Literally Peace

Meine Stimme hat kein Gewicht und ich kann nichts bewegen. Mein gemachtes Kreuz beeinflusst keine Wahl. So eindeutig habe ich das nie ausgesprochen, aber so dachte ich jahrelang. Dennoch besuchte ich pflichtbewusst immer mein Wahllokal. Die Wahlprogramme las ich mir zuvor nie durch und ich recherchierte nur selten. Ich hielt mich seit jeher für politisch gebildet. So sehr, dass ich meinte, dass das Gewicht meiner Stimme zu gering sei, um einen Unterschied zu machen. Es brauchte erst eine Internetbekanntschaft, die mir zeigte, wie man die Welt zu einer besseren und sich selbst dabei zu einem besseren Menschen macht.
Im November 2016 traf Maria Tramountani in Barcelona Hazem Raad. Sie hatten bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb teilgenommen und waren in der finalen Runde gelandet. Die Teilnehmer*innen kamen aus Europa und dem Mittelmeerraum. Hazem kam aus Syrien. Maria und Hazem verbrachten die Zeit vor Ort mit langen Gesprächen.
Seither berichtet sie auf Lesungen, dass sie damals stutzig wurde, weil Hazem von der Zeit mit Freund*innen sprach. Von Feiern, der Uni und seiner Freundin. Die ihr innewohnende Erwartung, dass ein Mensch aus einem Land im Krieg nur vom Krieg erzählen würde, erfüllte sich nicht. Der Grund dafür ist simpel: Trotz Krieg leben dort Menschen. Und diese feiern, lieben und reden mit Freund*innen. Und sie reden wohl lieber über die schönen Dinge des Lebens als über all die bedrückenden Ereignisse, an denen jede Seele zu zerbrechen droht. Syrien hat mehr zu bieten als nur die Kriegsnachrichten.
Das wurde mir selbst erst bewusst, als Maria mich fragte, ob ich bei dem Projekt „Literally Peace“ dabei sein wollte. Nur als Autor natürlich. Ich war sofort begeistert von einem Projekt, welches sich zur Aufgabe macht, syrische und deutsche Autor*innen zusammenzubringen. Maria erledigte im Hintergrund alle Aufgaben: Sie kümmerte sich um die Homepage, plante und moderierte die Lesungen. Suchte nach guten Lösungen für die Videoschaltungen nach Damaskus. Knüpfte neue Kontakte. Sah nach den Finanzen und noch so einiges mehr. Wie viel Arbeit das war, konnte ich damals nicht wissen, dennoch hatte ich große, Lust selbst zu moderieren und nahm ihr diese Aufgabe nur zu gern ab. Das wollte ich allein deswegen schon, weil die Lesungen damals noch komplett in Stuttgart stattfanden und ich nicht allein für das Vorlesen eines Textes die Fahrt von Würzburg auf mich nehmen wollte.
Literally Peace wuchs. Immer mehr Autor*innen versammelte Maria für das Projekt und für die Auftritte fanden sich neue Veranstaltungsorte. All das zu planen und gleichzeitig ihrer Arbeit nachzugehen, konnte Maria nur, weil sie für das Projekt brannte, doch sie drohte auszubrennen. Sie fragte einige Mitglieder, ob sie Teil des Organisationsteams werden wollten, eines davon war ich. Ich überlegte kurz, merkte aber, dass auch mir das Projekt mittlerweile sehr ans Herz gewachsen war. Ich fühlte mich geehrt.
Dennoch blieb die meiste Arbeit an Maria hängen. Sie organisierte ein Teambuilding und so langsam verstanden wir, dass da doch noch mehr dazugehört. Gleichzeitig wandelte sich „Literally Peace“ von einem Projekt zu einem Verein und wieder kam Maria auf mich zu und fragte mich, ob ich gern mit ihr den Vorsitz teilen würde. Ich fühlte mich wie ein Betrüger, denn ich schätzte meine Mitarbeit als zu gering ein und fragte mich, warum es ausgerechnet ich sein sollte, der für diese Rolle infrage käme. Dieses Mal fiel mir die Zusage nicht so leicht und es brauchte einen Psychologen, der mich darin bestärkte, dass gerade solche Aufgaben das Leben wertvoll machen. Ich sagte zu und wurde zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Seither kümmere ich mich neben dem Schreiben, dem Lesen, dem Moderieren auch um die Homepage und werde dieses Jahr die Finanzen übernehmen sowie eine Lesung in Würzburg planen und durchführen.
Hätte man mir von vornherein gesagt, was da auf mich zukommen würde, hätte ich es vermutlich abgelehnt. Ich kenne mich sehr gut und weiß, wie übermächtig solch eine Aufgabenmenge wirken kann. Die Realität jedoch ist viel leichter, als es die Aufzählung der Aufgaben vermuten lässt. Und wenn die Arbeit doch mal schwerer erscheint, denke ich daran, was ich da mache. Ich sorge für einen Dialog zwischen Syrien und Deutschland und ich sorge dafür, dass wir Syrer*innen als Freund*innen, als Künstler*innen und als Menschen wahrnehmen und nicht allein als Kriegsopfer.
Weitere Infos zum Projekt und zu den Auftritten unter www.literallypeace.com
Steffen Gärtner