Das neue Jahrzehnt der Frauen: Feminismus in Zeiten des Umbruchs – eine gesellschaftspolitische Analyse

„Feminismus gibt selten Antworten. Feminismus lädt zum Denken ein. Und er lädt uns dazu ein, groß zu denken, utopisch. […] Verstehen Sie Feminismus daher als Denk-Technik. Als Träumen. […] Unsere gesellschaftliche Weiterentwicklung braucht Menschen, die daran glauben, dass andere Wege möglich sind.“
Dieses Zitat stammt von Teresa Bücker, einer Journalistin und bekennenden Feministin.
Dabei wird deutlich, dass es beim Thema Feminismus vor allem um eines geht: den zukunftsgewandten Fortschritt in Hinblick auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung des weiblichen Geschlechts. Zahlreiche feministische Gruppen wie etwa die Femen-Aktivistinnen, die in der Vergangenheit mehrfach mit medienwirksamen Oben-Ohne-Aktionen auf sich aufmerksam machten, fordern aus diesem Grund inzwischen lautstark die ausnahmslose Gleichberechtigung aller Geschlechter ein. Sowohl die Herkunft, als auch die sexuelle Orientierung, die Religionszugehörigkeit oder jegliche Form von Körperlichkeit, sollen in diesem Kontext keine Rolle spielen.
An dieser Stelle sollte besonders betont werden, dass es nicht DEN einzig richtigen Feminismus gibt. Feminismus hat viele Facetten und besitzt demnach keinen vorgefertigten oder gar rigiden Rahmen, innerhalb dessen er stattfindet. Daher sind die Grenzen, wo Feminismus anfängt und wo er aufhört, ebenso fließend und vielfältig wie die Forderungen einzelner Aktivist*innen selbst. Der einstige Kampf gegen Unterdrückung und Würdelosigkeit ist vorrangig dem gegen sexualisierte Gewalt und gegen verkrustete Strukturen des Patriarchats gewichen. Frauen rund um den Globus setzen sich heute mehr denn je gegen Ungerechtigkeit ein – dabei werden klassische Rollenbilder als obsolet betrachtet.
Diese Tendenz spiegelt sich zunehmend im Rahmen politischer Maßnahmen wider: Im Jahr 2018
verabschiedete die Bundesregierung die Beseitigung gesellschaftlicher Geschlechterungleichheit in Form des Bundesgleichstellungsgesetzes (AGG). Demzufolge soll eine Mindestgeschlechterquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten dazu führen, dass mehr Frauen die Chance bekommen, selbst aktiv in Vorständen börsennotierter Unternehmen tätig werden zu können. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll mit Hilfe von Elterngeld plus und dem flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung erheblich verbessert werden. Das ist aber aus feministischer Sicht immer noch nicht genug, denn: Im Durchschnitt verdienen Frauen rund 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, daran soll der jährliche Equal Pay Day am 18. März erinnern. Die Ursachen dafür sind allerdings weitestgehend unbekannt. Zwar arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit oder in Minijobs und bekleiden seltener Führungspositionen, dennoch ist dies kein hinreichender Grund dafür, dass bei gleicher Branchenzugehörigkeit und gleicher Position immer noch eine Lohnlücke von rund sechs Prozent vorliegt.
Die Berücksichtigung der Gleichberechtigung von Mann und Frau im gesetzlichen Kontext mag einer von vielen Gründen sein, weshalb der Feminismus inzwischen immer mehr Einzug in alle Lebenssphären erhält. Auch im kulturellen Bereich treten feministische Tendenzen zuletzt vermehrt in Erscheinung: Plattformen wie femtasy bieten mittlerweile erotische Hörgeschichten an, die in erster Linie Frauen und deren Lust explizit adressieren, indem die weibliche Fantasie auditiv angeregt wird. Dies verdeutlicht umso mehr, dass konventionelle Pornographie und Sexualität überhaupt zu stark von männlichen Bedürfnissen dominiert werden und folglich weder inhaltlich, noch visuell den weiblichen Anforderungen an Sexualität gerecht werden. Nicht zu vergessen, dass klassische Pornographie heute allgemein mit Realitätsferne assoziiert wird.
Dieses Beispiel bestätigt einmal mehr, dass Feminismus themenübergreifend den Anspruch hat, fortschrittlich zu sein und den Frauen eine gewisse Orientierung zu bieten. Denn oftmals werden die Bedürfnisse der Frauen denen der Männer untergeordnet oder finden im gesellschaftlichen Raum kaum Beachtung. Viele Feministinnen vertreten daher die Auffassung, dass es zwar schrittweise Verbesserungen in einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen gebe, diese aber nur einen Anfang darstellten. Insgesamt seien die Bemühungen bisher noch insuffizient.
Insbesondere in der gegenwärtigen Zeit, die für viele Experten auch als eine Zeit des Umbruchs beschrieben wird, werden gesellschaftliche Bruchlinien deutlicher sichtbar als jemals zuvor. Weltweite Krisen, wie die Covid-19-Pandemie, können so beispielsweise innerhalb kürzester Zeit sehr wirkungsvoll die Defizite ganzer Volkswirtschaften porträtieren, marode Gesundheitssysteme und unzureichende Digitalisierung fordern zusätzlich einen hohen Tribut. Die Klimakrise verstärkt zusätzlich vorherrschende Ungleichheiten, Ressourcen verschwinden zunehmend und das Ringen um die globale Hegemonie hat unlängst begonnen.
In dieser Phase der Veränderung fungieren Medien als sozialer Katalysator, der bereits stattfindende Entwicklung innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenlebens kompakt bündelt und die gesellschaftlichen Emanzipationsbestrebungen medial aufbereitet, um diese für die breite Masse der Bevölkerung erst zugänglich zu machen. Feminismus wird in diesen Tagen mit Hilfe von Social Media erst so richtig gesellschaftsfähig, denn: alle Angelegenheiten, Wünsche, Sorgen und Nöte der Menschen, die im öffentlichen Raum sonst kein Gehör finden, können von nun an problemlos über zahlreiche Social Media Plattformen weltweit großflächig verbreitet werden.
Diese Funktionsprinzipien ermöglichen also die Beeinflussung der aktuellen Relevanz eines Themas im öffentlichen Leben. Denn die Medien sind es, die letztlich maßgeblich darüber mitentscheiden, welche gesellschaftlichen Diskurse eine Plattform in der öffentlichen Sphäre bekommen. Ein prominentes Beispiel im feministischen Kontext bietet in jüngster Vergangenheit der Kurzfilm „Männerwelten“, welcher von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf für ProSieben produziert wurde. In nur 15 Minuten wird dem Zuschauer eindrucksvoll vor Augen geführt, wie alltäglich Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen doch sind und vor allem: Wie verstörend zum Beispiel das ungefragte Versenden sexuell aufgelader Bildern doch sein kann, ganz zu schweigen von weiteren offensiv diffamierenden Kommentaren zumeist männlicher User unter Bildern, Beiträgen und Videos, die die betroffenen Frauen zum Teil schwer belasten.
Formate wie „Männerwelten“ schaffen eine direkte Diskussionsgrundlage, die es Betroffenen ermöglicht sich über Erfahrungen auszutauschen, aber auch Verursachern Raum für Reflektion bietet. Angekommen in der Mitte der Gesellschaft, haben diese aufgedeckten sozialen Missstände die Chance, im Nachgang als Anregung für weitere Projekte und Ideen zu dienen und somit ein neues Bewusstsein für die Wichtigkeit der Gleichheit aller Geschlechter zu schaffen. Denn Beiträge wie dieser sind es, die weitaus mehr über den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft aussagen, als so manchen unter uns lieb sein mag.

Darüber hinaus bedeutet Fortschritt automatisch Veränderung. Und diese kann nur stattfinden, wenn auch prekäre Themen in den gesellschaftlichen Diskurs miteinbezogen und integriert werden. Krisen eröffnen so oft erst Chancen und noch öfter Möglichkeiten eben solche sozialen Missstände zu erkennen, um diese im gesellschaftlichen Spannungsfeld neu zu kalibrieren. Eine bessere Gesellschaft lebt schließlich von gegenseitiger Toleranz, dem nötigen Respekt gegenüber den Mitmenschen und noch mehr von der Akzeptanz anderer Lebensformen fernab der eigenen. Feministinnen sind sich einig: Die Devise „boys will be boys“ ist aus den eben jenen genannten Gründen längst überholt und hinfällig. Gerade in der Gegenwart, dominiert von Chaos und Entschleunigung, gilt es im Besonderen selbst Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und gegebenenfalls die Konsequenzen dafür zu tragen. Gegenseitige Unterstützung und die Stärkung des innergesellschaftlichen Zusammenhalts sind unerlässlich, das zeigen Bewegungen wie „Black-Lives-Matter“ oder „#metoo“ ganz deutlich. Denn nur wenn alle gesellschaftlichen Teilgruppen in Entscheidungen gleichermaßen berücksichtigt werden, können Dialoge verbessert und infolgedessen die Herausforderungen der Zukunft nachhaltig bewältigt werden.
Feminismus geht uns alle etwas an.