Zwischen Fernweh und Heimweh

Eine symbiotische Dialektik – Die Geschichte des Flüchtlings Ermias
Ermias ist mit 15 Jahren von Eritrea über das Rote Meer zu uns nach Deutschland geflüchtet. Ihm geht es gut und er ist glücklich bei uns. Dennoch bewegt ihn eine unbändige ambivalente Sehnsucht in seinem Inneren. Er war getrieben von dem Gefühl des Fernwehs, das wir auch alle kennen. Wir spüren dann, wie uns das Fieber packt. Eine kleine Gänsehaut überrascht unsere Arme, während wir mit schwerem Herzen und tiefen Seufzen an goldbraune Sandstrände und hellblaue Gewässer denken. Ermias dachte aber nicht an Strände, sondern an Festland, auf dem er lernen würde. Lernen ist sein Universalbegriff, dass er mit Fernweh assoziiert. „Mit Lernen“, sagt er „ist alles möglich. Es öffnet dir die Tore zu der guten Welt“. Was uns Europäern oft wie ein nie enden wollendes Hamsterrad vorkommt und Schulpflichtigen wie die moderne akademische Sklaverei, ist für Ermias das Gefühl von Unabhängigkeit und der unbändigen Anzahl von Chancen zur Selbstverwirklichung. Jetzt ist sein Sehnen nach der Ferne vorerst gestillt, dafür entfacht ein anderer schmerzender Wunsch. Ermias ist in der Ferne nun gefangen in Heimweh. Ein Teufelskreis? Es ist nicht leicht diese ambivalenten Gefühle zu balancieren. Im Folgenden wird auf seine Geschichte eingegangen und immer wieder die Ambivalenz der Termini Heimweh und Fernweh thematisiert.

Wenn ein Immigrant in eine neue Kultur kommt und sie über ihn hereinbricht, wie eine übergroße Flutwelle, dann ist es wie „Honeymoon“, beschreibt Thomas W. Heinz in seinem Artikel „Psychische Folgen von Entwurzelung“. Alles ist neu, die großen Augen leuchten. Diesen sehnsuchtsvollen Schleier, der die Pupillen mit einem Glitzern überzieht, sehe ich auch jetzt bei Ermias. Ein kräuselndes Lächeln umspielt seine Lippen, als er mir erzählt, dass er schon als ganz kleiner Junge von German geträumt hat. Auch wenn sein Deutsch nicht perfekt ist, weil der Staat ihm bis jetzt noch keinen erweiterten Sprachkurs an der Volkshochschule finanziert, verstehe ich seine Worte. Er berichtet, fast ein bisschen verschmitzt, wie damals ein Europäer in seine Grundschule in Eritrea kam und Werbung für Großbritannien machte. Nach seinem Vortrag händigte er dem kleinen Ermias einen Bleistift aus, auf dem in großen Lettern “London” prangte. Er ließ den Stift unbeachtet liegen. Sein Fernweh kannte einen bestimmten Ausgangspunkt: German.
Ich frage ihn, ob er unser Fernweh kennt. Er schüttelt den Kopf. Ich frage ihn, ob er gerne mal zwecklos (also mit dem Zweck der Entspannung oder des typischen Sightseeings) verreisen würde. Er zieht die Augenbrauen hoch. “Das kostet Geld und Pass”, sagt er mir und ich nicke wissend. Dann rolle ich das Ganze nochmal größer auf. Ich versuche mein Bestes, um ihm ein europäisches Dahinschmelzen bei dem Gedanken nach Urlaub (Abenteuer-, All-Inclusive-, Pauschal- oder Individualurlaub…) zu entlocken. “Okay, ich gebe dir ein Budget von 2000 Euro und morgen stelle ich dir einen Privatjet und einen Pass zur Verfügung. Gibt es ein Reiseziel, jetzt wo du in Deutschland bist, das Fernweh in dir weckt?”, frage ich verlockend und denke, dass ich ihn endlich am Haken habe. Auch er ist positiv gestimmt und antwortet: “Ein Privatjet wäre toll” Dann bekommen seine Augen wieder diesen sehnsuchtsvollen Schleier, wie am Anfang, als er als kleiner Junge an Deutschland dachte. “Damit würde ich meine Familie besuchen. Ich vermisse sie sehr”. Mir wird klar, Fern- und Heimweh liegen verdammt nah beieinander. Ich verstehe ihn jetzt. Ermias hat gar keinen Platz für das Fernweh-Luxus-Denken der wohlsituierten und wohlgenährten Menschen der westlichen Welt in seinem Gefühls-Repertoire. Ich finde das ist ein AHA-Moment. Sein Fernweh bezieht sich auf das Existenzielle des Menschen. Auf die Unversehrtheit seiner Würde und seines Körpers und auf Freiheit, die sich in jeder menschlich gemachten Kategorie ergießt (Ernährung, Bildung, Beruf, Wohnsituation, Meinung, Liebe, Sexualität…). Sein Fernweh bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Sein Fernweh ist so vollkommen und klar wie ein Tropfen Harz, der zu Bernstein wird. Unser westliches Fernweh ist wie ein seifenverschmierter Zerrspiegel, in dem wir uns ziellos in Nichtigkeiten verirren.
Im Folgenden wird mein Co-Autor Christian Claessen den Ablauf der Flucht Ermias in einigen Sätzen umreißen. Auf der Flucht befindet sich Ermias ständig in sogenannten “Nicht-Orten”. Der von Marc Augé stammende Begriff der “Non-Lieux” bezieht sich auf die Lebendigkeit der Orte, die aber trotzdem wie tot scheinen. Das liegt daran, dass sich dort die Wege vieler Menschen treffen, aber keine relationalen Beziehungen entstehen können, was ein großer Stressor ist.
Das Boot spielt dabei eine symbolschwangere Bedeutung. “Das medial verbreitete Bild des Flüchtlingsschiffs wird zum Topos einer Migration ohne tatsächliche Ankunft”, weiß Brucu Dogramaci. Weiter schreibt er in seinem Artikel “Gekommen, um nicht zu bleiben: Bilder der Ankunft als visuelle Repräsentationen von Migration”, dass Abschied, Fernweh und Heimweh und Fremdheitserfahrungen dicht beieinander liegen. Der Hafen ist dabei ein einprägsames Bild für die Entortung der Existenz. Und der Hafen ist der Ort, an dem die Reise für Ermias beginnt.
Es war Anfang 2014, als Ermias endgültig entschied seine Heimat zu verlassen. Dass es ein langer Weg werden würde, wusste er bereits aus den unzähligen Telefonaten mit seinem Vater, der selbst Jahre zuvor nach Saudi-Arabien geflüchtet war. Doch dass er an diesem Tag ein letztes Mal den Blick auf die weißen Sanddünen seines Heimatlandes Eritrea werfen würde, dass, sagt Ermias, habe er nicht gewusst. Eritrea zu verlassen, erklärt Ermias, sei kein gänzlich ungefährliches Unterfangen, denn die Ausreise von Staatsbürgern gilt offiziell als Hochverrat. Am 1. Mai 2014 im Alter von 15 Jahren ließ Ermias seine Großeltern, seine Schwester und seine Heimat aus Not zurück, um sich aufzumachen in ein besseres Leben in German, frei von Repression, Angst und Folter. Für Ermias war es der German Dream.
Mit einer kleinen Gruppe von zehn Männern und Frauen aus den verschiedensten Winkeln der Welt durchquerte Ermias zunächst den Sudan. “Die Menschen im Sudan”, so Ermias, “sind gute Menschen. Sie geben dir Essen und Trinken und einen Platz zum Schlafen”. Wenn es Konflikte gibt, dann finden diese ihren Ursprung meist im unterschiedlichen Glauben der verschiedenen Menschen. Überhaupt lernte Ermias viele wie ihn selbst kennen. Er erzählt uns von einer Begegnung mit einem anderen Eritreer gleichen Alters, den er 2014 in Tripolis, der Hauptstadt von Libyen, kennenlernte. “Er war Christ wie ich und so erzählte ich ihm von Gott, Jesus und der Bibel” sagt Ermias, bevor er kurz still wird und innehält. Er erklärt uns, dass der Junge nur wenige Tage später gemeinsam mit unzähligen Anderen im Mittelmeer ertrank.
Libyen ist der Schlüsselstaat für Flüchtlinge aus Ostafrika und darum ist es kaum verwunderlich, dass gerade hier Menschenhandel und das Geschäft der Schlepper florieren. Wer nach Europa übersetzen will, muss zuvor jedoch erst einmal tief in die Tasche greifen. 3000€ kostet ein Ticket laut Ermias, mit dem man gemeinsam mit hunderten Anderen Menschen auf alten maroden und viel zu kleinen Booten in Richtung Europa geschickt wird. Man muss kein Mathematik-Ass sein, um zu verstehen, dass 3000€ eine utopische Summe bei einem jährlichen pro Kopf Einkommen von ca. 600 Euro darstellen (in Eritrea). Ermias hat Glück und sein Vater transferiert den Betrag aus dem Ausland an einen Kontaktmann der Schlepper. Kurz nach Weihnachten 2014 ist es soweit: Als einer der letzten steigt Ermias in ein rostiges altes Fischerboot, welches dann mit ca. 300 Menschen an Bord in Richtung Italien ablegt. Zwei Tage treibt das Boot langsam und verloren über das offene Meer bis plötzlich ein Kreuzer der italienischen Marine das Boot entdeckt. Für sechs Menschen kommt diese Hilfe jedoch zu spät. Sie ersticken bereits Stunden zuvor auf den unteren Decks des Schiffs. Diese Gedanken verfolgen Ermias noch bis heute und vermutlich noch sein gesamtes Leben lang. Manchmal wache er nachts mit dem Gefühl auf, noch auf dem Meer zu sein, schildert uns Ermias.
Nach einigen weitaus ereignisloseren Monaten in Rom und diversen erfolglosen Versuchen die italienische Grenze zu Österreich zu passieren, hat es Ermias fast geschafft. Von seinen ursprünglich zehn Weggefährten sind nur noch drei verlieben und auch von diesen letzten drei trennen sich nun die Wege, berichtet Ermias etwas wehmütig. Zu einigen habe er zwar noch Kontakt, doch seine Freunde seien von Großbritannien bis Finnland überall in Europa verteilt.
Ein letztes Mal steht Ermias vor einer Grenze. Ein letztes Mal macht er sich auf. Ein letztes Mal lässt er das ihm Vertraute zurück. Den Blick dabei immer auf sein Ziel gerichtet: Deutschland. Im Mai 2015, genau ein Jahr nach dem Beginn seiner Flucht, betritt Ermias das erste Mal deutschen Boden. Wie er sich gefühlt hat und ob Deutschland so war, wie er es sich vorgestellt hatte, fragen wir ihn. “Besser als in meiner Imagination” entgegnet er. Auch rassistischen Anfeindungen, denen er sich immer wieder ausgesetzt sieht, seien ihm egal, denn “Idioten gibt es überall”.Während er uns lebendig sein Leben erzählt, müssen wir uns ständig vergegenwärtigen, dass hier ein gerade mal 22-jähriger sitzt, der mehr erlebt hat, als wir uns von unserer behüteten Warte aus, vorstellen können. Fernweh, das verbinden wir mit dem Gefühl, dem Alltag zu entfliehen, das Vertraute für einen Moment zurückzulassen und aus neuen Quellen der menschlichen Erfahrung zu schöpfen. Doch Fernweh in unserem europäischen Verständnis, beinhaltet ebenfalls das Bewusstsein, dass uns ein ADAC Rettungsjet auch aus der Wüste Mittelamerikas holt, wenn wir uns das Schlüsselbein brechen. Ermias hatte keine Wahl und kein Rettungsnetz. Ermias floh aus existentiell bedingtem Fernweh vor Folter und Krieg und würde jetzt aus emotional bedingtem Heimweh zu Folter und Krieg zurück, nur um sein Zuhause, das seine Familie bildet, um sich zu haben. Doch die Vernunft überwiegt und er bleibt hier in German. Seine Geschichte zeigt uns die alternative Bedeutung, die Fernweh haben kann.

Louisa Christa Patricia Volk, Christian Claessen