Wehrpflicht, nein danke?! Teil II
Der Krieg in der Ukraine hat die Debatte um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland neu entfacht. In der Schweiz ist der Militär- bzw. Zivildienst für Männer verpflichtend. Wie nehmen junge Menschen dort ihre Dienstzeit wahr?
Vor wenigen Tagen erst bekräftigte Außenministerin Annalena Baerbock erneut ihre Ablehnung gegenüber einer Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland. Damit spiegelt sie die Haltung der meisten jungen Menschen hierzulande wider: Nur 18 Prozent der 14- bis 29-Jährigen befürworten einen solchen Schritt, 50 Prozent lehnen ihn klar ab (Quelle: Trendstudie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“). Timon und Sebastian leben in der Schweiz und haben ihren Dienst dort bereits komplett geleistet. Im Interview teilen sie ihre Perspektive auf das Thema und berichten von ihren Erfahrungen in der Rekrutenschule bzw. als Zivi.
Infobox: Militär- und Zivildienst in der Schweiz
Jeder Schweizer ist verpflichtet, einen Militärdienst zu leisten, Schweizerinnen können sich bisher freiwillig melden (eine Ausweitung der Dienstpflicht auf Frauen wird aktuell debattiert). Der Militärdienst kann zwischen dem 19. und dem 25. Lebensjahr absolviert werden und dauert in der Regel 18 Wochen. Nach der Rekrut:innenschule bleiben die Absolvent*innen neun Jahre eingeteilt und leisten in dieser Zeitspanne sechs Wiederholungskurse zu je drei Wochen. Wer für militärdiensttauglich befunden wurde, diesen jedoch für unvereinbar mit seinem Gewissen hält, kann einen zivilen Ersatzdienst (Zivildienst) im Sozial- und Gesundheitswesen oder im Umweltbereich leisten. Dieser dauert das Anderthalbfache des Militärdienstes. Wer für untauglich befunden wird und weder Militär- noch Zivildienst leistet, muss eine Ersatzabgabe von drei Prozent des steuerbaren Einkommens pro Jahr (maximal elf Jahre lang) bezahlen. Menschen mit einem Behindertengrad von mindestens 70 Prozent sind von der Ersatzabgabe befreit. Für jeden Diensttag haben sowohl Militär- als auch Zivildienstleistende Anspruch auf Erwerbsersatz, selbst, wenn sie vor Dienstantritt nicht erwerbstätig gewesen sind. Der Erwerbsersatz beträgt 80 Prozent des Einkommens vor Antritt des Dienstes, mindestens aber 62 CHF pro Tag. Zivildienstleistende erhalten zusätzlich täglich 5 CHF Taschengeld vom Einsatzbetrieb, Rekrut*innen einen Sold von zusätzlich 4 CHF täglich (Quelle: ch.ch).
Interview zum Militärdienst mit Timon (25, studiert Jura)
I: Wann hast du denn deinen Dienst genau absolviert und wo?
T: Ich hab 2017 die Rekrutenschule absolviert als Panzeraufklärer in Thun. Die Rekrutenschule ging damals noch 21 Wochen, danach hatte ich drei Monate frei, dann habe ich einen Wiederholungskurs absolviert, die man jedes Jahr machen muss, teilweise kann man sie aber auch verschieben. Und im Anschluss daran habe ich mich dann noch entschieden, in den Zivildienst zu wechseln, habe dann noch vier Monate Zivildienst gemacht und so eigentlich vor meinem Studium alle Diensttage absolviert, die ich machen musste.
I: Okay, ach spannend, ich wusste gar nicht, dass man vom Militärdienst noch in den Zivildienst wechseln kann.
T: Ja, man kann einen Antrag stellen und dann wird das in der Regel genehmigt – also es muss genehmigt werden, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Und für die Diensttage die noch übrig sind, da gibt es einen Multiplikator drauf, und dann muss man die noch leisten. Das hat sich jetzt aber geändert, bei mir war der Multiplikator noch 1 1/2, also ich hatte irgendwie plus minus 60 Tage übrig, mal 1 1/2, also dann so 90 Tage. Ich glaube mittlerweile ist der Multiplikator 2 wenn ich mich nicht irre.
I: Aha, okay, und wo hast du dann deinen Zivildienst genau gemacht?
T: Den Zivildienst hab ich in Aarau gemacht, bei einer Kindertagestätte. Ach ja vielleicht muss ich das noch erwähnen, die Rekrutenschule war nicht nur an einem Ort, sondern mehrheitlich in Thun, aber vier Wochen davon waren wir auch in Bure, das ist im Jura, und drei Wochen waren wir glaube ich noch in Eschenbach, nahe Zürich.
I: Okay und woran liegt das, dass die Rekrut:innenschule immer an verschiedenen Orten stattfindet? Wer entscheidet denn, wo man hinkommt, oder kann man das selbst festlegen?
T: Nein, das kann man nicht selbst festlegen, das hat mit der Grundausbildung zu tun – die Begriffe weiß ich nicht mehr genau…
I: …kein Problem!
T: Das waren so die ersten zwölf bis 14 Wochen, und in der Zeit lernst du eben so das Klassische, Schießen, Salutieren, Anmeldung. Und dann gibt es die – ich glaube das heißt VBA 1 und 2, das ist so die weitere Ausbildung. Normalerweise ändert man da den Standort mit der ganzen Kompanie, um die funktionsspezifische Ausbildung weiterzuführen. Und bei mir war das in Bure, das ist eine wirklich große Kaserne im Jura. Und das zweite in Eschenbach, das war nur noch unsere Kompanie. Das war dann auch eine Zivilschutzanlage, gar keine Kaserne mehr.
I: Okay. Du hast jetzt ja schon ganz viel zu den verschiedenen Orten erzählt und dass man sich den nicht wirklich selber aussuchen kann – aber was hat dich denn dann eigentlich dazu bewegt, vom Militärdienst in den Zivildienst zu wechseln? Vielleicht kannst du ja mal deine Motivation für beides kurz erläutern?
T: Die Frage hat ein kleines Problem in sich, man wählt nicht den Ort, sondern die Funktion, und mit der Funktion kannst du indirekt den Ort bestimmen. Ich z.B. hab Panzeraufklärer gemacht, das war klar, dass das in Thun ist. Ich wusste aber nicht, dass wir nach Bure gehen, ich wusste nicht, dass wir nach Eschenbach gehen, das erfährst du erst während der Rekrutenschule. Aber es gibt auch Funktionen, z.B. Infanterie, von denen gibt es X verschiedene Kompanien, da wirst du irgendwo zugeteilt in der Schweiz, also du kannst den Ort so nicht wählen. Genau, aber zur Motivation für den Zivildienst: Ich wollte eigentlich das Militär machen, ich wusste, ich muss sowieso was machen – es gibt ja noch die Option, sich doppeluntauglich zu stellen und dann einfach zu zahlen. Der Gedanke hat mich nicht so sonderlich begeistert, weil ich a) nicht zahlen wollte, und b) in dem Alter eigentlich noch angetan war von der Idee, sowas zu erleben. Jo, dann hab ich mich eben für die Funktion Aufklärer entschieden, weil ich die relativ interessant fand, sie war relativ sportlich anspruchsvoll, aber es war auch eine Kompanie, wo jetzt – also ich sag jetzt mal, das Militär hat ja das Stigma, dass da nur Idioten rumlaufen, aber für die Aufklärer muss man bestimmte Ergebnisse erzielen bei der Aushebung, sowohl intellektuell als auch sportlich, das hat mich dann gereizt, das hab ich dann gerne gemacht. Es hat sich dann auch rausgestellt, dass die Leute da alle relativ in Ordnung waren, nicht so militärverblendet, und ja, war eigentlich cool. Ich kenne ganz viele Leute, die das Militär extrem schlimm fanden, für mich war das nicht so eine tragische Erfahrung. Nicht gerade angenehm die ersten paar Wochen, wenig Schlaf, die ganze Rumschreierei, Befehle befolgen und so, nicht so angenehm, aber für mich war das jetzt nicht so tragisch. Aber ich hab dann tatsächlich in den Zivildienst gewechselt, das hatte für mich rein organisatorische Gründe, weil ich noch Zeit hatte bis das Studium anfing im September. Das waren noch vier, fünf Monate, und wenn du das Militär machst kannst du zwischen zwei Systemen wählen, dem Rekrutenschul-WK-System – das hab ich gemacht, weil es die Funktion die ich machen wollte nur in dem System gab – wo du eine Rekrutenschule machst und dann jedes Jahr Wiederholungskurse, WKs, bis du etwa 30 bist. Das hat aber den Nachteil, dass du nicht viele Tage auf einmal machen kannst, du machst die Rekrutenschule und dann musst du halt immer wieder jedes Jahr. Ich hätte mit dem System die fünf Monate quasi nicht mit Armeetagen füllen können. Und dann gibt’s noch das Durchdienersystem, wo du alle Diensttage direkt am Stück machst. Das wäre auch eine Option gewesen, da gab es aber die Funktion nicht, deswegen hab ich das nicht gemacht. Die drei Monate, die ich noch frei hatte nach der Rekrutenschule hab ich mir dann überlegt, okay, was mach ich noch bis zum Studium, bin dann Reisen gegangen und dann hab ich mir da überlegt, okay, wäre eigentlich ganz cool wenn ich alle Diensttage durchbringe, bevor ich das Studium beginne, weil dann die WKs immer mal wieder in die Prüfungsphase fallen, und das wollte ich mir nicht antun.
I: Ja klar.
T: Und deswegen hab ich mich dann für den Wechsel entschieden. Ich würde sagen so der normale Beweggrund ist eigentlich die Abneigung gegenüber dem Militär – ich war jetzt nicht extrem angetan, aber ich hätte auch das normale WK-System beendet. Aber es ist halt einfach nachteilig für das Studium.
I: Okay, ja klar. Jetzt hast du natürlich zwei verschiedene Dienste gemacht, die sich ja sehr unterscheiden, was die Arbeitsabläufe angeht, aber vielleicht kannst du trotzdem mal kurz beschreiben, wie denn so ein typischer Arbeitstag normalerweise abgelaufen ist als du im Militär warst und als du Zivi warst?
T: Okay, ich probier das kurz zusammenzufassen (lacht). Also im Militär läuft das eigentlich so ab, du schläfst in einem großen Raum, 20 Leute plus minus, dann wirst du geweckt, so fünf, halb sechs, dann stehst du auf, man versammelt sich, geht frühstücken alle zusammen, das heißt dann der ganze Zug, so 30 Leute, und dann beginnt die Ausbildung. Das kann Schießen sein, Zugschule, Marschieren, Handgranaten werfen, Nahkampf, whatever. Es kann auch eine Fahrausbildung sein, je nachdem, was eben die Funktion ist. Und das ändert sich dann im Lauf der Rekrutenschule auch natürlich, je nach Funktion.
I: Zugschule, was ist das denn genau?
T (lacht): Zugschule ist das wohl Dümmste am ganzen Militär… wenn du eine Militärparade schaust,
wie die da im Gleichschritt marschieren –
I: Ah okay –T: – dann kannst du dir das in etwa so vorstellen, da steht einer, und der gibt Befehle – links, rechts,
schneller etc., und dann machst du das halt im Zug, so, 30 Mann. Ist eigentlich nur ein Disziplinding und zum Präsentieren der Armee, aber ja. Genau, und was du auch noch hast, ist das Putzen der Ausrüstung, sehr beliebt (lacht). Das ist meistens am Abend, du bist in der Kaserne tagsüber, und dann am Abend wird Gewehr geputzt, Schuhe geputzt, Ausrüstung geputzt, etc. Ja und was machst du sonst noch… halt so Gruppenausbildung, wie man sich die Ausbildung eines Soldaten eben so vorstellen würde. Wir haben noch gelernt zu infiltrieren, mit Scharfschützengewehren mit so Aufsätzen für unser Gewehr zu schießen, speziellere Sachen. Du lernst wie das Funksystem funktioniert, und dann hast du noch Märsche etc. Ja und am Abend kommst du eben nach Hause, und am Anfang der Rekrutenschule hast du eigentlich keine Freizeit, du kommst zurück in deinen Schlafbereich, dann hast du zehn Minuten Zeit zu duschen, dann gehst du ins Bett, bist todmüde, und dann beginnt das Ganze von Neuem. Und dann gegen Ende der Rekrutenschule bekommst du immer mehr Freizeit, da spielt dann auch eine Rolle welche Funktion, wie streng die Vorgesetzten sind, etc.
I: Ja und wie ist das dann am Wochenende, bleibt man da auch in der Kaserne?
T: Also generell ist die Regelung eigentlich, dass du Samstagmorgen entlassen wirst und Sonntagabend wieder da sein musst. Viele Funktionen können aber bereits am Freitagabend gehen, aber ich glaub ich war während der gesamten Rekrutenschule einmal am Freitagabend zuhause. Genau. Ferien kriegst du keine während der Rekrutenschule, du kannst es beantragen wenn es sein muss, aber eigentlich generell keine, und sonst ist eigentlich alles da: Wenn du krank bist, hat’s ein Krankenhaus, Mittagessen gehst du mit allen zusammen in der großen Cafeteria – du bist nie alleine, du bist immer in deinem Zug. Und so spielt sich eigentlich der Alltag ab – Ausbildung, und dann immer zusammen eigentlich. Ja und in der KiTa war das natürlich ganz anders (lacht).
I: Ja das glaub ich – (lacht)
T: Das kann man sich wie einen ganz normalen Job vorstellen, das war nine to five, oder in der Schweiz eight to five, da kommst du hin, acht Uhr, und dann Kinderbetreuung, Putzen, Zvieri, Znüni (lacht) –
I: – ja was das ist hab ich schon gelernt (lacht)
T: Genau, das vorbereiten, mit den Kindern essen, joa, ganz normaler Job eigentlich. Und dann am Abend auch wieder nach Hause, Wochenende frei, wie man es kennt. Ich hatte 10 Minuten zur Arbeit. Ach ja und vielleicht noch kurzer Input dazu, ich hatte ja vorhin schon erwähnt, dass sie den Multiplikator von 1 1/2 auf 2 hochgefahren haben: Extrem viele Männer haben gemerkt, dass es sich lohnt, in den Zivildienst zu wechseln, weil du ja unterm Strich, wenn du den ganzen Tag im Militär bist und keine Freizeit hast, mehr Stunden arbeitest als wenn du einfach acht Stunden dort arbeitest und dann am Abend wieder nach Hause gehst. Als ich das gemacht habe hat es sich eigentlich noch gelohnt, aber jetzt haben sie es hochgefahren, weil sie sonst zu wenig Leute im Militär haben.
I: Okay verstehe.
T: Ja so beliebt ist es nicht (lacht)
I: Ja gut (lacht). Inwieweit hat denn deine Dienstzeit Einfluss auf deinen weiteren Lebenslauf genommen bzw. gab es irgendwelche Impulse, die dir bei der Orientierung für die spätere Berufswahl geholfen haben? Oder hast du den Dienst eher als Einschränkung wahrgenommen, weil er dir bei deiner Zukunftsplanung in die Quere gekommen ist?
T: Ja in meinem Fall hat das nicht viel bewirkt, so. Ich war fertig mit der Kantonschule, hatte die Maturität und wusste schon, was ich studieren wollte, in welche Richtung ich mich karrieretechnisch weiterentwickeln wollte. Ich musste das halt noch erledigen, aber beruflich hat es mich nicht wirklich weitergebracht. Es gibt einem halt nochmal ein bisschen Zeit, über alles nachzudenken, ist das das Richtige und so, aber für mich persönlich war es keine Hilfe – ich hätte die Zeit nicht gebraucht, um mir zu überlegen, was ich machen will. Und im Militär gibt es auch keine Berufsberatung in dem Sinne, das Einzige, was sie dir nahelegen, ist natürlich das Berufsmilitär (lacht). Es gibt dann Leute, die ihren Berufsweg umändern und dann halt Berufsmilitär machen, klar, aber das kam für mich nicht infrage. Am ehesten war der Dienst dann doch noch ein Hindernis, weil es mich halt ein Jahr gekostet hat. Das Jahr war jetzt nicht verschwendet, ich hab da auch wertvolle Erfahrungen gemacht, aber es ist schon ein Nachteil, so. Jetzt überleg ich mir halt zweimal, mach ich noch ein Praktikum, das nochmal ein halbes Jahr dauert – ich bin halt auch schon 25. Was mach ich noch, mach ich noch ein Doktorat, hmm, das kostet mich nochmal Zeit – du verlierst halt so oder so ein Jahr, das war eigentlich der entscheidendste Einfluss, den der Dienst auf meine Karriere hatte.
I: Hm okay. Vielleicht kannst du an der Stelle auch nochmal kurz darauf eingehen, welche positiven oder negativen Erfahrungen du während der Dienstzeit gemacht hast? Du hast jetzt ja schon gemeint, dass das Jahr an sich nicht verschwendet war und du auch viele wertvolle Erfahrungen daraus mitgenommen hast, vielleicht auch Fähigkeiten, persönliches Wachstum etc…
T (lacht): Was die Fähigkeiten angeht, muss ich ehrlich sagen, da hab ich wahrscheinlich vom Zivildienst eher profitiert als vom Militär.
I (lacht): Okay.
T: Was im Zivildienst halt cool war, war der Umgang mit kleinen Kindern, das hast du ja eigentlich so im Alltag nicht. In meinem Umfeld gab es keine kleinen Kinder, meine Cousins, Cousinen sind alle älter als ich, meine Freunde sind alle noch zu jung, um Kinder zu haben, deswegen gab es so in meinem direkten Umfeld nie kleine Kinder. Und der Umgang mit denen, das hat mir schon nochmal bisschen was gezeigt, und joa hat auch Spaß gemacht! Auch der Umgang mit den jungen Eltern, zu sehen wie die mit der Situation umgehen und so, das hat mir schon was gebracht, würde ich sagen. Und im Militär – hard skills, die du dann im Leben brauchen kannst, naja. Das Fahren vielleicht, ich hab viel Fahrerfahrung gesammelt. Als ich ins Militär kam war ich 19 Jahre alt und hab frisch meinen Führerschein gemacht, und bin da dann tagelang mit Militärfahrzeugen rumgefahren – das hat mir vielleicht ein bisschen mehr Praxis verschafft, aber das ist auch das Einzige, was ich wirklich gelernt habe.
I: Okay.
T: Und ansonsten, ich hab viele positive Erfahrungen gemacht, Kameraden die ich kennengelernt habe, mit denen ich heute zum Teil noch Kontakt habe. Wir hatten auch mehr Kontakt mit den Romands, also das ist so durchmischt, deutsch-französisch. Man lernt Leute aus der ganzen Schweiz kennen, auch aus dem Tessin zum Teil, das war interessant. Und ja, auch so die Gesellschaftsdurchmischung war ein interessanter Aspekt, du hast halt Leute von der Goldküste, Zürich, gemischt mit Leuten aus Familien, die gerade so über die Runden kommen. Also wirklich Leute aus ganz verschiedenen sozialen Milieus. Und ja natürlich hab ich auch negative Erfahrungen gemacht, mit schlechten Führungspersönlichkeiten, eigentlich hauptsächlich das. Du hast da halt Leute, die in der Privatwirtschaft nie in solche Machtpositionen gelangt wären, aber im Militär gibt’s eben keine Konkurrenz, weil das die wenigsten machen wollen. Also du hast da wirklich völlig unfähige Leute zum Teil. Aber auch das muss ich sagen war bei uns jetzt nicht so schlimm.
I: Okay. Du hast jetzt ja schon erwähnt, dass sich gerade aus der Zeit beim Militär auch Freundschaften ergeben haben, die bis heute anhalten – aber ist der Militärdienst an sich in eurem Freundeskreis ein großes Thema?
T: Der Militärdienst war in der Zeit, als ich und meine Freunde so in dem Alter waren und das alle zusammen gemacht haben, das Gesprächsthema überhaupt. Man tauscht sich halt aus, hey wie läuft das bei euch, man vergleicht sich auch, zum Teil ist das ein bisschen ein Wettbewerb, wer macht was. Also da war es ein sehr großes Thema. Mittlerweile ist es in meinem Freundeskreis aber kein Thema mehr, ist ja schon ein paar Jahre her. Aber was erstaunlich ist und was ich immer wieder interessant finde: Sobald ich neue Leute kennenlerne – also Männer, weil halt mehrheitlich Männer das Militär absolvieren – ist es sehr schnell wieder ein Thema. Wo warst du, was hast du gemacht, manchmal kennt man sogar, wenn man im gleichen Alter ist, den und den Oberst. Ah ja, da war ich auch, die Kaserne ist scheiße und so, das ist eigentlich immer wieder ein guter Gesprächsopener für alle Männer, die man kennenlernt in der Schweiz (lacht)
I: Okay (lacht)
T: Da ist es dann immer mal wieder ein Thema. Aber sonst eigentlich nicht.
I: Okay, alles klar. Ja dann vielleicht noch die Frage nach dem Generationenunterschied: Wie nimmst du denn die Haltung deiner Generation gegenüber dem Militärdienst wahr, und beobachtest du da vielleicht auch Unterschiede im Vergleich mit der Generation deiner Eltern oder Großeltern?
T: Ich finde es sehr schwierig eine Aussage über meine Generation zu treffen, weil die Daten ja ganz klar zeigen, dass das Militär unbeliebt ist, dass immer mehr Leute eigentlich nicht den Militärdienst machen wollen. Auch in meinem Umfeld kenne ich viele Leute, die sich da entweder rausgeschlängelt und den nicht gemacht haben, oder ihn halt gemacht haben und dann voller Hass die 21 Wochen abgesessen haben. Aber ich kenne auch viele Leute, die es nicht so tragisch fanden, oder sogar welche, die es cool fanden. Ich glaube, da gibt es große Unterschiede je nachdem, wie die Leute groß geworden sind, ob sie das gut finden oder eher nicht. Meiner Erfahrung nach schätzen die konservativen Kreise das Militär mehr als, ich sag jetzt mal, die liberale Jugend aus der Stadt. Es ist häufig so, dass die Konservativeren eher aus der ländlichen Umgebung kommen – wird in Deutschland ja wahrscheinlich ähnlich sein.
I: Ja, schon.
T: Ja da merkt man schon große Unterschiede, also dass die Städter sich eher dagegen wehren, während die Ländler noch eher dafür sind. Aber der Unterschied zu unseren Eltern und Großeltern, das ist wirklich ein markanter Unterschied. Ich glaube, der ist relativ offensichtlich. Man kann schon festhalten, dass das Militär, als mein Vater im Militär war – der hat noch Hauptmann gemacht und sich da weiter engagiert – wichtig für die Karriere war. Vor allem im Rechtsbereich und im Wirtschaftsbereich war das zum Teil ein Muss vor 30, 40 Jahren. Da wurde Networking betrieben, und es galt halt einfach als sozialer Status, also das war nicht nur die Rekrutenschule, sondern eine Offizierslaufbahn musste da eigentlich sein. Und heute ist das gar nicht mehr so. Die meisten Unternehmen, obwohl sie es nie offen zugeben würden, schätzen es eigentlich, wenn die Leute, die bei ihnen anfangen, den Militärdienst beendet haben. Was ja auch logisch ist, die müssen ja sonst immer wieder einen Wiederholungskurs machen, drei, vier Wochen im Jahr. Und beim Studium ist es ja ähnlich, das hatte ich ja schon erwähnt – für mich der Hauptgrund, aus dem Militärdienst auszuscheiden. Also da hast du riesige Unterschiede, und dann noch die Generation meines Großvaters – also wenn du da nicht zum Militär gegangen bist, warst du halt, bös gesagt, der Randständige, der Komische. Früher hatte das wirklich einen extrem hohen Stellenwert, aber über die Jahre ist das immer mehr verkommen. Und jetzt mittlerweile ist die Offizierslaufbahn überhaupt nicht mehr relevant, kannste machen, musste aber nicht, und auch ob du jetzt Militär gemacht hast oder nicht spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht wenn du mal an einen speziellen Rekruten kommst, der das toll fand, aber sonst eigentlich nicht. Also da hat sich sehr viel getan in den letzten 50 Jahren.
I: Okay, alles klar. Also von meiner Seite aus wären dann alle Fragen super abgearbeitet, das war sehr ausführlich, danke dir! Vielleicht magst du noch irgendwas hervorheben, resümieren, Bilanz ziehen…
T: – ich glaub ich hab schon sehr ausführlich berichtet (lacht)
I: Ja ich glaub auch (lacht)
T: Ja vielleicht noch zwei Sätze zur Wehrpflicht, ich find halt, die Wehrpflicht ist, so wie wir sie machen und so wie Deutschland sie vielleicht wieder einzuführen versucht, ein absoluter Schwachsinn. Man sieht wie viele Ressourcen verschwendet werden im Militär, Leute werden ausgebildet, die am Ende doch nichts können, wir haben tausende Infanteristen, die nicht mal die Waffe richtig halten können, so, bringt halt nichts. Ich wär dafür, dass man das Militär signifikant kleiner gestaltet, und dann nur Milizsoldaten aufbietet, die auch motiviert sind, das zu machen, und die dann besser ausrüstet. Mit dem Budget, das da ist – so wie eigentlich Deutschland das schon macht mit dem Berufsmilitär (lacht)
I: Ja das ist tatsächlich auch einer der Hauptkritikpunkte, die in der öffentlichen Debatte in Deutschland vorgebracht werden. Menschen, die selbst Erfahrung im Militär haben, sagen, dass es völliger Schmarrn ist, 18-jährige Jungs ein paar Monate lang zu einer militärischen Ausbildung zu verpflichten – das sind dann vielleicht am Ende zwar Leute, die ungefähre Grundkenntnisse haben, aber wenn es wirklich im Kriegsfall dazu käme, dass sie einsatzbereit sein müsste, wäre das eine Katastrophe.
T: Ja das ist auch meine Meinung, ich hab das ja gesehen – wenn meine Kompanie im Kriegsfall aufgeboten werden würde, da kannst du vier Navy Seals aufbieten und das wäre effektiver als die hundert Mann, die wir da stellen. Das bringt nichts! Und unser Problem, das Deutschland ja auch hat, ist die veraltete Ausrüstung. Wir haben Funksysteme, die nicht funktionieren, zwölf Kilogramm schwer sind und die wir mit uns rumtragen, und dann gehen sie trotzdem nicht. Mit dem Budget, das wir haben, können wir nicht so viele Soldaten ausbilden, wie wir es tun, und für Deutschland würde ich das Ähnliche behaupten.
I: Ich denke auch nicht, dass die Wehrpflicht in der Form wirklich wieder eingeführt wird. Aus konservativeren Kreisen kommt alle paar Jahre der Vorschlag, und in Anbetracht der Kriegssituation in der Ukraine war klar, dass es jetzt mal wieder so weit ist. Aber es ist auf jeden Fall super spannend, die Perspektive von Leuten kennenzulernen, die das wirklich noch machen müssen – in Deutschland ist das wirklich seit 2011 ausgesetzt, und meine Generation weiß kaum was damit anzufangen. Aber gerade deswegen ist es auch interessant, mal ein paar Einblicke zu bekommen.
T: Ja, ich glaube so aus persönlicher Perspektive ist es eine okaye Sache, aber aus politischer und wirtschaftlicher Sicht finde ich ist es absoluter Schwachsinn, so wie wir das machen.
I: In letzter Instanz entscheiden dann aber doch andere darüber, und nicht wir, leider.
T: Ja, oder wir als ganz kleiner Teil des Ganzen, wie wir das in der Schweiz immer gerne so machen,
mit unserer direkten Demokratie (lacht)
I: Tatsache (lacht). Vielen Dank dir für das Interview und deine Perspektive!
T: Gerne!
Sophia Gessner
Note: Die dargestellten Ansichten geben die Meinung der Interviewpartner und nicht die des Sprachrohrs wieder.