Der Boden unter meinen Füßen

Warum ich es vermeide, die Baustellen meiner Eltern zu besuchen
Eine erste schnelle Antwort könnte lauten: weil es ihre Baustellen sind, nicht meine.
Ich muss nicht tief in mich hineinhorchen, um zu wissen, dass ich mit meinen 26 Jahren gerade absolut keine eigene Hausbaustelle im Nacken sitzen beziehungsweise unter meinen Schuhsohlen kleben haben möchte. Mir ist bewusst, dass das von außen betrachtet wohl anders aussieht, seitdem ich mich in Engelbert-Strauss-Mode präsentiere. Dennoch weiß ich ganz sicher: Ich möchte gerade kein Haus auf- oder umbauen. Ich möchte keine abgelaufenen Spaghetti von 1992 finden müssen und unweigerlich Kindergeschrei und Scheidungsprozesse Revue passieren lassen, während mein Ischiasnerv mich ungeniert daran erinnert, dass die alten Zeiten lange vorbei sind. Ich möchte mir auch keine liebevoll-gehässigen Sprüche darüber anhören müssen, ob die Katze überhaupt noch mit umzieht. Nein, danke. I am fine.
Ich genieße es, aus der Ferne zu lauschen, wie mir eine gute Freundin in ähnlichem Alter von den Fortschritten ihres Umbaus erzählt. Ich kommentiere gerne Küchen- und Badplanungen und bin nicht nur eine gute Zuhörerin, sondern mindestens genauso entsetzt darüber, dass vernünftige Lichtschalter bei 30 Euro anfangen (nicht bei 4, wie es naive Millennials glauben, die immer noch in der Lebensphase Rolllattenrost hängen). Freistehende Badewanne? Absolut dafür! Thekenzeile in der Küche? Na klar! Bodentiefe Fenster in jedem Raum? Kann man machen, muss man definitiv nicht. Vier Kinderzimmer einplanen? Ah, zu optimistisch für meinen Geschmack.
So und so ähnlich laufen viele Gespräche seit 2020 ab. Die Corona-Pandemie und die gesenkte Mehrwertsteuer nutzen, ihr gleichzeitig durch ein absolut monströses Vorhaben entfliehen – das dachten sich wohl einige Deutsche im vergangenen Jahr. Die Baubranche boomt, Handwerker*innen sind fast so schwer zu bekommen wie Fliesen aus Italien, und auf das schwermütige Klagen meiner erschöpften Mutter kontere ich nur: Du kannst immerhin froh sein, dass du etwas hast, das dich körperlich und geistig an deine Grenzen bringt. Etwas, das dich bei Laune hält. Sicherlich nicht der gerechteste Move von mir. Aber man hätte damit rechnen können, wenn man die desillusionierte, frustrierte Tochter nach einem Jahr Digitalstudium zum Essen einlädt.
Schon im Gespräch mit meinem Vater und dessen Frau betonte ich zu Beginn der Corona-Pandemie immer wieder, wie neidisch ich doch auf ihr Großprojekt sei. Also rein theoretisch. Nachdem ich ihnen einen Tag geholfen hatte, den Dachboden zu dämmen und damit stolze acht Stunden der insgesamt 2100 ehrenamtlich geleisteten Stunden auf meine Kappe gehen, wurde ich etwas kleinlauter und lies einige Wochen verstreichen, bis ich diese Aussage wiederholte.
Ich besuchte die Baustellen meiner Eltern also. Nicht oft, aber in regelmäßigen Abständen. Immerhin spielten auch Infektionsrisiken und Reisebeschränkungen eine große Rolle beim Durchqueren der Bundesländer. Aber die Anzahl der Ausreden schrumpft ähnlich schnell wie die Anzahl nicht korrupter CDU-Mitglieder: Aktuell befinde ich mich tatsächlich nur einen Kilometer Luftlinie vom Rohbau meiner Mutter und ihres Mannes entfernt. In anderen Worten, meinem „neuen Zuhause“. Trotzdem bin ich fast nie dort. Zuletzt vor ein paar Wochen und mit einem guten Freund, einer Flasche Fürst Von Metternich und dem Plan, zwei Stunden Rohbau-Lüften mit einem Corona-konformen Vollsuff zu verbinden. Bevor sich besagter Freund für die Kombination „Vollsuff“ und „Flasche Sekt“ in Grund und Boden schämt, möchte ich erwähnen, dass ich a) schnell kapierte, dass sich dauerhaft mit Portwein zuzuschütten als Lösung nur funktioniert hätte, wenn nach dem ersten Lockdown Schluss gewesen wäre, und ich somit den Sekt gegen Ende des Jahres mehr als deutlich spürte und b) wir danach noch andere Spirituosen tranken. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, passt „gediegenes Trinkvergnügen“ wohl doch besser.
Warum vermeide ich es also, die Baustelle zu besuchen? Im Reflektieren meiner selbst kam mir der Gedanke, dass mein vermeidendes Verhalten wohl vor allem auf zwei Gründen fußt: Erstens glaube ich, aktuell nicht viel auf der Baustelle beitragen zu können. Muffins zu backen, Kaffee zu bringen, in der Mittagspause zu helfen, fünf Kilo Gratin zu leeren – das alles war in der Vergangenheit kein Problem. Allerdings waren das auch nur indirekte Zuarbeiten und keine konkreten handwerklichen Tätigkeiten. Ich glaube also, dass meine Zeit als zuarbeitende Hand noch kommen wird – ich aber in puncto Rohbau gerade außer Lüften und Beklatschen nicht viel tun kann.
Zweitens bedeutet jeder Fortschritt des Neuen einen Verlust des Alten. Mit jedem Handgriff oben rückt der Tag des Auszugs unten, in der alten Siedlung, näher. Irgendwo zwischen „man schaufelt sich nicht sein eigenes Grab“ und „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ würde ich schon sagen, dass ich an unserem alten Haus hänge. Immerhin habe ich dort die längste Zeit meines Lebens verbracht. Alle Jugenderinnerungen hängen unweigerlich mit diesem Haus und dieser Straße zusammen. Ich ahne, erst im Moment des finalen Auszuges wirklich zu begreifen, was es für mich bedeutet, diesen Ort zurückzulassen. Schon jetzt blicke ich manchmal von außen auf das Fenster meines Jugendzimmers und stelle mir vor, wie eines der Zwillingsmädchen dort seine Gardinen aufhängt. Wie sie ihre Nase an die Scheibe presst und genauso vorfreudig zittrig auf den einbiegenden Polo ihrer Jugendliebe wartet, wie ich es früher getan habe.
Nun ist es tatsächlich so, dass ich keine Schwierigkeiten damit habe, mir den eigenen Boden unter den Füßen zu entziehen. Als Sonderpädagogin ist es immer mein Ziel, meine eigene Tätigkeit und damit mich selbst im Sinne des „hilf mir, es selbst zu tun“-Empowerments abzuschaffen. Der Job ist gelungen, wenn es mich nicht braucht. Als Ehrenamtlerin im entwicklungspolitischen Bereich wäre es mein größter Wunsch, wenn es uns und die Notwendigkeit von Nichtregierungsorganisationen und ausländischen Geldern, die in andere Länder fließen müssen, gar nicht bräuchte. (Aber – Überraschung – in dieser menschenrechtlich fairen Version der Welt leben wir aktuell nicht.) An sich mag ich es also, mir den eigenen Boden unter den Füßen Stück für Stück abzutragen und mich nach Neuem umzusehen. Und so werde ich wohl am Dienstag beginnen, Spanholzplatten zu grundieren und mit jedem Pinselstrich zu überlegen, was das Neue für mich birgt. Und welche Musik ich hören möchte, wenn ich mich das erste Mal in die 1,85-Meter-Badewanne lege. Freistehend, wohl gemerkt.
Sarah Schmittiger
