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An mein dreißigjähriges Ich

Blogvon Yannick Ambrusits

Der Kugelschreiber aufgebraucht im entlegensten Eck,
Die Hefte voller Übungen versteckt im letzten Dreck.
Das Wissen, das einst eingeprägt, verblasst nun mehr und mehr,
Und was einst Struktur und Inhalt war, ist nun verbraucht und leer.
Zwölf Jahre lang gefahren auf gefestigten Gleisen,
die an der Endhaltestelle auf Freiheit nun verweisen…

…Und ich weiß nicht im Geringsten, wie ich mit dieser neuen Freiheit
umgehen soll – ich habe ja nicht mal mehr Ahnung, wer ich bin, wo mein
Platz ist und wo ich mal hin will.
In der Schule war das noch anders, da hatte ich noch Antworten auf all
diese Fragen:
Wer ich bin?
’N Schüler.
Wo mein Platz ist?
Zweite Reihe Fenster.
Wo ich mal hin will?
Im „Flachwitze“-Ranking der Abi-Zeitung unter die Top Drei. (Das hab ich sogar geschafft.)
Das Leben in der Schule war dankbar durchstrukturiert und
unangenehm unkompliziert; eingeteilt in Unterricht und Freizeit und
wenn man sich mal gar nicht aufraffen konnte, ist man einfach zu Hause
geblieben und hat gelindnert, denn es ist immer noch besser nicht die
Schule zu gehen, als falsch in die Schule zu gehen.
Aber ansonsten vermisse ich fast alles, was zumindest indirekt mit
Schule zu tun hatte: den verschlafenen Blick auf den Vertretungsplan
am Morgen, den Geruch in der Turnhallen nach dem auf den blauen
Sportmatratzen getrockneten Schweiß pubertierender Neuntklässler, die
besonderen Wahlfächer und Klassenfahrten. All diese Dinge außerhalb
des regulären Unterrichts, die einen vergessen haben lassen, dass
Bildung in der Oberstufe wie ein einziger Magen-Darm-Effekt ist, an
dessen Fakten, Formeln und Kochrezepten zum Auswendiglernen man
sich wie an Viren jede Stunde neu ansteckt – nur um mit ihnen im Abi
dann das zu machen, was Südkorea mit der deutschen
Nationalmannschaft bei der letzten WM gemacht hat: Sie wieder
ausscheiden lassen.
Ich will entweder 12 Jahre jünger oder älter sein, aber nicht erwachsen
werden; will mir nicht bei Reihenhaus-Raclette-Abenden Gedanken über
die Riester-Rente machen müssen und mir reicht es, so viele Gerichte
kochen zu können, wie es Sorten an Tiefkühlpizzen gibt.

Ich will wieder sechs Jahre alt sein, als ich die größte Angst meines
Lebens hatte, nachdem ich nach fünf Folgen „Willi will’s wissen“ panisch
mit dem Geodreieck meine Augenwinkel gemessen habe, weil mein
Opa immer gesagt hat, dass die Augen nach zu langem Fernsehen
eckig werden.
Ich will wieder sechs Jahre alt sein, als ich die kaputte Glühbirne im
Kindergarten eigenständig wieder zum Leuchten brachte, indem ich sie
zurück in die Fassung schraubte und erst nach der Aussage meiner
Erzieherin, dass ich trotz dieser technischen Meisterleistung nicht im
nächsten Saturn-Werbefilm als kleiner Assistent von Tech-Nick
mitspielen könne, war mein Stolz ein wenig gedämpft und ich war wie
die Glühbirne von vorhin: fassungslos.
Ich schaue ständig nostalgisch in die Vergangenheit, obwohl ich
eigentlich weiß, dass diese Nostalgie wie bei einem Filter alle
unschönen Erinnerungen einfach ausblendet. Vielleicht war das Leben
früher einfacher, unbeschwerter und weniger überfordernd, aber
genauso war ich früher naiver, eindimensionaler und manchmal auch
einfach nur dumm: Ich dachte in der Grundschule, der Kalte Krieg war
ein Krieg, bei dem die Leute sehr schlimm gefroren haben und beim
Sportunterricht habe ich immer dagegen gestimmt, „Brennball“ zu
spielen, weil ich nicht wollte, dass man nur für ein albernes Spiel extra
einen Ball anzünden muss.
Wie naiv das alles ist, wusste ich damals ja nicht und irgendwie habe ich
Angst, dass ich das jetzt immer noch nicht weiß und mein jetziges Ich
aus Sicht meines Ichs in 12 Jahren genauso dumm wirkt, wie mein
sechsjähriges Ich aus Sicht meines jetzigen Ichs.
Also, liebes dreißigjährige Ich, ich habe so viele Fragen an dich:
Sag mir, wie dumm ich bin!
Sag mir, was ich alles falsch mache im Leben!
Sag mir, welche Fehler ich noch begehen werde und wie ich sie
vermeiden kann!
Sag mir, wie man flirtet, ohne wie ein Trottel oder ein Vollidiot oder ein
trotteliger Vollidiot zu wirken!
Sag mir, wie man redet, ohne wie ein trotteliger Vollidiot zu wirken!
Sag mir, was so abgeht in deinem Leben: Bist du glücklich? Hast du
Kinder? Kenne ich welche von deinen Freunden? Wo arbeitest du? Und
wenn die Antwort darauf „Siemens” ist: Was ist schiefgelaufen?

Und solange ich keine Antworten auf diese Fragen habe, weiß ich nicht,
wie ich mit meiner neuen Freiheit umgehen soll, aber vielleicht ist auch
genau das der Punkt. Vielleicht bedeutet Freiheit eben auch, die Freiheit
zu haben, erst einmal herauszufinden, wer man ist, wo man hingehört
und wie man sich verhalten soll.
Vielleicht muss ich nicht alles sofort wissen oder verstehen oder
gemacht haben, vielleicht muss ich nicht alles tun, nur weil ich die
Freiheit dazu habe – vielleicht reicht es manchmal auch einfach, meinen
momentanen Stand zu akzeptieren und dann irgendwann…

Dann hol ich meinen Kugelschreiber aus dem entlegensten Eck,
Versenke all die Alltagssorgen im allerletzten Dreck.
Ich habe mich noch nicht gefunden, aber finde meist noch einen Reim,
Und so schreib’ ich meine Lines auf und präge sie mir ein.
Ich brauche keine and’ren, die mir meinen Weg weisen,
Mir egal, was ich verpasse, denn ich reise wie auf Gleisen.
Ja, mein Zug fährt immer weiter und wenn einer sich wundert,
wie ich das mache, sage ich ihm bloß: „BahnCard Einhundert“!