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„Es geht darum, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen“

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Das „Bündnis Verkehrswende jetzt“ ist seit April in Würzburg aktiv. Wir haben mit Marie Büchner und Niklas Dehne über das Bündnis, den Radverkehr, den öffentlichen Nahverkehr und den Versuch, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen gesprochen. 

Sprachrohr: Was ist das „Bündnis Verkehrswende jetzt“?

Marie Büchner: Wir sind ein Bündnis aus Parteien, Unternehmen, Verbänden, Vereinen und Privatpersonen. Gegründet hat sich das im April. Dort sind wir an die Öffentlichkeit gegangen. Wir haben fünf verschiedene, große Themenkreise. Das wären Radverkehr, Fußverkehr, ÖPNV, die Reduzierung des MIV (motorisierter Individualverkehr; Anmerkung der Redaktion) und Lebensqualität. Es gibt etwa 70 aktive Leute. 

Sprachrohr: Was macht das Bündnis hauptsächlich?

Marie: Wir haben verschiedene Arbeitskreise, die sich regelmäßig treffen. Dort wird sich auf eine gemeinsame Position geeinigt und es werden Lösungen gesucht. Wir hatten den Radentscheid als erstes Bürgerbegehren, aber mal schauen, was noch alles kommt. 

Sprachrohr: Das Thema dieser Sprachrohr-Ausgabe ist ja „Nebensache Studium“, also beispielsweise auch ein Engagement nebenbei. Wie kann man denn bei euch mitmachen?

Marie: Wenn man sich für die verschiedenen Verkehrsmittel interessiert, kann man zum AK Fahrrad kommen oder zum AK ÖPNV kommen. Wir haben aber auch ein großes Medienteam, oder suchen Leute, die schreiben können, um die Internetseite mit Inhalten zu füllen. Am besten kommt man zu einem Interessiertentreffen. Wir suchen auch gerne Leute aus dem Landkreis. 

Sprachrohr: Und wie genau geht ihr dann vor?

Marie: Beim Radentscheid hatten wir einen großen Forderungskatalog und die Stadträte, die im Bündnis aktiv sind, sollten auch einen Antrag stellen. 

Sprachrohr: Wie lief der Radentscheid genau ab?

Marie: In Berlin gab es das erste Bürgerbegehren zum Thema Fahrrad und in München einen Radentscheid. Das wollten wir auch in hier machen. Konkret wurde das im Juli. Wir haben es uns ein bisschen einfach gemacht, indem wir uns an den Zielen des Münchner Radentscheids orientiert haben. Sonst hätte das länger gedauert. Wir haben uns dann die europäische Mobilitätswoche Ende September als Deadline gesetzt. Die Unterschriftensammlung haben wir dezentral organisiert, so dass man in verschiedenen Cafés und Geschäften unterschreiben konnte. Am 16. September haben wir angefangen zu sammeln und am 20. September haben wir gehört, dass der Oberbürgermeister unsere Forderungen als Antrag in den Stadtrat eingebracht hat. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es schon nach 10 Tagen angenommen wird. 

Sprachrohr: Und was sind eure Forderungen?

Marie: Das Hauptziel ist, dass jeder sicher ans Ziel kommen kann. Auch Schulkinder. Wir wollen die Qualität der Radwege verbessern, eigene Fahrradampeln, Kreuzungen und Einmündungen sicherer gestalten und bessere Fahrradabstellmöglichkeiten. Wir wollen außerdem, dass Radwege mindestens 2,30 Meter breit sind.

Sprachrohr: Auf der Internetseite des Radentscheids findet man eine Karte, wo Problemstellen aufgelistet sind. Ist das ein Service für Radfahrer*innen oder werden die gemeldeten Stellen an die Stadt weitergeleitet?

Marie: Wir haben schon einige Problemstellen in einem Forderungskatalog gesammelt, den wir an die Stadträt*innen weitergeleitet haben. 

Sprachrohr: Habt ihr die Befürchtung, dass die schnelle Übernahme der Forderungen des Radentscheids reine Symbolpolitik ist?

Marie: Klar. Unsere Angst ist, dass es nur schleichend umgesetzt wird und nur bei neugebauten Kreuzungen darauf geachtet wird. Das Ziel war aber, dass alles verbessert wird. 

Sprachrohr: Es ist der Radentscheid denn rechtlich bindend?

Marie: Ja, aber es muss auch eingefordert werden. Wir sind jetzt auch daran, dass die Stadträte, die im Bündnis aktiv sind, entsprechende Anträge stellen. 

Sprachrohr: Der durchgesetzte Radentscheid ist also ein erster Erfolg. Was sind denn die nächsten Ziele?

Niklas Dehne: Wir konzentrieren uns, auch angesichts der Kommunalwahlen, auf das Thema Verkehrswende. Im Moment entdecken immer mehr Menschen das Thema für sich und das ist auch gut so. Dadurch steigt der Druck auf die Politik und auf die Kandidaten. Es gibt viel zu tun. Die Straßen sind überladen, unsere Fußwege sind zu schmal. Es ist also schwierig zu sagen, dass ein bestimmtes Thema das nächste Ziel ist. Wir bleiben weiter aktiv. 

Sprachrohr: Du hast gesagt, dass es viel zu tun gibt, aber könnt ihr vielleicht eine Sache hervorheben? Was ist das größte Problem in Würzburg?

Niklas: Es geht, denke ich, darum den öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Würzburg ist sehr schön, es ist aber auch ziemlich zugeparkt. Und zum Beispiel das Mainufer könnte eine schöne Promenade sein, aber wir machen eine Rennbahn für den Abkürzungsverkehr daraus. In Würzburg sind die Prioritäten anders gesetzt. Erst ist es wichtig, dass der LKW irgendwo rumsteht und ausladen kann und damit alles zugeparkt ist. Die Fußgängerzone hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt. Das Ganze ist aber noch überschaubar. Auch die Straßenbahn ist seit Ende der Neunziger nicht mehr erweitert worden. Seitdem herrscht Stillstand, man hat sogar Teile in Heidingsfeld zurückgebaut. Um hier das Mindset zu verändern, braucht man einen langen Atem. Aber zum Beispiel der Bürgerentscheid zum Kardinal-Faulhaber Platz hat gezeigt, dass die breite Mehrheit nicht mehr will, dass jeder Quadratmeter fürs Parken hergegeben wird, sondern auch ein Platz im Grünen zum Entspannen gegeben sein muss. Und ich würde auch sagen, dass die Mehrheit der Stadtbevölkerung sich ein ganz anderes Stadtklima wünscht.

Sprachrohr: Du sagst, dass sich die Mehrheit der Würzburger*innen ein anderes Stadtklima wünscht. Ist Würzburg eine grüne Stadt? 

Marie: Mir kommt Würzburg ziemlich zwiegespalten vor. Es gibt viele Menschen, die gar kein Auto besitzen. Wir haben auch viele Studenten, die zum Großteil kein eigenes Auto haben. Aber es gibt auch unglaublich viele Leute, die jeden Tag mit dem Auto in die Stadt pendeln. Man kann auch den Menschen nicht sagen, dass sie nur mit dem Fahrrad fahren sollen. Deswegen haben wir ja auch fünf Themen. Wenn man zum Beispiel Radverkehr und ÖPNV kombiniert, kann man eher aufs Auto verzichten, als wenn man allen sagt, dass sie aufs Auto verzichten sollen. Aber sind wir wirklich grün? Wir wurden für den Radentscheid auch vom Einzelhandelsverband angegriffen. Insgesamt ist Würzburg schon ziemlich gespalten. 

Niklas: Wir können anhand der Auswertung im Mobilitätsverhalten schon feststellen, dass es je nach Altersgruppe eine große Differenz gibt. Die Älteren fahren tatsächlich mehr mit dem Auto. Die Jüngeren bewegen sich multimodal. In unserer Altersgruppe wird nicht nur auf ein Verkehrsmittel gesetzt: Wir fahren mal Fahrrad, wir fahren mal Bus und fahren auch mal Auto, aber eben nicht nur. Das ist auch vielleicht eine Art Generationenkonflikt, die hier ausgetragen wird. Es geht aber letztendlich darum, gesund zu leben. Die Luft hier in der Stadt ist wirklich nicht gut. Und das merkt man auch. Ob Würzburg eine grüne Stadt ist, weiß ich nicht, aber die vielen jungen Leute tun der Stadt echt gut. Es wird auch über viele neue Ideen diskutiert.

Sprachrohr: Wir haben jetzt viel über die Stadt gesprochen, aber wie Marie es auch angesprochen hat, pendeln auch viele Leute in die Stadt. Darunter auch viele Studierende. Wie stellt ihr euch denn einen optimalen Weg nach Würzburg aus dem Landkreis vor?

Niklas: Das ist unterschiedlich. Im Maintal haben wir mit dem Mainradweg schon eine Art Prototyp für einen Radschnellweg. Wenn man mit dem Fahrrad zu einem Bahnhaltepunkt kommen kann, ist das auch gut. Es muss unkompliziert sein und es darf auch nicht unangenehm sein. Da gehören viele unterschiedliche Faktoren dazu. Man kann es auf die drei Kategorien reduzieren. Wenn es ungefährlich, unkompliziert und angenehm ist, ergibt sich das von ganz alleine. 

Sprachrohr: Habt ihr eine Lösung für Pendler*innen, die aus schlecht angebundenen und weitentfernten Orten kommen? 

Niklas: Das ist ein größeres, strukturelles Problem. Das Auto wird immer noch eine Rolle spielen. Hoffentlich ändern sich bald die Antriebstechnologien. Man muss aber auch nicht das Auto mitten in der Stadt abstellen, sondern man kann auch zu einem Bahnhaltepunkt fahren und von dort bequem mit dem Zug in die Stadt fahren. 

Sprachrohr: Der ÖPNV könnte doch sicher eine Lösung sein, oder?

Niklas: Das Problem beim ÖPNV ist, dass dort akribisch auf Rentabilität geachtet wird, obwohl das beim Autoverkehr ausgeklammert wird. Das führt dazu, dass der Bus aus dem Landkreis am Tag einmal zur Schule fährt und vielleicht zweimal zurück. Das liegt daran, dass viele Linien eigenwirtschaftlich betrieben werden. Der Bus sollte mindestens stündlich fahren. Dann ist der Bus manchmal nicht voll, aber das ist bei den Straßen auch ähnlich. 

Marie: Wenn sich der ÖPNV nicht durch Tickets finanziert, wird auch schnell von einem Verlustgeschäft gesprochen, beim Autoverkehr eher von Investitionen. 

Sprachrohr: Stichwort Investitionen: Wie steht ihr zu einem kostenlosen Nahverkehr?

Niklas: Bei uns wurde das Thema kostenloser Nahverkehr auch diskutiert. Das war aber nicht mehrheitsfähig. Es geht jetzt zuerst darum, dass man zuverlässige Stammgäste bekommt. Das Semesterticket generiert Stammgäste, weil die Studierenden nicht darüber nachdenken, ob es sich lohnt, weil sie es schon haben. Als erster Schritt muss das Tarifwirrwarr in den Städten bekämpft werden. Wir wollen ein Abonnementsystem. 

Sprachrohr: Welche Ideen für den ÖPNV in Würzburg habt ihr noch?

Niklas: Wir wollen die Linie 6. Ich meine auch, dass es sinnvoll ist daraus eine separate Linie zu machen, weil die Uni durch die Stoßzeiten einen anderen Takt braucht als andere Stadtteile mit normalen Wohn- und Gewerbegebieten. Auch nach Versbach wäre eine Linie möglich, weil die Versbacher Straße breit genug ist. Perspektivisch wollen wir auch in den Landkreis. Wenn man sich den Pendlerverkehr aus Richtung Höchberg anschaut, wo es keinen Schienenverkehr gibt und die Busse häufig im Stau stehen, könnte man deutlich mehr Menschen an den ÖPNV anbinden, wenn man dort eine neue Straßenbahnlinie schafft. 

Vielen Dank an Marie Büchner und Niklas Dehne für das Gespräch. Weitere Informationen über das „Bündnis Verkehrswende jetzt“ findet man unter http://www.verkehrswende-wuerzburg.de.

Max Schäfer