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Moderne Nomade, Urban Matcha oder Neo-Hippie? Lebensstile des 21. Jahrhunderts

Blogvon Sarah Schmittinger

“Neo-Hippie” von Anja Götz
“Neo-Hippie” von Anja Götz

In Berichten des „zukunftsInstituts“ bin ich über verschiedene Lebensstile der Spätmoderne gestolpert. Diese basieren auf Ergebnissen der Trendstudie Futopolis sowie Erkenntnissen der Lebensstile Workbox und kategorisieren unter anderem in Neo-Hippies, Urban Matchas, Neo-Biedermeier und moderne Nomaden. Doch was – und vor allem wer – steckt hinter diesen Begriffen? Auf der Suche nach außergewöhnlichen Lebensweisen sprach ich außerdem mit einer Studentin, die als Dachzeltnomadin dauerhaft in ihrem Auto lebt.

Ausgangspunkt der Berichte ist die Publikation „Lebensstile“ von Gatterer et al. aus dem Jahr 2017, die die Ergebnisse der Trendstudien bündelt und im Rahmen des zukunftsInstituts entstanden ist.Als empirisch fundierte, zukunftsgerichtete Analyse soll dieses Handbuch wohl vor allem Firmen dazu dienen, die Lebensstile, Wünsche und Ziele der Deutschen – heute und vor allem morgen – zu verstehen. Die Autor*innen definieren 18 Lebensstile, die zur Kundenanalyse genutzt werden sollen. Mir geht es weniger um marktstrategische Annäherungsversuche an meine Mitmenschen, ich möchte verstehen, wie wir leben und welche Möglichkeiten die Gegenwart im „Häuslichen“ bietet. Wie sich das Spektrum zwischen avantgardistischen und traditionellen Lebensweisen ausdifferenziert. Vier Lebensstile der Publikation möchte ich euch nun vorstellen. Gerade die ersten drei stellen dabei aktive Triebkräfte von Urbanisierungsprozessen dar.

Neo-Hippie – Das Wir gewinnt

Der Lebensstil des Neo-Hippies zeichnet sich vor allem durch einen starken Gemeinschaftssinn aus. Menschen, die lieber in der Gruppe auftreten als allein. Die lieber zusammenkochen, als sich am Abend eine Pizza liefern zu lassen, die in trauter Zweisamkeit des laufenden Fernsehers verspeist wird. Die lieber Erinnerungen auf Events erschaffen, an die man sich als Gruppe noch Jahre erinnert, als sich alleine einem Geschehnis hinzugeben: „Die Neo-Hippies gibt es daher quasi nur im Plural. Man trifft sie in Urban-Gardening-Projekten, auf Straßenfesten, Food Festivals, beim gemeinsamen Yoga im Park und im Uni-Café an. Neo-Hippies sind wertorientiert, wollen aber auch das Leben in vollen Zügen genießen. Die Stadt ist für Neo-Hippies der ideale Ort. Hier gibt es genug öffentliche Räume, die sie in der Gruppe entdecken und gestalten können.“ (1) Gerade Wohngemeinschaften bieten optimale Voraussetzungen, sich in diesem Lebensgefühl auszuprobieren. Von der Gemeinschaftskasse über Filmabende bis hin zur vollständigen Auflösung privater Räume im Sinne des funktionalen Wohnens.

Urban Matcha – der Trendsensor

Auch der Lebensstil des Urban Matcha, dessen deutsche Übersetzung zwischen städtisch und Grüntee wohl besser unterlassen werden sollte, zeigt deutlich, dass es hier um Trends und Extravaganz geht. Und auch Urban Matchas schätzen die Gemeinschaft: „Der Urban Matcha genießt aktuell viel Aufmerksamkeit, prägt er doch durch seinen Kleidungsstil und sein Konsumverhalten das Erscheinungsbild unserer Städte. Seine Experimentierfreudigkeit führt dazu, dass er überall dort zu finden ist, wo Neues entsteht. Urban Matchas feiern die regionale Einzigartigkeit ihrer Heimatstädte und dienen als „early Adopter“ für alle möglichen kulinarischen und kulturellen Trends. Die Stadt ist ihre Spielwiese, auf der sie sich mit ihren meist großen Freundeskreisen austoben können.“ (2)

Sie erkennen und adaptieren die Trends eher, als dass sie sie in eigener Kreativität hervorbringen. Dafür tragen sie maßgeblich zum Erfolg der Trends bei.

Moderne Nomade – immer auf Achse

“Urban Nomade” von Anja Götz
“Urban Nomade” von Anja Götz

Heute hier, morgen dort. Die Bachelorarbeit im Zug geschrieben, Bahncard 100 macht es möglich. Das moderne Nomadentum spielt sich nicht mehr in der umherziehenden Großgruppe, sondern in der Kleingruppe oder meist alleine ab. Das Prinzip des Nicht-sesshaft-seins ist geblieben: „Moderne Nomaden wollen die kulturellen und lokalen Eigenheiten der Regionen aufsaugen, in denen sie sich bewegen. (…) Ihr Nomadentum äußert sich aber nicht nur in ihrem Reisedurst zwischen verschiedenen Städten, sondern ebenso in ihrer Beweglichkeit innerhalb von urbanen Räumen. Eine klare Trennung von Orten und Räumen in die Kategorien „privat“ und „öffentlich“ oder auch „Arbeiten“ und „Wohnen/Leben“ kennt der moderne Nomade nicht mehr. Er lebt im wahrsten Sinne des Wortes im „Third Home“. (3)  Ganz im Sinne der Globalisierung werden Mobilität und Vernetzung als Teil einer selbstverwirklichenden, freiheitsliebenden Lebensweise praktiziert. 

Das Leben als Zeltdachnomadin

Während ich meine gesamte Studienzeit in WGs verbracht habe, lebt die Studentin Pauline Bürger (International Tourism Management) seit anderthalb Jahren dauerhaft in ihrem Auto. Als Zeltdachnomadin ist sie immer mobil. Ihre Kleidung verstaut sie in Kisten im Auto, ihr Bett baut sie abends auf dem Autodach auf. Auf der Suche nach dem nächsten Stellplatz klappt sie ihren Laptop an den verschiedensten Orten auf. Auch ihre Bachelorarbeit schrieb sie im Klappstuhl und mitten in der Natur, im Hintergrund ihr fahrbares Zuhause. Sie sagt: “I am traveling constantly, that is my lifestyle” und “Ich denke mir, wenn ich etwas machen will, dann mache ich es einfach. Anders macht man es am Ende nie. Und: es geht alles!“. Nachdem Pauline sich anfangs in öffentlichen Räumen, den sogenannten „third places“ aufhielt, um Wlan und Strom zu nutzen, lebt sie mittlerweile autarker: Von der Standheizung über die europaweite Internetflatrate hin zu einem Solarpanel entwickelt sich ihre Car-Living-Lebensweise immer weiter hin zu einem eigenen System. Aktuell arbeitet sie in Gelegenheitsjobs vor Ort, im letzten Jahr arbeitete sie als „digital nomad“ viel von ihrem Laptop aus. Sie sagt: „Ich sehe nicht nur Geld, sondern auch alle Erfahrungen, die ich sammle, als Altersvorsorge.“

Wer sich für den Lebensstil der Dachzeltnomaden oder das Reisen als Frau interessiert, sollte unbedingt mal auf ihrem Instagram Kanal @pauline_s_buergerbewegung vorbeischauen.

Neo-Biedermeier – Zuhause ist es am schönsten

Im Vergleich zu den vorherigen, progressiven Lebensstilen, findet sich im Begriff des Neo-Biedermeiers ein gemütlicherer, einfacherer und funktionalerer Typus wieder: „Was ihn auszeichnet, ist die Rückbesinnung auf die Gemütlichkeit und Sicherheit des Hauses, die Idylle des Privaten und der traditionellen Familie als Dreh- und Angelpunkt der Lebensgestaltung. Diese Fokussierung speist sich teils aus einer Flucht vor dem Wandel: Aus der Angst vor den Herausforderungen der Globalisierung und im Speziellen aus dem zunehmenden Verlust der Privatsphäre in einer mehr und mehr digitalisierten Welt.“ (4) Als Reaktion auf die schnelllebige Zeit und in besonderer Wertschätzung der eigenen vier Wände, bevorzugen Menschen dieses Typus‘ die Grillparty mit Familie und Freunde im eigenen Garten vor dem Brückenshoppen im Getümmel.

Fazit

Über die Begrifflichkeiten und möglichen Zuordnungen lässt sich durchaus streiten. Amüsant und unterhaltsam sind sie allemal. Gerade im Zuge der Digitalisierung, die durch die Corona-Krise stellenweise beschleunigt wurde, scheint es wohl nicht ganz weit hergeholt, zu spekulieren, dass in den nächsten Jahren auch immer mehr Studierende ihre Semester als digital Nomaden gestalten könnten. Egal, ob man im Sinne des Neo-Biedermeiers im familiären Heim verbleibt und Miete spart, oder ob man der Reiselust des modernen Nomadentums nachgehen möchte.

Von Sarah Schmittinger

Quellenangabe:

1-3: Hofstätter, Philipp: Der Lebensstil „Moderner Nomade“ verkörpert das urbane Mindset. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wohnen/futopolis-und-der-moderne-nomade/

4: https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wohnen/pioniere-fuer-kuenftige-wohnkonzepte/