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Die Corona-Komfortzone

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Illustration: Khushi Ghosh (Instagram: artistry_view)
Illustration: Khushi Ghosh (Instagram: artistry_view)

Ich habe die Vermutung, dass es schrecklich klingen wird, was ich gleich sage, aber ich sage es trotzdem: Als am 18. März dieses Jahres die Läden und Cafés geschlossen wurden und die Bevölkerung gebeten wurde, sich in Selbst-Quarantäne zu begeben wegen Corona, war das für mich eine Freude. Versteht mich nicht falsch, ich fand die vielen Tode, die Corona gefordert hat, schrecklich. Dass Menschen finanziell leiden werden und Existenzängste hervorstanden, hat in mir Mitgefühl und Sorge für unsere Gesellschaft ausgelöst. Dass Familienmitglieder ihre Eltern und Großeltern nicht mehr besuchen durften, tat mir unendlich leid. Für mich persönlich jedoch habe ich mich gefreut. Zuhause mit meiner Katze und meinen Eltern zu sein, befindet sich genau in der Mitte meiner Komfortzone, wo es schön warm und gemütlich ist. Als jemand, die eher introvertiert ist und soziale Ängste verspürt, spürte ich zwar oft den Druck (meistens von mir selbst), etwas mit Leuten zu unternehmen, aber allein der Gedanke daran machte mich oftmals gleichzeitig müde und nervös. 

Als angekündigt wurde, dass alle Geschäfte schließen und Frau Merkel uns in ihrer 13-minütigen Ansprache bat, zuhause zu bleiben, wusste ich, dass meine Freunde und ich vernünftige Menschen sind und den Anweisungen folgen werden. Ich verspürte im Gegensatz zu vielen Menschen Freude, denn das hieß: Es gibt keinen Druck, etwas zu unternehmen. Ich werde keinen FOMO (fear of missing out – Angst davor, etwas zu verpassen) mehr zu befürchten haben, denn nun würde ich wissen, dass nicht nur ich mich nicht sozialisiere, sondern alle. Zuhause bleiben zu können, ohne FOMO zu empfinden, fühlte sich wie ein Geschenk des Universums an!

Als die Quarantäne begann, fühlte ich mich so wohl, dass ich fröhlicher hätte nicht sein können. Wie alle anderen Menschen machten mich die Nachrichten über die Tode der Menschen traurig und ängstlich. Ich bin kein Unmensch. Für mich persönlich war es aber ein Traum. Als das Semester losging, machte ich mir auch zum ersten Mal seit meinem Studienbeginn keine Sorgen darum, ob ich in den Kursen nette Leute kennenlernen würde. Alle Veranstaltungen wurden online gehalten und diese Angst brauchte ich dieses Semester nicht zu haben. Und obwohl man viele neue Softskills erlernen musste, wie die Bedienung von verschiedenen Videochat-Plattformen, fühlte sich alles großartig an. 

Monate vergingen. Ich fühlte mich so pudelwohl, dass ich keinen Gedanken daran verschwendete, wie es weitergehen würde, wenn die Quarantäne vorbei war. Ich war so warm und wohlig in meiner Komfortzone gefangen, dass ich nicht darüber nachzudenken vermochte, dass das irgendwann enden würde. Doch dann passierte etwas Unerwartetes: Ich habe angefangen, mich nach Cafébesuchen mit meinen Freunden zu sehnen. Ich habe angefangen, die menschliche Interaktion zu vermissen und das aufregende Gefühl vor einem neuen Semester. Die Komfortzone meiner vier Wände fühlte sich plötzlich nicht mehr wie eine warme Decke an einem regnerischen Tag an, wie das bisher immer war. Es fühlte sich eher so wie eine Jeans, die zu klein ist an, aber da sie früher Mal so gemütlich war, weigert man sich, sie zu verschenken – in der Hoffnung, dass man wieder reinpasst. Die Pandemie hat mir gezeigt, dass meine Komfortzone auf Dauer bei weitem nicht so schön ist, wie ich mir das immer ausgemalt habe. 

Die Komfortzone hat sich als ein Ort für kurze Rückzüge, als ein Ort der Erholung erwiesen, aber kein Ort, an dem man leben möchte. Zu langes Bleiben in der Komfortzone hat mich belehrt, dass Dinge, die mich ruhelos und manchmal müde machen, aufregend sind. Neue Menschen zu treffen ist für mich nicht leicht, aber keinerlei Nervosität und Aufregung zu empfinden, macht das Leben eintönig. Die Quarantäne brachte mich dazu, meine Freunde öfter sehen zu wollen und mich wieder auf erste Tinderdates zu freuen. Die Corona-Komfortzone hat mich Vorfreude für Dinge spüren lassen, vor denen ich mich früher aus Angst gedrückt habe, denn: Was ist schon ein Leben ohne jegliche Aufregung? 

Das Leben in der Komfortzone ist unglaublich gemütlich, aber ein lebenswertes Leben wurde noch nie mit dem Wort „gemütlich“ beschrieben. Als die Corona-Regeln gelockert wurden und man wieder Menschen aus anderen Haushalten treffen durfte, stürzte ich mich Hals über Kopf (und Corona-konform) in das Leben. Als ich auf dem Weg zu einem Treffen mit meinen Freundinnen in der Bahn saß, bemerkte ich: Ich verspürte nun keine Nervosität mehr, sondern Dankbarkeit.

Xenia Hoff