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Über Protest und „Immer-Anti-Sein“

Blog

Quelle: Charley R.

Anmerkung: Diese Inhalte sind satirisch zu verstehen und richten sich in keiner Form gegen eine Personengruppe. 

Die Illusion, alles sei in besserer Form möglich, scheint für den Menschen (besonders den der jungen, verunsicherten Sorte) der letzte Strohhalm zu sein, an den sich in Momenten der Verzweiflung geklammert wird. Denn der junge Mensch platzt beinahe vor Hoffnung und lechzt begierig nach dem Gefühl, etwas verändern zu können. Diese Spezies will nicht nur hilflos in einem leeren Raum sitzen und weder mit der Wirtschaft noch dem Klima oder den Menschenrechten in der aktuellen Politik zufrieden sein. Anstatt unter der Last dieser Unzufriedenheit zusammenzubrechen, fühlt sich der Mensch von innen heraus dazu gedrungen, leidenschaftlich auf Demos zu gehen und schreit sich die Seele aus dem Leib, hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Keine Festung Europa“ oder „mother earth is hotter than my imaginary boyfriend“. Es wird protestiert, gegen das System, die aktuelle Situation; es wird Farbe bekannt, man lässt sich nicht zensieren, nicht in Deutschland. Flüchtlinge sind Menschen, die Rechte wie alle verdient haben, der Mensch ist verschwenderisch bei Fleischkonsum, CO2 ist eine Katastrophe, sofort raus aus Kohle- und Atomenergie. Luxusgüter sind Hedonismus, man will erstklassige Bildung für alle, die Miete soll runter, die Rente hoch… und andere und viel extremere Denkrichtungen.  

Immer-Anti-Sein macht der Demonstranten-Generation Spaß, weil sich jeder Protestierende individuell vorkommt und nicht so dumm ist wie der Rest einer blinden Nation. Veränderung ist attraktiv, macht uns sexy. Protest geilt die schwitzende Meute geradezu auf. Der verklärte Gedanke, als gemeinsame Gruppe für die richtigen Werte zu kämpfen, lässt das Herz vieler einzelner verwirrter Seelen schneller schlagen. Hauptsache anders, als es gerade ist. Und das größte Vorbild der veganen, politisch engagierten, pöbelnden, aber toleranten, manchmal brutalen und ausnahmslos alternativen jungen Leute, ist die legendäre 68er-Bewegung. Die Idee, frei zu sein, alle Barrieren zu brechen und sich gegen konservative Werte zu stellen, ist heute fast identisch geblieben. Es war damals, ist heute und bleibt auch in Zukunft immer dasselbe Zerren und Ziehen an Moral, Werten und Normen, die die Gesellschaft ausmachen. 

Und dann gründen sich ganze Bewegungen, wie die Fridays for Future-Proteste und manch einer sitzt vorm Fernseher und denkt sich: „Geil. Das ist ja mal was Sinnvolles.“ Im Internet sind dann auch endlich mal vernünftige Inhalte von jungen Leuten für junge Leute zu finden – anders als ultrahässliche Snapchat-Filter oder Videos von Babys, die auf Hunden reiten und Papageien, die Klavier spielen. Da kann man ja fast schon stolz auf die protestierende Jugend sein, die sich auf Marktplätzen versammelt, denselben Spruch immer und immer und immer und immer wieder grölt und dann dabei endlich gemeinsam zum so flehentlich herbeigesehnten Orgasmus gelangt. Die Kids kriegen nämlich eine Sache, die ihr Leben in der Demo-Gruppe als unbedeutender Einzelner lebenswert macht: Aufmerksamkeit. Und auch noch für ein sinnvolles Ziel! Endlich werden sie gesehen, auch wenn sie sich dabei vielleicht mit älteren, rechts-konservativen, weißen Männern auf der Straße anlegen müssen oder Feindseligkeiten mit Polizisten austauschen. Und es wird sozialisiert, sich über gemeinsame Ziele unterhalten und sich gegenseitig maximal aufgeheizt. Inspiration führt zu Innovation und verbessert alle veralteten, bröseligen Werte. Es ist wie ein gemeinsames großes Aufräumen in der Gesellschaft oder, aus einem anderen Blickwinkel, der Exorzismus von vergifteten, teuflischen Normen aus der Vergangenheit.

Ist es nicht unverschämt, dass Frauen noch immer satte 21% weniger verdienen als ihre testosteron-belasteten Kollegen? Dass Tiere ein würdeloses Leben führen und einen grausamen Tod erleiden, bevor sie die Ehre erhalten, den Menschen als Steak oder Salami beglücken zu dürfen? Dass der Flüchtlingsstrom von der türkischen Regierung als Waffe der Unmenschlichkeit verwendet wird, um sich das überforderte Moralapostel-Europa gefügig zu machen? Viele sagen: „Ja, das ist es“, und es ist großartig, dass sich junge Leute engagieren. Wirklich. Und es soll Wirkung zeigen. Nichts davon ist nichtig und junge Leute sind die Einzigen, die sich für die Verbesserung der Welt so zum Affen machen können. Weil sie doch die Zukunft sind. 

Doch die Neigung, zu übertreiben, wird der Jugend zum Verhängnis. Friedlich bleiben ist nicht immer einfach. Und beim Protestieren haben plötzlich alle eine Strafanzeige wegen Anspucken eines Passanten, eines Polizisten oder einer Taube am Hals. Darauf folgen Beleidigungen, Ausschreitungen, die erste Faust wird verteilt, der Erste geht zu Boden. Hass entsteht. „Die Obrigkeit hat Schuld!“, schreit der Anwaltssohn. „Besitz und Konsum sind Verblendung!“, pöbelt die junge Studentin, die das Tragen eines BHs heldenhaft boykottiert. Am besten jetzt sofort eine Anarchie. Oder zurück zur Diktatur? Es bilden sich rechte, linke oder diagonal-gewellte, blau-rot-gestreifte Flügel. Radikale Gruppen spalten sich ab. Unzufriedenheit nährt ihren Hass. Das Ziel, etwas zu verbessern, wird zum Vorwand, um Gewalt anzuwenden. Gewalt vermittelt das Gefühl von Macht und ist nachweislich luststeigernd. Da müssen wir aufpassen, immer hinterfragen, ob für die richtige Sache gekämpft wird und ob es dafür faire Mittel gibt. Leider verändert sich Politik nicht von heute auf morgen. 

Doch keine Sorge, es findet sich immer einer Gruppe voller wahnsinnig inspirierter Köpfe, die uns mitreißen, Pappschilder bekritzeln und Wochen, Monate, Jahre vor Tierheimen oder dem Bundestag kampieren. Friedliche Querdenker. So haben wir sie am liebsten. Weil wir dann etwas zum Beobachten und zum Tratschen haben, zum Belächeln und Bewundern. Und wir wissen, dass wir Veränderung brauchen, um des Fortschritts willen. Es wurde sich in der Vergangenheit so zahlreich dafür eingesetzt, dass Protest gesetzlich erlaubt ist und somit hat die ganze Gesellschaft die wunderbare Chance erhalten, gehört zu werden. Das heißt, wenn es etwas zu sagen gibt, verfügt er, sie, divers etc. heutzutage über die Möglichkeit, sich auszudrücken und zu beklagen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein hart erkämpftes Privileg. Wer dieses nicht nutzt, sich nicht auch mal für das eigene Ziel lächerlich macht und sich so den Augen der urteilenden Öffentlichkeit zum Fraß vorwirft, steht sich letztendlich nur selbst im Weg.

Charley R.