Die BlackLivesMatter Bewegung
Am Freitag den 05. Juni 2020 fanden sich rund 1000 junge Menschen nach dem Aufruf des Anti-Rassismus-Referats der Uni Würzburg, der BI_PoC Hochschulgruppe, Schwarzlicht Würzburg und der Antifa Würzburg an den Mainwiesen zusammen, um dort friedlich zu demonstrieren. Der Katalysator dieser weltweiten Demonstrationen war der grausame Tod des Afroamerikaners George Floyd. Dieser starb am 25. Mai, als der weiße Polizist Derek Chauvin ihm 8 Minuten und 46 Sekunden lang sein Knie in den Nacken drückte. Den Aufrufen von Passanten, der Polizist solle sein Knie aus dem Nacken des Mannes nehmen, kam die Polizei nicht nach. George Floyd erlitt nach diesen knapp neun Minuten einen brutalen Tod und wurde von der Ambulanz am Tatort abtransportiert.
Rassismus ist in der westlich-europäischen, wie auch der US-Gesellschaft nichts Neues, nur wurde er in den USA nun gefilmt und landete im Netz. Der BlackLivesMatter Bewegung, die 2013 nach dem Tod des Highschool-Schülers Trayvon Martin durch eine Schusswaffe entstand, schlossen sich nun mehr Menschen weltweit an, denn je. Was als friedliche Bewegung startete, endete in den USA mit tausenden Festnahmen und Gewalt gegenüber Demonstrierenden. Videos von Polizei-SUVs, die in Menschenmengen fuhren und Polizisten, die mit Metallstäben auf Demonstrierende einschlagen, gehören im Social Media zur Tagesordnung. Tagsüber wird demonstriert und nachts brennen Autos. Schaufensterläden werden zersprengt, Geschäfte geplündert. Mit Blick auf die USA ähneln die Zustände einem Bürgerkrieg. Die eine Seite fordert die Abschaffung der Polizei – die andere Seite den Einsatz des Militärs. Zwei Fronten prallen aufeinander, wie Wellen auf die Brandung. Die Gischt die dabei entsteht sind die Träume von BI_PoCs und People of Colour, wie auch allen weißen Menschen, die sich der BlackLivesMatter Bewegung angeschlossen haben, nach einer Welt, in der Schwarze Menschen und People of Colour dieselben Rechte besitzen, wie Menschen, die die „weiße Norm“ prägen.
Es ist bewundernswert zu sehen, dass so viele Menschen ihr demokratisches Recht auf öffentliche politische Partizipation geeint für eine Sache einsetzen. Dennoch gilt: Im Rahmen der BlackLivesMatter Bewegung sollen die Stimmen Schwarzer Menschen und People of Colour gehört werden. Es ist die Aufgabe von weißen Menschen, ihnen Gehör zu schenken, ihnen den Vortritt zu lassen und sich selbst nicht nach dem Motto „white saviorism“ in das Rampenlicht zu stellen. Es ist ein Kampf bei dem wir unsere Schwarzen Mitmenschen unterstützen, ihnen jedoch nicht ihre Stimme wegnehmen sollen. Deshalb gilt es für weiße Menschen, sich selbst dabei zu reflektieren, den Raum freizugeben und einen Schritt zurückzutreten.
Mit Blick nach Deutschland sind mehrere tausend Menschen auf die Straße gegangen, 25.000 in München, 15.000 in Berlin und Leipzig und 14.000 in Hamburg. Denn struktureller Rassismus und Diskriminierung herrschen auch in Deutschland. Institutionen wie die Polizei behandeln Bi_PoC gesondert, alles nur aufgrund einer unterstellten Herkunft oder ihrer Hautfarbe. In Deutschland allein gibt es seit 1990 159 Todesfälle von Bi_PoC in Gewahrsam [1] (Death in Custody) und die KOP (Kampagne für Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt) hat einen 300 Seiten langen Bericht über rassistisch motivierte Vorfälle von 2000 bis 2020 veröffentlicht. Das schlimme hierbei: Die Handlungen der Beamt*innen haben für dieselben oftmals keine Folgen. Die Opfer stellen keine Strafanzeige, werden aber allzu oft selbst angezeigt. Auch die NSU-Prozesse, die immer noch nicht restlos aufgeklärt wurden, zeugen vom rassistischen Problem Deutschlands.
In Berlin und Hamburg wurden am 06. Juni bei der BlackLivesMatter Demonstration junge BI_PoCs willkürlich und auf brutale Art und Weise von Polizist*innen festgenommen. Ein zynischer Akt – mit der Begründung, dass die Schilder der Demonstrant*innen provoziert hätten – der die ach so treuen Staatsdiener in ein sehr schlechtes Licht rückt. Wer den Staat durch seine Rolle repräsentiert, repräsentiert durch sein Handeln vielleicht ja auch ein Stück weit den Staat selbst?!
Und ebenso zynisch ist es, wenn People of Colour kein Raum im öffentlichen Fernsehen gegeben wird oder eben erst dann, wenn man sich aufgrund der Vorfälle gezwungen fühlt, aber niemals freiwillig, von vornherein. All diese Brandherde werden mit der Forderung BlackLivesMatter angesprochen und diese gilt es abzulöschen und umzugestalten.
Das erste und zweite Quartal dieses Jahres waren geprägt von Einschränkungen, wie sie viele von uns bisher nicht kannten. Von einem unsichtbaren Gegner, dessen Folgen allzu sichtbar waren. Konsequenzen, die bis jetzt von der Dunkelheit verschlungen lagen, werden erst später sichtbar werden. Und nun ist es der Rassismus, der sichtbar wurde, gegen den Millionen von Individuen aufstehen, in der Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Sie stehen voller Zorn, Frustration, Wut, Angst, Trauer, Hoffnung und Empathie nebeneinander. Reichen sich die Hände und nehmen sich in den Arm. Mit Träumen von einer gerechteren Welt, in der niemand mit Nachteilen behandelt wird, dem Ziel und dem Willen, etwas zu ändern und der Hoffnung, dass sich etwas ändern wird, stehen deshalb Millionen von Menschen mit Wut im Bauch und Trauer im Herzen in diesem neuen Jahrzehnt der BlackLivesMatter Bewegung bei.
Anti-Rassismus-Referat
[1] Death in Custody https://deathincustody.noblogs.org/. Zuletzt abgerufen am 10.06.2020.