Zalando
Tief in dir da brodelt seit Wochen
ein lange schon schlummerndes Pochen.
Ja, jetzt merkst du’s auch,
dort in deinem Bauch;
da hat sich was heimlich verkrochen.
Und jetzt? Bist du am Verzagen:
„Fuck man, wie kannst ich’s verjagen?“
Und dann denkst du nicht dran,
doch es dauert nicht lang,
ja da kehrt es zurück und wird fragen:
„Was machst du da eigentlich? Sitzt in der Straßenbahn mit Kopfhö rern auf den Ohren und blickst nachdenklich aus dem Fenster. Nee wobei, du tust so, als würdest du nachdenklich aus dem Fenster blicken, weil du willst, dass die Leute bei deinem Anblick denken: ‚Och, das ist aber ein nachdenklich aus dem Fenster blickender junger Philosoph! Der hört gerade bestimmt einen Richard-David-Precht-Podcast’ – aber du hörst gar keinen Precht-Podcast, du hörst Gemischtes
Hack und verdrängst, dass du kein Philosoph bist nur weil du mal eine Nacht lang nicht schlafen konntest, weil du dir da lauter Gedanken gemacht hast über… Dinge.“
Dabei hast du dir mal gesagt, du wirst später mal Philosoph!
Und Moderator und Wissenschaftler und Entertainer und dir war egal was – Hauptsache keinen Anglizismus-Job bei Zalando (#Communication-Marketing-Supervisor) und Hauptsache einen Wikipedia-Eintrag! Du wolltest einen Wikipedia-Eintrag! Am besten einen auf Englisch, denn dann hat man es wirklich geschafft, und du wolltest es schaffen,
du wolltest gesehen werden, du wolltest so sehr gesehen werden… aber ohne, dass man dir das ansieht. Du wolltest nicht, dass man dir ansieht, dass jeder Tag in deinem Leben ein einziger Kampf darum war, die Anzahl der Personen zu erhöhen, die bei deiner Beerdigung weinen werden, denn was juckst du der Welt wenn du keinen Nachruf in der Tagesschau bekommst und du wirst einen Nachruf in der Tagesschau bekommen, das haben sie dir gesagt, denn sie haben gesagt alles ist möglich, wenn du nur deinen Weg gehst, und du hast das ihnen geglaubt, aber jetzt siehst du, dass auf keinem der Wege dein Name zu stehen scheint, nein, auf keinem der Wege steht dein Name und das einzige, was dich glücklich machen würde, wäre endlich mal zu wissen, was dich glücklich machen würde. Aber heyy…
„Schau was du tun kannst.
Sieh dir die Welt an.
Geh wandern im Ural,
meditier einfach mal,
und dann wirst du endlich wissen was du willst man.
Geh nicht zu schnell ran.
Frag lieber nicht ‚Wann?‘.
Willst du eins mit dir sein,
lass die Freiheit hinein…“
aber es ist so viel Freiheit, du erstickst dran!
Und du willst auch gar keine Freiheit – du willst Sicherheit!
Nee! Du willst keine Sicherheit, du willst Selbstwirklichung!
Du willst Selbstverwirklichung, aber keine Selbstverliebtheit!
Du willst Veränderung, aber keine Verantwortung…
…und du weißt, dass jetzt die Zeit ist, von der du später mal sagen wirst: „Ach hätt’ ich doch, warum hab ich nicht, wieso bin ich bloß“. Und du weißt, dass du dir nicht verzeihen wirst, wenn du jemand geworden bist, der du dir geschworen hast, nie zu sein und du weißt, dass du Angst hast, dich auf dem Weg genau dorthin zu befinden, aber
dir einzureden, trotzdem eine Ausnahme zu sein, und du weißt, dass genau das dich eigentlich nur noch mehr zu einer Regel macht. Also sitzt du in der Straßenbahn, und lässt dich durch die Straße fahr’n.
Doch jetzt wo jene Jahre nah’n, die ewig so schön vage war’n,
Hast du dir deine Chance vertan, weil letztlich alles anders kam.
Und du bist kurz davor deine Träume zu beerdigen, ja fast denkst du, „Communication-Marketing-Supervisor“, das klingt doch eigentlich durchaus tindertauglich, und dann siehst du in der Reflexion des Straßenbahnfensters einen Aufkleber, auf dem steht: „Menschen, die ihre Träume leben… sind eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ Und du
reißt dir deine Kopfhörer von den Ohren: Notbremse, Knopfdruck, Türe auf, raus der Tram, rein in ins Thalia und du klaust sämtliche lausige Lebensratgeber, die behaupten, dass man nur mit mehr Geld, mehr Freunden, mehr Reisen und mehr Six-Pack glücklich werden kann und du nimmst diese Bücher, läufst mit ihnen in die Uni und steckst sie all den freiheitsfehlgeleiteten Verwirklichungs-Fickern in den Arsch!
Und du weißt jetzt immer noch nicht was du eigentlich willst, aber zum ersten Mal fragst du dich, warum dein Leben nur aus einer bestimmten Bestimmung bestehen sollte oder ob du dich wirklich verwirklichen willst und warum du dich eigentlich zwangsläufig beweisen musst? Ich meine, was bist du, ne fucking mathematische Formel!?
Also scheiß mal auf die Leidenschaft,
Denn wo sie dir bloß Leid verschafft,
da merkst du vielleicht,
’s kann sein, dass es reicht,
wenn du was auch ohne sie machst.
Einst wolltest du irgendwer werden,
der Welt deine Werke vererben.
Doch jetzt denkst du: „Och –
warum sich nicht doch,
halt nun bei Zalando bewerben.“
Yannik Ambrusits