ist es ganz oben am Hubland und der Wind fegt eifrig an den Verwaltungsgebäuden der Universität. So trägt es die Teilnehmer_Innen am Montag fast von allein in Richtung des Kinder- und Familienzentrums. Kleine Schilder mit der Aufschrift „summer school 2019“ führen am Büro der Universitätsfrauenbeauftragten vorbei, bis zum Veranstaltungsraum der katholischen Hochschulgemeinde. Neben Klavier, gemütlichen Sofas und der modernen Küchenzeile ist der Raum mit Tisch- und Stuhlarrangements bestückt, die auf Gruppenarbeit schließen lassen…

Veranstaltet wurde die diesjährige summer school vom gender forum der Uni Würzburg. Als Plattform bietet das Forum verschiedene Möglichkeiten für Forscher_Innen und Studierende, die sich wissenschaftlich mit dem Thema Gender auseinandersetzen. Seit zwei Jahren sorgt das gender forum für Austausch und Vernetzung unter den Beteiligten. Die summer school, die auch schon zum zweiten Mal seit der Forumsgründung stattfindet, ist eins der angebotenen Formate. Zum Thema: „Wie viele Geschlechter gibt es – und warum?“ fanden in der zweiten Oktoberwoche Vorträge und Workshops vieler verschiedener Wissenschaftler_Innen statt. 18 Studierende bekamen so die Möglichkeit, den Begriff „Geschlecht“ aus der Sicht unterschiedlichster wissenschaftlicher Fachkulturen kennenzulernen.  So wurde auch schnell deutlich, wie früh eine Konstruktion eines bzw. zweier Geschlechterrollen entsteht: Mit Dr. Lars Burghardt hatten die Teilnehmer_Innen zum Beispiel die Möglichkeit selbst Kinderliteratur zu analysieren. Der promovierte Erziehungswissenschaftler erläuterte anschaulich seine Forschung zur geschlechterpädagogischen Bedeutung von Bilderbüchern und erklärte zudem, wie das Analyseinstrument funktioniert, das er und sein Kollege für 133 Bilderbücher verwendet hatten. Neben der Pädagogik reihten sich Vorträge aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Jura, Sportwissenschaft und Biologie ein, die in ihrer Intensität und Ideenreichtum vermutlich Stoff für ein halbes Jahr hergegeben hätten. Was die Diskussionen erheblich erschwerte, machte sich bereits in der Namensgebung deutlich. Die übergeordnete Frage lautete: Wie viele Geschlechter gibt es? – Dann wurden Themen wie Gender als Identitätskategorie oder Gendermarketing besprochen und vorgestellt. Teils wurde nicht zwischen Geschlecht und Gender unterschieden, weshalb eine klare Definition von Geschlecht und Gender in den einzelnen Vorträgen nicht immer gegeben war.  Differenzierungen und Sensibilisierungen, die immer noch im Aufbau sind und noch lange nicht so kraftvoll inszeniert und polarisiert werden, wie zum Beispiel Männlichkeit und Weiblichkeit. So ziehen sich diese Kategorisierungen als gegeben und natürlich auch heute noch durch das Forschungsdesign und bestärken damit traditionelle Ansichten und Klischees. 

Bei der Diversität an Denkansätzen fiel dann aber doch ein Vortrag etwas mehr aus der Reihe: Lann Hornscheidt kommt aus den Sprachwissenschaften und Gender Studies, hat an der Humboldt Universität gelehrt, aber inzwischen aus Überzeugung die Professur dort gekündigt. In der Vorstellungsrunde erklärte Lann Hornscheidt den Teilnehmer_Innen, ohne Pronomen angesprochen werden zu wollen und wie das möglich sei. Sprache ist nicht nur Worte. Sie ist Handlung. Wenn wir also eine genderneutrale Sprache benutzen würden, gingen wir Genderismus aus dem Weg und könnten die Geschlechterdiskriminierung beenden. Und mit Zurückhaltung muss hier angemerkt werden, dass die Teilnehmer_Innen an Lann Hornscheidts Beispiel am stärksten feststellen konnten, wie tief konstruierte Vorstellungen und Ordnungssysteme in der Sprache und in uns selbst verankert sind. Gleichzeitig erklärte Lann Hornscheidt, wie wichtig Kategorisierungen sind um Missstände aufzuzeigen – umgekehrt eine Kategorie Diskriminierung aber auch erst möglich machen. 

Eine sehr intensive Woche die noch einige Zeit nachhallen wird, die aber auch jetzt schon Zugänge ins Studium der Teilnehmer_Innen gefunden hat: Egal, ob es um Genderforschung an sich oder den genderneutralen Umgang im Forschungsbereich geht. Gender ist ein Querschnittsthema, dass lohnt, nicht nur wissenschaftlich untersucht zu werden, sondern auch genauso kritisch hinterfragt werden muss. Mit den Kursteilnehmer_Innen und Referent_Innen wurden so wieder Menschen aus der Diskussion entlassen, um an anderen Orten weiter zu diskutieren und im alltäglichen Gespräch ihre Umwelt für dieses Thema zu sensibilisieren.

Und auf die Frage „Wie viele Geschlechter gibt es – und warum?“ gab es zum Glück keine eindeutige Antwort. Eine Quintessenz der Woche formierte sich aber trotzdem: Geschlecht und Gender können vielmehr als Prozess verstanden werden. Kategorien, deren Merkmale sich kulturell verändern und allein im eigenen Ermessen Wertigkeit erhalten. Für jede Person stellt sich also die Frage: Wer will ich sein? Und in welcher Welt will ich leben?

Infos zu weiteren Veranstaltungen findet ihr hier:

https://www.uni-wuerzburg.de/chancengleichheit/frauenbeauftragte/buero-der-universitaetsfrauenbeauftragten/

Luise Stark