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Auswanderung aus Deutschland – Was die Menschen fort bewegt

Blogvon Sinah Breunig

Zugvögel
Zugvögel

Aus der Ferne wandern. In die Ferne wandern. Menschen bewegen sich fort und hin. In unserer Gesellschaft wird vor allem über das Hinwandern gesprochen. Wenig über das Fortgehen. Doch in der Geschichte Deutschlands gab es stets beides: Menschen, die hin und andere, die weg wollten. Im Folgenden geht es um jene Menschen, die freiwillig, nicht aus größter Not, in ein anderes Land ziehen. Ein Land, welches durch einen magischen Bann die Auswandernden fesselt und vor Wehmut danach in die Ferne zieht.
Vielleicht haben sich diese Menschen dort, wo sie geboren wurden und aufwuchsen, nie wirklich zu Hause gefühlt. Vielleicht fehlte ihnen immer ein Stück ihres Herzens. Vielleicht war da schon immer ein schier unstillbares Verlangen nach etwas Unbeschreiblichen in ihrem Inneren. Ein unvollständiges, anscheinend unlösbares Puzzle. Und dann passiert das Entscheidende: Diese Menschen kommen ganz bewusst oder völlig unerwartet an einen Ort, der ihnen eigentlich fremd sein sollte und fühlen sich wohler denn je zuvor. Wie durch ein Wunder haben sie das fehlende Puzzleteil gefunden. Ganz sicher sind sie sich nicht, ob jenes für immer passen wird, doch wann herrscht schon jemals absolute Sicherheit? Also wagen sie es. Zumindest manche. Die meisten trauen sich nicht, doch wenige Mutige wagen es. Die, die es wagen, lassen alles zurück, stehen und liegen, und gehen fort. Die Ferne zieht sie magnetisch an.

Zugvögel
Zugvögel

Und dann sind da. Vor Ort. Alles neu, irgendwie vertraut und doch fremd. Vieles kommt anders als erhofft, manche sind enttäuscht, andere blühen voll und ganz auf, erleben ihren „American Dream“ aber ganz individuell. Sie haben es gewagt, ihren Traum zu ihrer Realität gemacht. Haben auf den Drang, den Ruf ihres Herzens gehört, nicht aufgegeben, aber nachgegeben. Und nun stehen sie hier. Das Bekannte liegt in ihrem Rückspiegel. Sie lassen ihren Blick schweifen und sich verzaubern. Ihr persönliches Zauberland. Chancen und Schwierigkeiten warten dort auf sie. Nicht jeder von ihnen findet nun sein Glück, manche gehen gar kaputt. Denn nichts ist, wie es zunächst scheint und manchmal trügt der Schein und Glanz und verschleiert die Wahrheit hinter der Fassade. Auch wenn oft vergessen: Die romantische, schwärmerische Vorstellung und die Realität sind niemals deckungsgleich. Die Geschichte Deutschlands zeigt, dass es immer wieder Zeiträume gab, in denen besonders viele Menschen das Land verließen – oft dabei leider weniger freiwillig und eher fluchtartig.
Insgesamt gehen heutzutage jährlich viele Menschen aus Deutschland fort. 2016 war es mit 1.365.000 Fortgehenden der größte Wert der letzten 30 Jahre. Die Tendenz des Weggehens ist steigend. Im Jahr 1991 wanderten gerade mal 596.000 Menschen aus. 2019 waren es 1.231.500 und 2020 knapp 966.500. Dieses Jahr sind bis Ende September bereits eine Millionen Menschen aus Deutschland fortgezogen. Beachten muss man hierbei, dass die meisten dieser Fortwandernden nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Die über eine Millionen Fortgehenden jedes Jahr sind vermutlich damit noch nicht einmal zum Großteil freiwillige Auswandernde. Teilweise waren diese Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft nur sehr kurz hier, teilweise ihr Leben lang. Viele Menschen sind hier auch ohne diese Staatsbürgerschaft zu Hause, weshalb es keine echten „Auswanderungszahlen“ von Menschen gibt, die freiwillig gegangen sind. Da keine Statistik auffindbar war, die diese Daten beachtet, wird im Folgenden, der Einfachheit halber, nur die Auswanderung deutscher Staatsbürger*innen in den Blick genommen. Was diese angeht, so verlassen jedes Jahr mehr Menschen das Land, als wieder zurückziehen. Diesen Unterschied bezeichnet man als „Wanderungssaldo“. Seit 2010 ist er in Deutschland durchgehend negativ. Beispielsweise betrug er im Jahr 2019 −63.660.
Das beliebteste Zielland deutscher Auswander*innen war 2020 laut einer Statistik eindeutig die Schweiz. Auf Platz 2 befindet sich Österreich und deutlich dahinter die USA auf Platz 3. In den letzten 10 Jahren, von 2009 bis 2019, war der erste Platz derselbe, Platz 2 und 3 waren jedoch relativ knapp vertauscht. Weitere Länder, die bei deutschen Auswandernden beliebt sind, sind laut jener Statistik vor allem nahe europäische Länder wie Großbritannien, Spanien, Polen, Frankreich und die Türkei. Weiter entfernte Länder wie Australien und Kanada befinden sich erst auf Platz 10 und 11. Anscheinend zieht es die meisten deutschen Auswandernden nicht in die weite, völlig fremde Ferne.
Die Studie „German Emigration and Remigration Panel“ beschäftigt sich mit den Motiven und dem Profil deutscher Auswander*innen. Die hier Befragten wanderten 2017/2018 aus oder kehrten zurück nach Deutschland. Grob lassen sich dadurch deutsche Auswander*innen skizzieren:  Es handelt sich demzufolge bei diesen besonders um jüngere Menschen, denn der Anteil der 25 bis 39-Jährigen beträgt ganze 63 Prozent. Des Weiteren sind deutsche Auswandernde anscheinend überdurchschnittlich hoch qualifiziert. Drei von vier Fortziehenden verfügen über einen akademischen Abschluss.
Natürlich gibt es einige Menschen, die einmal das Land verlassen und nie wieder zurückkehren. Dennoch planen zwei Drittel der Personen, die ins Ausland umsiedeln, ihren Aufenthalt von vornherein zeitlich befristet und genauso kehren zwei von drei deutschen Auswander*innen nach einiger Zeit wieder zurück. Das „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ schreibt hierzu, dass es viele temporäre Migrationsformen gibt, wie bei Studierenden oder Erwerbsemigrant*innen.
Es gibt viele verschiedene, sehr individuelle Gründe, um auszuwandern, doch manche Aspekte treten besonders häufig auf. Weit oben stehen dabei das Jobangebot im Ausland, die Familienzusammenführung oder Heirat, die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Land, sei es auf Grund des hohen Steuersatzes, der Enttäuschung durch die Politik, der Wut über die Bürokratie, die Sorge vor Altersarmut oder einfach die fehlende Perspektive in diesem und für dieses Land. Des Weiteren ist Fernweh ein großer Punkt, bedingt durch das Sehnen nach dem Fremden und Veränderung, der Ausbruch aus dem Bekannten. Als letzter häufig auftretender Grund lässt sich wohl die Gesundheit nennen, wodurch es besonders ältere Menschen in Länder mit milderem Klima zieht.
In einem Artikel der zum ZEIT-Verlag gehörenden Zeitschrift „Academics“ geht es um die psychologische Sicht der Auswanderung. Er beschreibt, wie eine Auswanderung erfolgreich werden kann. Zentral sind hierbei die Aspekte der Vorbereitung, Organisation und Planung. Dies braucht viel Zeit, Kraft und Durchhaltevermögen, weshalb auch große Bereitschaft und Motivation notwendig sind. Auf die Frage, was Menschen in die Ferne zieht, liefert Academics eine klare Antwort: In erster Linie geht es wohl um die „Sehnsucht nach einem Neubeginn in der Fremde“. Verbunden ist diese Sehnsucht mit Abenteuerlust und dem Wunsch nach Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse.
Academics bezeichnet Auswanderung als eine einschneidende Entscheidung, weshalb man sich auch psychisch auf den gewagten Schritt vorbereiten sollte. Alles wird umgestellt, man trennt sich von seinen Liebsten und verliert zumindest zeitweilig seine soziokulturelle Kompetenz. Vor Ort im Zielland ist alles anders und man muss sich auf gewisse Weise anpassen, sich auf die neue Kultur und Lebenssituation und die damit verbundenen Schwierigkeiten einstellen, um der drohenden Existenzkrise zu entkommen. Der Übergang geht nicht mit einem Schlag; es ist ein langer und harter Prozess. Vieles muss neu erlernt werden. Euphorie und Unsicherheit liegen direkt nebeneinander. Diese Unsicherheit und das Gefühl von Kontrollverlust zehren an der Seele. Nicht vergessen darf man auch das Risiko der Enttäuschung und des Rückzugs und der Identitätskrise. Daher ist es wichtig, dass Auswander*innen ihren Schritt realistisch und kritisch planen. Ein neuer Ort macht einen Menschen nicht zu einem neuen Wesen. Um sich nicht selbst zu verlieren, sollte man ausgewählte Gewohnheiten auch in der Ferne beibehalten. Diese geben Halt, weshalb Academics auch von Kontaktabbrüchen im Auswanderungsland abrät.
Vielleicht hat der Drang nach Auswanderung mit Heimatlosigkeit zu tun. Vielleicht haben die Menschen Angst vorm Ankommen. Angst vor zu viel Alltag, vor Normalität. Aber am Ende hat doch jeder Mensch seine eigenen Gründe, um auszuwandern. Und so freiwillig wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint, ist es nicht unbedingt. Möglicherweise sind die Menschen geflüchtet. Es muss nichts so Offensichtliches wie Krieg sein. Es kann auch ein Kampf im Inneren des Menschen oder im persönlichen Umfeld gewesen sein. Weggehen. Vielleicht hast selbst du mal darüber nachgedacht, alles hinter dir zu lassen, die ganzen Probleme, all das, was du gerne ungeschehen machen würdest und neu anzufangen. Bei Null beginnen. Du musst dich nicht mehr rechtfertigen oder verteidigen. Eine zweite Chance im Leben leben.Doch am Ende bringt es nichts, blind einen unrealistischen Traum zu jagen. Auswanderung kann sich durchaus lohnen und Menschen zu ihrem Glück verhelfen, doch wichtig ist dabei, gut zu überlegen und realistisch zu planen. Am Ende darf man sowieso niemals vergessen, dass jeder Mensch andere Voraussetzungen benötigt, um ein glückliches Leben führen zu können. Wie Goethe einmal sagte, braucht der Mensch sowohl Flügel als auch Wurzeln. Jedes Wesen findet seine Flügel anders und anderswo.

In der Ferne blüht Hoffnung
In der Ferne blüht Hoffnung