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Apropos Entscheidungsprozesse: Was will ich eigentlich?

Blogvon Sinah Breunig

Im Interview mit der Studienberaterin Carina Canbolat

Carina Canbolat (Quelle: Autor:in)
Carina Canbolat (Quelle: Autor*in)

Lebenssteuernde Entscheidungen zu fällen ist oft unfassbar schwer. Manche scheinen einen schier zu erdrücken und zum Verzweifeln zu bringen. Als würde man in einem Labyrinth ohne Ausgang planlos herumirren. Zum Glück wird man damit nicht allein gelassen und kann Rat und Hilfe suchen. Das können Freunde, Eltern oder auch Bekannte sein. Geht es um das Thema Studium, haben diese leider oft genauso wenig Ahnung wie man selbst. Daher gibt es die Studienberatung. Hier in Würzburg ist
diese am Hubland Nord, Clara-Oppenheimer-Weg 32 zu finden. Wie vor Ort mit Studierenden und ihren Anliegen umgegangen wird, wie die Arbeit dort abläuft und was beim Treffen von Entscheidungen helfen kann, habe ich in einem Interview mit Carina Canbolat am 20. Juli herausgefunden.

Sinah: Wollen Sie sich und Ihre Arbeit bei der Studienberatung einmal bitte kurz vorstellen?

Carina Canbolat: Mein Name ist Carina Canbolat. Ich habe 2008 hier an der Uni Würzburg mein Pädagogik-Studium abgeschlossen und bin dann in einer berufsvorbereitenden Maßnahme die ersten zwei Jahre tätig gewesen. 2010 bin ich dann tatsächlich schon hier in die Studienberatung an der Uni Würzburg gewechselt und bin hier seit 2010 befristet beschäftigt.

Von unserer Arbeit her: Das Alltagsgeschäft besteht eigentlich darin, Studieninteressierte, Studenten per Video, telefonisch und natürlich auch in Präsenz zu beraten. Wir haben ganz viel Emailverkehr, also Austausch mit Studierenden. Die E-Mails müssen wir natürlich auch täglich bearbeiten. Wir machen Schulvorträge, die sind auch regelmäßig, also viele Termine. Wir bieten auch hier an der Uni Schulbesuche an, also dass die Schulen hierherkommen, sich die Uni angucken. Da machen wir dann auch immer eine Campusführung.

Weitere Aufgaben: Wir organisieren den Studieninfotag, das Schnupperstudium, wir halten einen Erste-Schritte-Vortrag am Anfang vom Studium, das macht meine Kollegin. Das Projekt Uni@school und der Telefonservice wird auch von der Studienberatung koordiniert. Wir haben jetzt auch die Orientierungsstudien. Da haben wir einen Workshop angeboten zu verschiedenen Fragestellungen: Interessen und Stärken, Ziele und Werte. Meine eine Kollegin hat noch zu Lerntechniken einen
Workshop gemacht. Da haben wir auch mit dem Career-Service zusammengearbeitet. Die haben dazu auch einen Workshop gemacht.

Wir haben auch Kooperationen und Vernetzung mit anderen Beratungsstellen. Das ist natürlich auch etwas, was immer wieder an Arbeit hier anfällt. Dass wir uns dann natürlich auch austauschen und wissen: Wohin können wir die Studierenden noch weiterleiten. Was gibt es so noch für Angebote hier an der Uni und natürlich auch in Würzburg insgesamt.

Sinah: Das heißt, unter welchen Umständen oder wann suchen Studierende die Studienberatung auf?

Carina Canbolat: Mehrheitlich sind das vor allem Studieninteressierte, die hierherkommen, wenn sie Fragen zur Fächerwahl haben oder auch zu Kombinationsmöglichkeiten der Bachelor-Studiengänge. Auch zum Thema Bewerbung und Einschreibung und wie muss ich mich bewerben. „Studierende“ sind natürlich auch ein großer Schwerpunkt. Aber da sind es im größten Umfang Studierende aus dem 1. Fachsemester, die dann herkommen und wegen Stundenplanberatung oder natürlich zu sowas wie Fachwechsel Fragen haben.

Sinah: Wie läuft eine „normale“ Beratung bei Ihnen ab?

Carina Canbolat: Der Ratsuchende kommt hierher. Dann muss er natürlich erstmal die Thematik schildern, warum er hier ist. Und dann geht es meistens hauptsächlich erstmal um die Informationsvermittlung. Je nach Fragestellung, dass man erstmal alle möglichen Handlungsoptionen auch aufzeigt, dass man sagt, was es überhaupt gibt. Das ist total unterschiedlich natürlich. Wie
gesagt: Wichtig ist es da vor allem, dass der Student immer konkret auch antwortet und alles sagt, was es an Infos gibt. Sozusagen alle Karten auf den Tisch legt, damit wir auch wirklich umfassend beraten können. Das erfordert natürlich auch ein hohes Maß an Vertrauen gegenüber uns. Es ist dann halt auch wirklich eine anonyme Beratung. Das ist ganz wichtig. Und dann guckt man nach dem besten Lösungsweg und zeigt Handlungsoptionen auf. Oberste Priorität ist natürlich immer, dass man die beste Lösung für den Ratsuchenden findet.

Sinah: Studierende kommen auch zu Ihnen, wenn sie vor schwierigen Entscheidungen stehen. Wie gehen Sie damit um?

Carina Canbolat: Ja klar, insgesamt erfordert die Beratung ein hohes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen. Da muss man gucken, dass man sich wirklich auf diese Thematik komplett einlässt und natürlich die bestmögliche Lösung findet. Tatsächlich gibt es auch mal Problematiken, die auch einem selbst an die Nieren gehen und wo man gerne helfen würde, wo man aber auch weiß: Da sind jetzt keine Handlungsoptionen da oder es ist alles schon ausgeschöpft. Dann wende ich mich manchmal auch an das Team und wir besprechen es. Wenn ich selbst nicht weiter weiß, haben die vielleicht noch Ideen. Natürlich alles anonymisiert. Bei solchen Sachen, wo man dann einfach nochmal selbst gucken muss, lasse ich mir dann auch oftmals schon die E-Mail-Adresse geben, wenn das gewünscht ist, oder mache direkt einen neuen Termin aus. Auch wir müssen oftmals an den anderen Stellen bei der Uni, Prüfungsamt oder sonstigen, bei irgendwelchen Fragestellungen einfach nochmal Rücksprache halten: „Was gibt es da noch für Möglichkeiten? Kann man nicht noch…?“.

Sinah: Wie läuft dann so ein Entscheidungsprozess ab, also jemand kommt zu Ihnen und hat ein Problem oder eine Frage. Wie verfolgen Sie das dann konkret?

Carina Canbolat: Wenn man eine Entscheidung treffen will, braucht der Ratsuchende ja erst einmal Kenntnis über alle Rahmenbedingungen und alle seine möglichen Lösungswege. Da ist es zunächst wichtig, dass wir die Ratsuchenden erstmal umfassend über die eigene Situation aufklären und über Handlungsoptionen informieren. Auf der Basis kann man dann Schritt für Schritt Lösungen erarbeiten. Das kann teilweise in einem Gespräch auch einfach längere Zeit, also eine Stunde oder mehr, in Anspruch nehmen.

Sinah: Kommen Studierende dann auch teilweise häufiger zu Ihnen?

Carina Canbolat: Das ist ganz unterschiedlich. Das liegt bei den Ratsuchenden selbst. Wenn sie das Gefühl haben, dass das nach einem Gespräch für sie erledigt ist und sie haben alle Infos, die sie wollen, dann kommen sie nicht mehr. Früher hatten wir wirklich eine offene Sprechstunde. Jetzt durch Corona machen wir das nur noch per Terminvergabe. Aber es kann durchaus auch
vorkommen, dass sie auch mehrere Male kommen.

Sinah: Inwiefern begleiten Sie Entscheidungen oder greifen in diese ein?

Carina Canbolat: Eingreifen tun wir jetzt nicht. Wir begleiten in dem Sinne, dass wir einfach andere Möglichkeiten aufzeigen und dann natürlich schon auf Fragestellungen auch antworten, wie man das sieht. Einen Ratschlag würde ich da jetzt so richtig nicht geben, sondern wirklich: Der Ratsuchende muss letztendlich die Entscheidung selbst treffen. Das sind ja tatsächlich auch oftmals lebensweisende Entscheidungen. So ein Studiengang, der sollte natürlich gut überlegt sein. Aber das kann kein Studienberater, vor allem weil wir die Leute auch einfach immer nur in Ausschnitten, in einem kurzen Moment sehen, das können wir gar nicht leisten. Also Entscheidungen treffen, muss der Ratsuchende natürlich selbst.

Sinah: Was ist der schwierigste Moment beim Treffen einer Entscheidung?

Carina Canbolat: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke mal, das ist das Sich-Bewusstmachen, welche Konsequenzen die eigene Entscheidung hat und was man dann auch auf längere Sicht für Auswirkungen und Konsequenzen hat. Weil die einfachste Entscheidung, diese einfachste Lösung oder was am bequemsten ist, ist nicht immer unbedingt die beste Lösung oder beste Entscheidung. Deshalb glaube ich, dass das dieser schwierigste Schritt ist: Wirklich sich alles erstmal wirklich gut zu durchdenken und dann auch darüber die beste Entscheidung zu finden.

Zwischen zwei Optionen schwanken (Quelle: Autor:in)
Zwischen zwei Optionen schwanken (Quelle: Autor*in)

Sinah: Welche Methoden nutzen Sie, um Entscheidungen zu erleichtern? Haben Sie vielleicht einen Geheimtipp, wie das einfacher geht?

Carina Canbolat: Um es gleich vorwegzunehmen: Einen richtigen Geheimtipp oder einen Geheimplan, wie man am leichtesten Entscheidungen trifft, habe ich jetzt auch nicht. Aber natürlich gibt es schon Methoden, die wir dann, je nachdem, wie der Ratsuchende hierherkommt, anwenden. Das ergibt sich immer auf Grund der Fragestellung. Was ich zum Beispiel öfter mal sage, dass man sich eine Entscheidungsmatrix selbst macht. Das ist auf der Grundlage der Beratung eher so, dass ich denen dann eine Anleitung mitgebe und sage, wie sie es machen. Also wir machen das nicht Schritt für Schritt zusammen, sondern wir haben da ein bisschen Material und das gebe ich dann auch immer gerne mal mit. Was wir dann vielleicht noch machen können ist, dann auch eine Entscheidungsmatrix aufstellen, das man sagt: „Okay, man erarbeitet jetzt wirklich eine Fragestellung, die präzise ist“. Weil man soll ja nicht fragen: „Wie soll es weitergehen?“, sondern eher konkrete Fragestellungen, wie: „Studiengang A oder Studiengang B?“. Und da dann verschiedene Raster: Langfristige, kurzfristige Ziele.

Wenn wirklich Studierende kommen und sagen: „Ich habe zwei komplett unterschiedliche Sachen und ich kann mich überhaupt nicht entscheiden. Ich habe alle Pros und Kontras abgewogen und ich weiß überhaupt nicht zu welcher Entscheidung ich kommen soll“, kann man auch manchmal noch so Anweisungen geben, indem man Methoden anwendet, wie: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten 80. Geburtstag und es soll eine Rede über Sie gehalten werden. Was würden Sie denn gerne in dieser Rede über Sie hören?“. – Wie man sich selbst sieht, was man sich für Lebensziele steckt, welche Werte man hat. Das es manchmal, wenn man zwischen zwei eigentlich in erster Sicht oft gleichwertigen Entscheidungen steht, doch noch einfacher ist und man sagt: „Der eine Weg bringt mich aber eher zu dem Ziel, wie ich mich mal später sehen möchte“. Das bleibt eher in dem Sinne einer Anleitung. Ganz wichtig ist es in diesem Entscheidungsprozess auch Leute einzubinden, die man gut kennt: Lehrer nochmal zu befragen, Eltern zu befragen.

Wir bieten dann natürlich auch immer an, dass, wenn man das dann gemacht hat und es nochmal besprechen will, dass wir dann einen neuen Termin machen und solche Sachen dann einfach nochmal im Gespräch durchgehen.

Sinah: Wann würden Sie eine Beratung als gelungen bezeichnen?

Carina Canbolat: Ja natürlich, wenn der Ratsuchende hier mit einer guten Lösung für sich rausgeht oder auch einfach nur mit allen Informationen. Wenn jetzt dann vielleicht eine Problematik da ist, die auch für den Ratsuchenden irgendwie gelöst wurde. Das ist tatsächlich öfter so, dass Leute hierher kommen und dann denken: „Das ist jetzt total dramatisch“ – Und dann sagen wir denen: „Nein, das ist überhaupt kein Problem“. Die gehen dann wirklich mit einer Erleichterung hier raus und das ist natürlich auch schön für einen selbst. Da ist man dann natürlich auch froh, wenn man weiterhelfen konnte. Typisch ist auch, dass Studierende denken: „Oh, jetzt habe ich schon wieder einen Fachwechsel“ oder „Ich habe meinen ersten Studiengang angefangen und jetzt gefällt mir das aber gar nicht“. Und dann auch manchmal einfach mal den Druck rauszunehmen und zu sagen: „Ganz
viele Studierende wechseln und es ist überhaupt kein Drama und da passiert nichts“. Oder ganz viele sind in diesem: „Wie sieht das dann in meinem Lebenslauf aus?“. Und da dann teilweise auch mal die Luft rauszunehmen und zu sagen: „Das ist alles nicht so dramatisch“. Da gehen manche schon mit einer Erleichterung heraus und das ist dann natürlich für alle, also für uns Berater und auch für die Ratsuchenden, schön.

Sinah Breunig

Entscheidungen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken. In einer Reihe an Artikeln setze ich mich mit dem Thema auseinander.