Befreiende Nacht
Unter ihrem Körper bietet die moosbedeckte, lebendige Erde, Schutz und Halt. Über ihr strahlen die
Sterne wie Blumen auf einer Wiese und der Mond, der gerade eingebrochenen Nacht, taucht die Welt
in ein magisches Licht. Durch das leichte Gefälle des Hügels kann ihr Blick die Silhouetten der am fernen
Horizont mit dem Nachthimmel verschmelzenden Welt einfangen. Wälder und Felder bedecken die
Hügellandschaft.
An einigen Stellen wird die Natur von rotblinkenden Windrädern zerrissen. Wie dolchartige
Überwachungstürme stehen sie in regelmäßigen Abständen verteilt da. Doch je länger sie die Welt
beobachtet, desto unwichtiger erscheinen diese. In der Luft hängt ein zarter Geruch von Benzin, der
von der naheliegenden, verborgenen Autobahn hinübergetragen wird. Der gedämpfte Lärm der
Fahrzeuge dort im Verborgenen hat etwas meditatives. Untermalt vom leisen Vogelgezwitscher in den
nahen Bäumen und dem Zirpen der Grillen in den Wiesen, wirkt es wie ein Schrei nach gleichermaßen
Leben wie Tod.
Lange fesselte der Tag sie und die Nacht ließ auf sich warten. Nach dieser viel zu langen, brennenden
Zeit, fiel nun mit einem überraschenden Schlag die Nacht ein und legt seinen kühlenden Umhang über
das schmerzende Feuer des Tages.
Als nach der vorherigen Nacht der strahlende Sonnenaufgang den Beginn des ewigen Tages
eingeläutet hatte, war alles noch wunderschön und positiv. Erfüllt von Liebe und Wärme. Doch als die
Mittagssonne immer heißer und zerstörerischer wurde, wandelte sich das Klima rasant. Es schwächte
sie und sorgte in ihrer Erdkruste für immer mehr Risse. Sie wurde immer kleiner gemacht. Irgendwann
verlor sie sich selbst komplett. Allein die Hoffnung auf das ungewisse Ende des Tages hielt sie am
Leben.
Viele mochten den plötzlichen Einbruch der Nacht als Schicksalsschlag ansehen, doch wirkt es für sie
lediglich befreiend. Schwingen der Nacht wachsen aus ihrem Rücken und bringen ihr das verlorene Ich
zurück.
Leichter Nieselregen setzt ein. Erst ein paar einzelne Tropfen, dann wird der Regen stärker. Sie schließt
ihre Augen und lässt den lauwarmen Sommerregen auf ihr Gesicht laufen. Er dringt in ihre Kleidung
ein, durchnässt sie bis auf die Knochen und spült die letzten Käfigstäbe von ihrem Herzen. Endlich hat
ihr die kühle Nacht kombiniert mit dem Regen die Freiheit geschenkt.
Vielleicht wird sie keinen weiteren Tag erleben. Hoffentlich wird sie das nicht. Mit geschlossenen
Augen lässt sie sich nun in die Tiefen der Nacht fallen, um dort bis zum Ende ihrer Tage zu verweilen.
Um in Freiheit zu leben und zu gehen.