Wenigstens schämen wir uns

Herzklopfen, Angstschweiß, Druck auf den Ohren, bei jeder Turbulenz macht der Magen einen kleinen Hüpfer – für viele Menschen war das Fliegen schon immer eine unangenehme Sache. Doch seit einigen Jahren gibt es einen neuen Auslöser, der bei Flugpassagieren für zusätzliches Unwohlsein sorgt: Die sogenannte Flugscham. Der Begriff, ursprünglich als flygskam von schwedischen Journalist*innen etabliert, bezeichnet das schlechte Gewissen, das sich bei der Benutzung eines Flugzeuges aufgrund des Wissens über die schwere Umweltbelastung breitmacht. Vor allem in der Generation Z (18–24 Jahre) ist dieses Gefühl laut einer YouGov-Umfrage bekannt – 26 Prozent der Befragten haben Flugscham auch schon selbst erlebt. Auf der Reiseplattform destinet ist zu lesen, dass 2019 bei einer Befragung 73 Prozent aller Flugreisenden mehr oder weniger schlechtes Gewissen bei ihrer Flugreise empfanden. Und der CO2-Kompensationsanbieter atmosfair hat laut dem Institut für sozial-ökologische Forschung ihre Einnahmen im Jahr 2019 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.

Man könnte meinen, wenn so viel Bewusstsein über die Klimaschädlichkeit in unserer Gesellschaft herrscht, würden auch ernsthafte Konsequenzen daraus gezogen werden. Doch von einem Umdenken oder einer Umorientierung beim Flugverhalten kann leider beim besten Willen nicht die Rede sein. In einem globalen Prognosemodell sagt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt voraus, dass die Zahl der Flugzeugpassagiere bis 2040 um mehr als 100 Prozent steigen wird. Und obwohl es gelang, den Treibstoffbedarf von europäischen Fliegern seit 1990 fast auf die Hälfte zu reduzieren, haben sich die durch den Flugverkehr verursachten Emissionen seitdem um 214 Prozent erhöht. Für besonderen Aufruhr hat im letzten Jahr eine Umfrage der BILD gesorgt, nach der von allen Abgeordneten im Bundestag die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen diejenige mit den meisten Flügen pro Kopf war – insgesamt 126 mal innerhalb von zwei Jahren. Und auch bei den Parteianhänger*innen sieht es ähnlich aus: Nach einer Umfrage des Tagesspiegels haben zwar 58 Prozent der Anhänger*innen der Grünen aus Klimaschutzgründen ein schlechtes Gewissen beim Fliegen. Jedoch sind es auch jene Befragten, die sich am meisten zu den Grünen hingezogen fühlen, die in den letzten 12 Monaten am meisten geflogen sind.
Wie passt das zusammen? Klimaschutz fordern, aber den Klimawandel fördern? Fliegen doof finden, aber trotzdem mit der nächsten Maschine den „wohlverdienten Urlaub“ antreten? Es macht fast den Anschein, als könnte man schon noch mit dem Flugzeug reisen, solange man sich deswegen schlecht fühlt. Schädlich fürs Klima? – Wenigstens reflektiert man darüber! Währenddessen pusten wir weiterhin durch den weltweiten Flugverkehr 650 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre. Ist diese Flugscham also eigentlich überhaupt etwas Gutes, wenn sie uns unser Verhalten anscheinend doch nicht ändern lässt? Oder ist sie vielmehr ein bequemes Mittel, den eigenen mangelhaften Beitrag zum Klimaschutz kurz abzuhandeln und dann eine gute Zeit auf Mallorca zu verbringen?
Festhalten kann man immerhin, dass dank des Flugscham-Diskurses das Thema Klimaschutz beim Reisen einen Platz auf der Tagesordnung bekommen hat. Dass diskutiert wird über die Wiedereinführung der Kerosinsteuer, über ein Verbot von Inlandsflügen, den Ausbau des Schienennetzes, die Investition in Forschungen über nachhaltigere Treibstoffe. Und es ist klar, dass ein Umdenken nicht nur von Einzelpersonen aus stattfinden kann, sondern dass vor allem Anreize durch die Politik gesetzt werden müssen. Trotzdem ist die Art und Weise, in der diese Diskussion oftmals geführt wird, alles andere als produktiv. Probleme gibt es zum Beispiel bei denen, die Flugscham verbreiten. Im Englischen kann Flugscham auf zweierlei Weise übersetzt werden: flight shame und flight shaming. Und während flight shame, also das Sich-Selbst-Schämen für das Benutzen eines Flugzeuges, nicht unbedingt vermeidbar ist und die betroffene Person vielleicht sogar zu einer Veränderung ihrer Verhaltensweisen bewegt, sollte man aufpassen, mit wem und wo man flight shaming betreibt. Denn damit ist die Anklage bzw. das Beschämen anderer Personen für das Verreisen per Flieger gemeint. Erstens können sich die allermeisten Menschen erst einmal an die eigene Nase fassen, wenn es um Klimaschutz geht, bevor sie andere für ihr Verhalten kritisieren. Und zweitens führt flight shaming häufig zu Problemen auf der anderen Seite des Diskurses, auf der Seite der Rezipient*innen. In seiner Studie hat das Institut für sozial-ökologische Forschung die Twitter-Bubble um das Thema Flugscham unter die Lupe genommen. Und ist unter anderem auf solche Tweets gestoßen:
„Wegen der #Klimajugend haben wir bereits den #Flugscham, #Fleischscham, #Kinderscham und neuerdings auch den #Lieferdienstscham. Wohl eine Frage der Zeit, bis die #Klimastreiker fordern, dass wir uns auch noch für unser #Leben schämen müssen.“
„Der absurdeste Internetbegriff ist für mich #Flugscham. Ich meine, wer kommt auf die krude Idee, z.B. meiner Freundin und mir einreden zu können, dass wir uns für’s Fliegen schämen sollten. Total irre. So Begriffe, die gibt’s auch nur hier. Beim Bäcker redet da kein Mensch drüber.“
Die Flugscham-Debatte wird also häufig sehr persönlich genommen – und führt somit zu keinem wünschenswerten Ergebnis. Auf der einen Seite wird gerne mit dem Finger gezeigt und es werden Klimapredigten mit universellem Geltungsanspruch gehalten, auf der anderen Seite wird die sogenannte „Klimajugend“ stigmatisiert und Urlauber*innen fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt und gekränkt. Fliegen wird so zu einem sehr prekären Thema, bei dem es schwerfällt, sich richtig zu verhalten. Ins Flugzeug zu steigen, ist eine große Umweltsünde, und trotzdem machen es irgendwie ja doch noch die meisten; eine große Reise im Jahr gehört ja schließlich dazu, und wie sollte man sonst andere Kulturen kennenlernen und den eigenen Horizont erweitern. Große Entscheidungen muss sowieso die Politik treffen, und bis dahin können wir uns ja mit einer CO2-Kompensation freikaufen (dafür, dass sich so viele Leute fürs Fliegen schämen, liegt die Quote der Menschen, die ihren Flug kompensieren, übrigens bei starken 1 Prozent).

Eine eindeutige Lösung für dieses Problem liegt leider nicht auf der Hand. Und sicherlich wird es auch schwierig, einen Weg zu finden, diese Diskussion auf eine sinnvollere Art zu führen. Und natürlich liegt die Verantwortung größtenteils nicht bei den Einzelpersonen, sondern bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger*innen. Doch diese Entscheidungen müssen gar nicht immer so große Schritte darstellen, und eine Veränderung in Richtung nachhaltigeren Reisens müsste gar nicht so schleppend vorangehen. Ein guter Anfang war beispielsweise das Angebot der Deutschen Bahn im September, mit dem alle Abonnent*innen für zwei Wochen kostenfrei den Schienenverkehr nutzen konnten. Oder Airlines könnten bei der Buchung der Flugtickets eine CO2-Kompensation gleich mit einberechnen, die man manuell wieder abstellen müsste. Geschäftsreisen lassen sich eventuell auch nach Corona durch eine Zoom-Konferenz ersetzen. Bahntickets müssen billiger werden. Wir brauchen diese kleinen Anreize, die die Zeit überbrücken, bis wir vielleicht einen nachhaltigen, umweltschonenden Weg finden, unbeschwert durch die Weltgeschichte zu reisen. Und dann müsste man sich auch nicht mehr schämen.