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Interview mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer

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„Ich hatte nie geplant, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Ich hatte auch nie vor, durch Schul-und Unistreiks politisches Handeln einzufordern.“

Quelle: commons.wikimedia.org

Luisa Neubauer, 23 Jahre alt, ist eine der Organisatorinnen von Fridays for Future und studiert in Göttingen Geographie. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Frauenrechten, Generationengerechtigkeit, Klimaschutz und Fragen zur Zukunft der Menschheit. Im Jahr 2017, anderthalb Jahre vor Entstehung der Fridays for Future Bewegung, forschte sie mit Alexander Repenning, ebenfalls Klimaaktivist und engagiert in den Bereichen politische Partizipation, globales Lernen und Klimapolitik, für die Stiftung des Alternativen Nobelpreises. Sie entschieden gemeinsam ein Buch zur Klimakrise zu schreiben. Im Oktober 2019 erschien mit „Vom Ende der Klimakrise – Eine Geschichte unserer Zukunft“, ihre ganz persönliche Geschichte zur größten Krise der Menschheit. Sie ist Buchautorin, Kolumnistin beim Stern, meistens unterwegs, aber eben auch: Studentin. 

Vollzeit-Klimaaktivismus, Nebensache Studium? In einem Interview sprach Luisa mit dem Sprachrohr über die Vereinbarkeit von Engagement und Studium.

Sprachrohr: In „Vom Ende der Klimakrise“ schreibst du, dass du im letzten Jahr zur Vollzeit-Klimaaktivistin geworden bist. Nach deinem Bachelor bist du seit diesem Wintersemester in Göttingen im Master der Geographie eingeschrieben. Wie viel Zeit bleibt für die Uni? 

Luisa Neubauer: Das probiere ich noch herauszufinden. Nicht genug vermutlich, aber work in progress! 

Sprachrohr: Würdest du dein Studium gerade als Nebensache bezeichnen?

Luisa Neubauer: Von der Art und Weise wie ich meine Zeit einteile vermutlich ja, aber für mich ist das Studium auch immer die Art und Weise wie ich auf die Welt blicke, also wie es mich gedanklich, kognitiv, begleitet. Daher ist es keine Nebensache, sondern eine ganz präsente Disziplin und ich merke auch, dass ich in den anderen Kontexten in denen ich unterwegs bin, mit einem geographischen Blick auf die Welt schaue. 

Sprachrohr: Welches Thema wirst du für deine noch ausstehende Bachelorarbeit wählen? 

Luisa Neubauer: Ich habe mich entschieden, mich daran zu orientieren, was auf Wikipedia schon steht, wie auch immer das dort hinkommt. Da steht ich würde über Geld schreiben, deshalb dachte ich, mache ich das einfach und schreibe im Endeffekt über die Finanzierung der Klimakrise. 

Sprachrohr: Wirst du dich im Master spezialisieren? 

Luisa Neubauer: Mein Masterbeginn ist ein paar Wochen alt, ich würde den Tag nicht vor dem Abend loben. Aber, in meinem Master werde ich tiefer in die Geographie einsteigen und mich noch intensiver mit Ressourcenkreisläufen und natürlichen Lebensgrundlagen und deren Nutzen bzw. Ausbeutung beschäftigen, sowie mit kulturellem, sozialem und ökonomischen Wandel und deren Implikation für die Gesellschaft. Ich bin aber wie gesagt, ein paar Wochen nach Beginn des Masters noch sehr offen darüber, wo die Reise hinführen wird. Ich glaube, damit bin ich auch nicht alleine. 

Sprachrohr: Dein erstes Seminar dieses Semester konntest du nicht wahrnehmen, weil du bei Markus Lanz als Gast geladen warst. Wie kulant zeigen sich Dozierende in Bezug auf dein außeruniversitäres Engagement und deine Rolle als Studentin? 

Luisa Neubauer: Oh, spannend! Ein paar Wochen nach Anfang des Semesters sind sie noch erstaunlich kulant, aber ich bin gespannt ob sich das ändert. Und ich habe schon den Anspruch an mich selbst, so ernst oder so ambitioniert wie möglich, so verlässlich wie möglich, dieses Studium umzusetzen, dem Priorität einzuräumen. Eben, weil ich es so wichtig finde mich im wissenschaftlichen Kontext mit diesen großen Fragen zu beschäftigen und mich und meine Beweggründe immer wieder zu hinterfragen und mir auch Fragen zu stellen, die ich mir sonst nicht stellen würde.

Sprachrohr: Wie fühlt es sich an, nach langen Zugfahrten, Demonstrationen und Fernsehauftritten, mit Kommiliton*innen im Seminarraum zu sitzen?

Luisa Neubauer: Skurril, weil ich mich auch an die Zeiten erinnere, wo ich verschlafen, verkatert, müde oder gelangweilt in solche Seminare reingestolpert bin und neben meinen Kommiliton*innen saß und wir alle wussten, wie es uns geht. Jetzt weiß ich, dass ich dort sitzen kann, weil ich gefühlt eine Woche lang Termine verschoben habe und so viele Menschen involviert waren, dass dieser Termin für mich möglich werden konnte und es Momente gibt, wo ich Podien absage, wo ich Veranstaltungen absage, wo ich an Konferenzen nicht teilnehme, um in meinem Seminar im Master zu sitzen. Das ist schon merkwürdig. Gleichzeitig denke ich, ich habe mich für den Master entschieden und es ist auch schön zu wissen, ich bin noch ein bisschen Studie, auch wenn es nicht immer leicht ist. Auf ganz absurde Weise fühlt es sich ganz anders privilegiert an, weil ich weiß, es ist nicht selbstverständlich für mich, dass ich dort sitzen kann, weil ich auch andere Verantwortung habe und dem gerecht werden möchte und muss. 

Sprachrohr: In den sozialen Medien kämpfst du mittlerweile als Person des öffentlichen Lebens auch gegen Hasskommentare an. Mit welchen Reaktionen begegnen dir andere Studierende auf dem Campus? 

Luisa Neubauer: Die meisten sind super cool. Es ist erstaunlich unkompliziert und wenig Thema und ich bin unglaublich dankbar dafür. Es gibt Momente, wo es merkwürdig ist natürlich. Dass die Leute mich kennen und ich sie nicht, aber es gibt auch ganz viele Momente wo wir einfach alle gerade Masterstudis sind und Stress mit Abgaben haben, genervt oder glücklich sind von dem Dozenten und wir sind alle irgendwie gleich und okay damit. Das ist super schön.

Sprachrohr: Als du im August zu Gast bei 3nach9 warst, hast du auf Instagram bedauert, eine fast volle Maß zurückgelassen zu haben. Findest du in Göttingen noch Zeit mit Freund*innen Bier trinken zu gehen?

Luisa Neubauer: (lacht) Ja stimmt, das war tragisch. Ja! Ja, aber hallo. Es ist nicht wie früher, es ist alles ein bisschen weniger unbeschwert. Es gab Zeiten da konnte ich – wie das so ist als Studi – man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Bier trinken und man findet immer einen Grund und man findet immer Freunde, die das mitmachen und am Ende ist alles okay. Jetzt muss ich es in den Kalender eintragen, wenn ich das machen möchte. Leute wissen dann, wo ich bin und ich muss dafür andere Sachen absagen. Es ist eine viel bewusstere Entscheidung und das macht es manchmal ein bisschen lame. 

Sprachrohr: In eurem Buch beschreibst du eine Szene, in der du nachts an deinem Schreibtisch sitzt, vor dir ein Bücherstapel von klugen Menschen. Du liest, wie Wissenschaftler*innen in den letzten 30 Jahren Zahlen, Daten und Fakten zum menschengemachten, anthropogenen Klimawandel auf Konferenzen vorstellten und sich dennoch nichts radikal veränderte. Welche Verantwortung siehst du in Forschung und Lehre der Universitäten? 

Luisa Neubauer: Eine vieldimensionale Verantwortung sehe ich da. Es fängt damit an, wer was erforscht. Es ist nie zufällig. Und immer auch eine strategische Frage. Eine Frage der Verantwortung. Welchen Inhalten man welche Kapazitäten bereit stellt und wer daran mitsprechen, teilhaben kann. Und dann geht es weiter, wie Forschung kommuniziert wird, wie Wissensdiffusion passiert. Wie sehr kann eigentlich dieses Wissen die Universität verlassen, wie sehr werden Menschen miteinbezogen. In meiner Auffassung ist Wissenschaft, die Schaffung von Wissen, kein Selbstzweck. Mein Eindruck ist aber auch, dass vergessen wird, dass es kein Selbstzweck ist, sondern einer größeren Aufklärung gilt. Das bedeutet eben auch, dass Wissenschaft immer eine öffentliche Aufgabe hat und immer auch eine gesellschaftspolitische. In meinen Augen werden klassische wissenschaftliche Institutionen dem nicht wirklich gerecht. Gerade zur heutigen Zeit, wo es nie wichtiger war klar zu kommunizieren was passiert, z.B. im Kontext der Klimakrise, frage ich mich, wo die Wissenschaftler*innen sind, die gefragt sind. Wir sagen unite behind the science, wo ist denn die Sciene hinter der man sich uniten könnte?

Sprachrohr: Warum wurden Wissenschaftler*innen, zum Beispiel die Scientists for Future aber auch alle anderen, die das Wissen hatten, im besten Fall Verbündete von FFF, aber nicht lange vor euch zu Impulsgeber*innen von Demonstrationen in eurem Ausmaße? 

Luisa Neubauer: Es ist leicht zu pauschalisieren, aber, wenn wir jetzt mal von „der Wissenschaft“ sprechen, ich glaube, die war sich sehr lange nicht sicher, was sie eigentlich sein möchte. Wofür sie auf- und einstehen möchte. Es war ein großartiger Findungsprozess, der sich auch ein bisschen ins Leere bewegt hat. Mit einem impliziten Drang, zu wissen, da muss eigentlich mehr passieren, aber keiner expliziten Aufforderung. Und das ist erst gekommen mit den Impulsen, die gegeben wurden. 

Sprachrohr: Im Buch sprecht ihr an, dass in der deutschen und globalen Öffentlichkeit Menschen geophysikalische Tatsachen als Ansichtssache bekunden. Was würdest du Studierenden raten, die sich innerhalb der Universität in Diskussionen mit Klimawandelleugner*innen wiederfinden? 

Luisa Neubauer: Die Menschen, die den Konsens von mehr als 97% der publizierenden Peer-Reviews zur Klimakrise in Frage stellen, bei denen würde ich fragen, mit welchem Verständnis sie sich in wissenschaftlichen Instituten aufhalten, wenn sie offensichtlich nicht das Vermögen haben wissenschaftliche Wahrheiten und Erkenntnisse als solche zu akzeptieren, obwohl sie möglicherweise nicht in deren Weltbild passen. Das Problem sind viel weniger die Klimawandelleugner als diejenigen, die die Drastik herunterspielen. Das ist eine ganz gefährliche Form des Klimawandelleugnens. Zu sagen, ja er ist da, aber ist nicht so wild, wir haben noch Jahre Zeit. Und das ist, wo es gefährlich wird. Es impliziert eine Relativierung, die man anerkennen kann. Das ist salonfähig, politikfähig, das ist kritikfähig. Das ist, was im Bundestag vertreten ist. Und diejenigen muss man entlarven (…) und selbst wenn man diese Menschen nicht umstimmen kann, gibt es immer das Publikum, das Teil davon ist und das dafür sensibilisiert werden muss. 

Sprachrohr: Wenn du den Inhalt eures Buches in einem Appell an Studierende formulieren müsstest, wie würde er lauten? 

Luisa Neubauer: Lernt den Possibilismus kennen. Versteht in welcher Lage wir sind. Organisiert euch! Tut euch zusammen und stellt fest, dass diese Zukunft, von der ihr so lange geträumt habt, möglich ist, wenn ihr sie selbst gestaltet. Und im besten Fall, lest das ganze Buch. (lacht)

Sarah Schmittinger