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Exilliteratur

Blogvon Sinah Breunig

Wie es Schriftsteller*innen in der NS-Zeit erging

Sehr geehrte Damen und Herren,
Kennen Sie das Gefühl, daheim nicht mehr sicher zu sein? Alles, was Ihnen lieb ist, zurücklassen zu müssen: Freunde, Familie, Heimat? Und Sie tun das Ganze nur, um nicht sterben zu müssen? Kennen Sie das? – Die meisten von Ihnen werden diese Frage mit „Nein“ beantworten und das ist auch gut so.
Wenn man heute das Thema „Flucht“ hört, so denkt man an jene Flüchtlinge, die zu uns ins Land kommen. Einige Menschen ärgern sich darüber, finden es falsch, sie hier aufzunehmen und bedenken dabei nicht, dass es einst ganz anders war. Es gab eine Zeit, da kamen die Flüchtlinge nicht hierher, sie flohen aus Deutschland. Im Zweiten Weltkrieg mussten alle fliehen, die den Nationalsozialisten mit ihrer Meinung oder Religionszugehörigkeit nicht ins Konzept passten, denn ansonsten drohte ihnen das Konzentrationslager und der Tod.
Autorinnen und Autoren gehören zu den Menschen, die Kritik und Meinung äußern, wenn sie es für angebracht halten. Sie scheuen sich nicht vor Kritik. Nein, sie wollen sogar oft, dass sich die Menschen Gedanken machen. Doch im Zweiten Weltkrieg trafen sie nicht nur auf Kritik, sondern auch auf die Brutalität und Skrupellosigkeit der Nationalsozialisten. So mussten über 2.000 Schriftstellerinnen und Schriftsteller wegen ihrer politischen Meinung oder Religion ins Exil flüchten. Von 1933 bis 1945 erstreckte sich die Epoche dieser sogenannten „Exilliteratur“. Mit dieser wollen wir uns heute gemeinsam auseinandersetzen.
Bertolt Brecht gilt als einer der bedeutendsten Autoren der damaligen Zeit. Er floh im Jahr 1933 aus Deutschland, musste zwei Jahre später die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft hinnehmen und innerhalb Europas immer dorthin flüchten, wo Hitler noch nicht angekommen war. Kein Ort blieb auf Dauer sicher, keiner konnte „daheim“ ersetzen. So entfernte er sich Stück für Stück immer weiter von seiner Heimat.Neben Brechts Namen standen noch 148 weitere Autorinnen und Autoren und ganze 12.400 Titel auf der sogenannten „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Warum hatte man diese verboten? Zumeist lag es an der politischen Einstellung der Autorinnen und Autoren, oder einfach daran, dass sie jüdischer Abstammung waren.So wie es jeder und jedem von Ihnen vermutlich extrem schwerfallen würde, alles hinter sich zu lassen, so erging es diesen Autorinnen und Autoren nicht anders. Aber hatten sie eine Wahl? Nein, außer man sieht das Konzentrationslager und den Tod als Alternative an.Die Exilliteratur ist somit die Literatur von Emigrant*innen, von Menschen auf und nach der Flucht. Es wundert somit vermutlich keinen, dass Einsamkeit und Verzweiflung die Gedanken und Texte dieser Autorinnen und Autoren zu jener Zeit prägten. Man nahm ihnen alles, verbrannte ihre Bücher, stahl ihnen ihre Heimat und ihre Worte. Die Nationalsozialisten raubten den Menschen ihre sogenannte kulturelle Identität. Viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller begingen Suizid.

Der Autor und Kommunist Bertolt Brecht, von dessen Flucht ich Ihnen bereits ein wenig erzählt habe, hat sich wie all die anderen Exilliterat*innen in Gedichten und Texten mit seiner Situation auseinandergesetzt. So heißt es in einem reimlosen Gedicht aus dem Jahr 1937 namens „Über die Bezeichnung Emigranten“, dass man eigentlich „Vertriebene“ statt „Emigranten“ sagen sollte. Es sei unter den Umständen angebrachter, da diese Menschen nicht freiwillig fortzogen, denn man ließ ihnen keine Wahl. Man verbannte sie und nahm ihnen ihr Heim. Die Geflüchteten versuchten laut Brecht so gut und so lange es ging, möglichst nah an ihrem Land bleiben und hofften einfach nur darauf, eines Tages wieder zurückkehren zu dürfen. Brecht schreibt in dem Gedicht von Konzentrationslagern und der – ich zitiere – „Schande, die jetzt unser Land befleckt“. Und doch hatte er stets diese tiefe Hoffnung in seinem Herzen, eines Tages zurückkehren zu dürfen. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich Brecht in Dänemark auf und verfasste viele Gedichte, die häufig dem antifaschistischen Kampf gewidmet waren. Letztlich musste Brecht bis in die USA fliehen. 1941 verfasste er dort das Gedicht „Sonett der Emigration“. Darin schreibt er davon, dass er sich mit der Situation abfinden und damit leben müsse. Er wurde verjagt. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als zu versuchen, damit klarzukommen. Irgendwie würde er es akzeptieren müssen, sein Zuhause verloren zu haben.
Neben Brecht haben sich noch viele weitere Autorinnen und Autoren mit ihrem Schicksal im Exil und auf der Flucht auseinandergesetzt. Anna Seghers beispielsweise verfasste einen Roman über ihre Fluchterfahrung namens „Transit“, der in den 1940er Jahren spielt. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich die Autorin in Frankreich auf. Sie schrieb im Roman unter anderem über die Gefühlslage der Flüchtlinge in Marseille. Laut Seghers waren diese unsicher, wussten nicht wohin, aber wollten dort auf keinen Fall bleiben und hofften darauf, das Land bald verlassen zu können. Die größte Angst dieser Menschen war es, zurückbleiben zu müssen. Sie wollten nur „fort“, wie Anna Seghers es ausdrückte. Sie wollten so weit weg, wie nur irgendwie möglich. Aber kann man es diesen Menschen verübeln? Alles hatten sie verloren, sie wollten wenigstens ihr physisches Leben noch retten.
„Die Verscheuchte“ ist ein Gedicht der Autorin Else Lasker-Schüler aus dem Jahr 1934. Das Lyrische Ich darin ist sie selbst. Sie vergleicht sich mit der Verscheuchten, doch in Wahrheit sind die beiden ein und dieselbe Person. Die Flucht hat die Autorin so sehr verändert, dass sie sich selbst nicht mehr erkennt. Als sei sie ein anderer Mensch.
Weitere Autorinnen und Autoren haben davon geschrieben, wie die Flucht Menschen doch verändert und dass sie sie für immer verändert lassen wird. Sie flohen mit wenig Gepäck, doch das wahre Gewicht belastete ihr Inneres, ihr Herz. Sie sahen und ertrugen und fühlten, was sie nie mehr loslassen würde. Nur um irgendwann irgendwo anzukommen, wo sie verweilen konnten. Und vielleicht würden sie sich dort eines Tages nicht nur sicher, sondern auch geborgen und zu Hause fühlen. Vielleicht.

Heute fliehen die Menschen nicht mehr aus Deutschland. Heute fliehen sie aus anderen Ländern und retten sich in sichere Länder wie Deutschland. Und obwohl die heutige Generation die Vergangenheit nicht mehr kennt oder gar verdrängen möchte, ist sie dennoch geschehen. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was damals geschah. Doch sind wir sehr wohl dafür verantwortlich, was nun geschieht. Einst waren Menschen wie Sie und ich auf der Flucht aus Deutschland. Autorinnen und Autoren waren dabei nur ein Bruchteil davon, doch ihre Werke bleiben als Erinnerung. Menschen wie Sie und ich wurden aufgenommen. Irgendwo. Nun geht es anderen Menschen so. Sie müssen ihre Heimat zurücklassen, um einem grausamen Schicksal zu entfliehen. Sie mussten dabei vieles zurücklassen, auch liebste Menschen, und hatten viel zu ertragen. Vielleicht denken Sie daran, dass wir hier derzeit einfach nur Glück haben und es vor 80 Jahren noch ganz anders war.
Ich bin der Überzeugung: Wenn man versucht, die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen, dann kann man sie besser verstehen. – Also versuchen Sie es und machen Sie sich ihr eigenes Bild.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen interessanten und angenehmen Tag!