#Stayathome! Digitales Engagement in Zeiten der COVID19-Pandemie

Wie in Zeiten der Krise
das Internet plötzlich sein volles
Potential ausschöpfen kann
Me Too – ich auch. Ich stehe hinter dir. Ich habe dasselbe erlebt. Ein Aufruf, der schon in kleiner Runde für viel emotionalen Beistand und vielleicht eine kleine Revolte sorgen kann.
#MeToo ist der Hashtag, der seit Oktober 2017 eine kaum für möglich gehaltene Welle in den sozialen Medien losgetreten hat, nachdem er im Zuge des Weinstein-Skandals von Alyssa Milano auf Twitter mit dem Aufruf zur Verbreitung verwendet wurde, um auf sexuellen Missbrauch in Hollywood und im Allgemeinen aufmerksam zu machen. Im Zentrum des Skandals steht Harvey Weinstein, ein US-amerikanischer Filmproduzent, der dutzende Frauen aus der Filmindustrie jahrelang missbraucht, sexuell genötigt oder vergewaltigt haben soll. Im Februar dieses Jahres ist Weinstein in den beiden Anklagepunkten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung schuldig gesprochen und zu 23 Jahren Haft verurteilt worden.
MeToo – ein Hashtag, der um die Welt geht, nicht nur weil er eine lange bereits erahnte und vertuschte Wahrheit ans Licht der Öffentlichkeit bringt, sondern weil er es geschafft hat, eine ganze Bewegung ins Rollen zu bringen, die auf einen allgemeinen Missstand in der Gesellschaft hinweist: Dass es immer noch viel zu viele Frauen und Männer gibt, die Opfer sexueller Gewalt werden.
#Metoo ist ein Paradebeispiel für den sogenannten Cyberaktivismus, hier vertreten als Mittel der digitalen Identitätsstiftung. Sandor Vegh unterteilt den Cyberaktivismus in drei Kategorien, die ebenso als aufeinander aufbauende Stufen verstanden werden können. Die erste Kategorie ist die der Advocacy: Ziel dieser Stufe ist es, die Reichweite des Internets und der sozialen Medien zu nutzen, um Aufmerksamkeit für einen bestimmten Missstand zu erzeugen. Zweite Kategorie ist die Organisation/Mobilisierung: Es wird sowohl zu Offline- und/oder Online-Aktionen aufgerufen. Als letzte Stufe folgt die Aktion/Reaktion: Hierunter versteht Vegh unter anderem den Hacktivismus, als teils kriminelle Form, sowie Cyber-Kampagnen und als extremste Form Cyber-Kriege.
Wie sieht Online-Aktivismus aber nun in Zeiten aus, in denen nahezu sämtliches gesellschaftliches und soziales Leben in den digitalen Raum verlagert wurde?
Was macht die Corona-Krise mit dem Online-Aktivismus? Der Hashtag, der aktuell die Medien bestimmt, ist einer, der so gar nicht nach Aktivismus klingt, sondern im Gegenteil zum konsequenten Attentismus aufruft: #stayathome.
Noch nie war es so einfach etwas „Gutes“ zu tun, oder zumindest nicht das Falsche:
Zuhause bleiben, um Covid-19-Risikogruppen und das Gesundheitssystem zu schützen. Aber trotzdem müssen Menschen anscheinend selbst dazu motiviert werden, auch wenn der Mehrwert für das Allgemeinwohl so immens ist. Die Corona-Krise ist schätzungsweise eine der größten Belastungsproben für sowohl das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und unsere Solidarität seit dem zweiten Weltkrieg. Mit einem Unterschied: Damals gab es das Internet als riesiges soziales Netzwerk und dessen Möglichkeiten der Verlagerung von Tätigkeiten wie Einkäufen, Spenden, Kommunikation und humanitärer Unterstützung in den digitalen Raum noch nicht.
Die Bundesregierung hat das Potential bereits frühzeitig erkannt und den größten Hackathon veranstaltet, den es je gegeben hat: Rund 43.000 Menschen haben sich zusammengetan – online. #WirVsVirus nannte sich das Event. Noch ein Hashtag für das Gute. Entstanden sind dabei u.a. Ideen wie das digitale Wartezimmer, über das man Symptome online abfragen kann, die Vermittlung von Nachbarschaftshilfe oder Apps, die die Auslastung von Supermärkten erfassen und so den Besucherandrang koordinieren und Ansteckungsfelder reduzieren können.
Und nicht nur die Regierung nimmt ihre Bürger in die Verantwortung: Nachdem das analoge Leben so gut wie vollständig lahmgelegt ist und Versammlungen mit Menschen über zwei Personen untersagt sind, wodurch Demonstrationen in den meisten (und besten) Fällen ebenfalls unter die verbotene Veranstaltungskategorie fallen, muss auch diese Protestform sich anpassen: Luisa Neubauer, bekannt als Buchautorin und Gallionsfigur der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung, ruft zur digitalen Freitagsdemo auf. Im digitalen Klimastreik halten die Aktivisten also ihre Plakate in die Webcams ihrer Laptops, anstatt damit durch die Straßen zu ziehen.
Und was können wir Studenten jetzt in Würzburg machen? Wie können wir unsere Nachbarn, Risikogruppen und die lokalen Läden unterstützen?
Zum Beispiel, indem wir zuhause in unseren Wohnzimmern zu den Live-Streams vom Kurt und Dornheim tanzen und den Beitrag spenden, den wir sonst für Eintritt und Gin Tonic ausgegeben hätten. Oder schauen, welche alternativen Angebote die Läden aktuell in der Corona-Krise haben. Hierzu findet sich auf Instagram eine sehr hilfreiche Plattform, die darüber informiert. Auch hier spielt als Name wieder ein Hashtag eine tragende Rolle, diesmal der der Solidarität: #einwuerzburg.
Viktoria Horn