Wo ist sie, deine Komfortzone?
Johanna ist mit 20 von Polen nach Deutschland gekommen, seitdem modelt sie in ihrer Freizeit. In Situationen in denen sich andere total unwohl fühlen geht sie total auf. Sie hat ihre Komfortzone gefunden.

Selbstoptimierung liegt voll im Trend. Fitter, schöner, besser. Gut ist nie gut genug.
Etwa ab Mitte 20 baut der Körper langsam wieder ab. Ich bin scheinbar auf dem Gipfel meiner kognitiven Fähigkeiten und physischen Attraktivität angekommen. Ich denke mir: „Scheiße, soll das etwa der Gipfel sein? Da muss doch noch etwas gehen. Ich kann noch etwas aus mir herausholen, mich optimieren.“ Ich suche im Internet nach Hilfe. YouTube schlägt mir ein Video vor, in dem mir erklärt wird, wie ich meine persönliche Entwicklung voranbringen kann. Ich solle einfach nur meine Komfortzone verlassen. Um meinen geistigen Verfall doch noch etwas aufzuhalten, gebe ich dem Video eine Chance.
Selbstbewusst erzählt mir darin ein Typ, dass ich kein persönliches Wachstum habe, wenn ich mich nur in meiner Komfortzone bewege. Also immer nur dieselben Dinge tue, mich immer im wohligen Gefühl der Sicherheit bewege und mich immerzu in meiner Routine wälze. Weich, schwach und instabil würde ich ansonsten werden. Nein, das möchte ich natürlich nicht!
Um daraus auszubrechen, gibt er auch einige Tipps an die Hand. Ich überlege, welche seiner Aufgaben ich angehen könnte. Diese sollen einen fordern, aber nicht überfordern. Er schlägt vor: „Gehe doch mal nüchtern auf eine Party.“ „Zu extrem“, denke ich mir. Der junge Mann spricht von der Panikzone, wenn man die Komfortzone zu weit verlässt, sich zu sehr strapaziert und zu extreme Dinge probiert. Lieber lese ich ein Buch, das einen anderen Standpunkt einnimmt. Ich soll also meine Weltsicht etwas zum Wackeln bringen. Das soll zumindest den Horizont erweitern.
Eine andere Website schlägt vor, in einem vollen Bus eine Rede zu halten oder sich mitten in der Fußgängerzone auf den Boden zu legen. Denk dir: „Fuck off vorbeilaufender Passant, der mich für einen Spinner hält.“ Diese Einstellung macht dich erst so richtig selbstbewusst!
Ähnlich unangenehm klingt der Vorschlag, etwas total Ekelhaftes zu essen. Das kostet Überwindung, deine mentale Stärke wird es dir danken und wenn das noch nicht genug ist, springt auch noch eine mega Story dabei raus.
Ein anderer Vorschlag sieht vor, eine neue Sportart auszuprobieren. Lass dich doch mal so richtig im Box Club verprügeln oder entdecke dein tänzerisches Talent bei einem Salsa Kurs. Bestenfalls findest du dabei ein neues Hobby.
Überwindung, Scham und Unannehmlichkeiten als Preis dafür, immer besser, weitsichtiger und selbstbewusster zu werden? Der Routine entkommen, neue Dinge ausprobieren, um persönlich zu wachsen? So viele dieser Tipps und Tricks klingen im ersten Moment ein wenig lächerlich, aber im Grunde genommen verfolgen sie einen guten Zweck: neue Erfahrungen sammeln, neue Einsichten bekommen und dadurch ein neuer, ja vielleicht sogar ein besserer Mensch werden. Aber ist die Komfortzone wirklich so schlimm? Nicht ohne Grund tue ich Dinge regelmäßig, treffe mich immer wieder mit denselben Leuten und beschäftige mich immer wieder mit denselben Dingen. Sie haben sich schließlich bewährt. Sie tun mir gut. Sie machen Spaß. Sie geben mir Kraft. Ich fühle mich wohl dabei.
Geht es bei all den schlauen Tipps für das Verlassen der Komfortzone nicht genau darum? Sich am Ende wohl zu fühlen? Die Komfortzone zu erweitern? Mehr Raum zum Wohlfühlen zu schaffen? Eine unangenehme Situation fortan nicht mehr als unangenehm zu empfinden, sondern sie zu einem Teil deiner Wohlfühlblase werden zu lassen? So gesehen ist die Komfortzone das Ergebnis vorherigen Suchens und Ausprobierens. Der Ort, den man erhofft zu finden. Das Ziel, das man zu erreichen versucht. Sein Ding machen, seine Leidenschaft finden. Ein Stück weit möchte man doch genau dort ankommen – in der Komfortzone.
Ohne den Druck, sich selbst zu optimieren, mache ich es mir daher jetzt in meiner kleinen Komfortzone gemütlich. Ich erweitere sie erst morgen wieder. Heute bin ich einfach glücklich darüber, sie gefunden zu haben. Nach ihr habe ich schließlich gesucht. Keine Überraschungen erwarten mich dort, hier kenn ich mich aus und weiß mich zu verhalten. Hier muss ich mich nicht verstellen. Ich bin zufrieden, dass ich sie gefunden habe und mache jetzt einfach das, was ich sonst immer so mache und fühle mich auch sehr wohl dabei.
Frederik Herrmann