Deutschsprachige Debattiermeisterschaft in Wien


Wie muss man sich das eigentlich vorstellen? Debattieren als Meisterschaft?
Na gut, dass man eine Debatte gewinnen oder verlieren kann, das habe ich Recht schnell verstanden. In meinem Kopf gewinne ich sie ja immer.
Aber um tatsächlich einen etwas besseren Eindruck zu bekommen wie das ganze mit der Überzeugung so funktioniert kann man sich die Finals von Debattierturnieren anschauen.
Als hochschulnaher Debattierverein nehmen wir auch an diesen zumeist interuniversitären Wettbewerben Teil.
In der vom Verband der Debattierclubs an Hochschulen ausgerichteten Campusdebatten-Serie nehmen Teams aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil.
Nachdem es diese Saison schon zu Turnieren nach Heidelberg, Hannover, Marburg und Hamburg ging, stand nun unsere längste Fahrt an.
In Wien wartete nach mehreren Jahren endlich wieder eine Deutschsprachige Debattiermeisterschaft in Präsenz.Die letzten Jahre wurden Corona geschuldet entweder komplett digital, oder mit digitalen Vorrunden und Finalrunden vor Ort durchgeführt.
In Marburg waren wir Westdeutscher Vizemeister geworden, damit hatten wir es uns erkämpft drei Teams zur DDM 2022 nach Wien zu schicken.
Freitag am 3.6. fuhren wir morgens gemeinsam mit einem VW Bus los, um entspannt den Stress des heranziehenden 9 Euro Tickets zu umgehen.
Nachmittags erreichten wir Wien, fuhren direkt unser Hostel an, um nach dem Check-in beim Veranstalter, dem Debattierklub (mit K, wir sind ja in Österreich) Wien, direkt den angrenzenden 10. Bezirk nach einem original Wiener-Beisl zu durchsuchen.
Dort liessen wir uns dann die Speisen und Getränke erklären, um schlussendlich mehrheitlich beim Klassiker zu landen, dem Wiener Schnitzel mit Erdäpfel-Vogerlsalat.
Einige andere Teilnehmer*innen waren schon Tage vorher angereist, um das schöne Wien zu genießen, aber diejenigen die sich erst freitags auf den Weg gemacht hatten, berichteten uns abends beim gemeinsamen Grillen auf der Donauinsel, von Chaos an Bahnhöfen und ausgefallenen Zügen. Es war langsam zu hören dass eines der favorisierten Teams es durch Zugausfälle nicht mehr rechtzeitig zum Turnier schaffen würde.
Am nächsten morgen ging es dann richtig los.
Im beeindruckenden Hauptgebäude der Universität Wien im historischen Zentrum, ging es nach einem kleinen Frühstück und Ankündigungen in den wohl klimatisierten Räumen direkt ans Debattieren.
Ohne unser Top Team, waren wir relativ ambitionslos angereist, es ging mehr darum persönliche Ziele zu erfüllen und das Erlebnis DDM aufzusaugen.
Im “British Parliamentary Style” treten 4 Teams aus je 2 Redner*innen gegeneinander an.
Je 2 bilden Regierung und Opposition, aber alle vier Teams treten gegeneinander an.
Die Regierung vertritt eine Pro Meinung, die Opposition gibt dann Kontra.
In der ersten Vorrunde ging es darum ob der Film „Don´t look up“ mehr negative als positive Effekte auf die Umweltbewegung hatte.

Danach haben die Jurierenden die Aufgabe zu bewerten wer die besseren Argumente hatte und die Teams in einer Reihenfolge eins bis vier ranken.
Einer der wichtigsten Faktoren ist, dass man das Thema erst 15 Minuten vor Debattenbeginn erfährt und so nur wenig Zeit hat sich vorzubereiten.
Ähnlich dem Schweizer System treten dann in den Nächsten Runden die Besten gegen die Besten an und die Schwächeren gegen die Schwächeren.
Nach 4 Vorrunden, in denen es unter anderem noch um Kernarbeitszeiten, Medienmonopole und die österreichische Ausbildungsgarantie ging, stand als Abendunterhaltung noch ein Pubcrawl durch ein dutzend Pubs in der Wiener Altstadt an.
Doch nachdem wir 10 Stunden bei bestem Wetter in der Universität gesessen hatten, ergossen sich nun plötzlich monsunähnliche Niederschläge vom Himmel.
Nachdem wir bei bestem Wetter morgens das Hostel verlassen hatten, retteten wir uns jetzt gänzlich ungeschützt und völlig durchnässt in den nächsten Irish Pub.
Außer uns hatten sich noch einige andere Debattierende dorthin geflüchtet, mit denen wir dann bei dem ein oder anderen Kaltgetränk den Abend ausklingen ließen.
Als wir uns in einer Regenpause Richtung Straßenbahn zum Stephansdom aufmachen wollten, fanden wir uns in einem Pub zwei Straßen weiter wieder, wo einige der Ausrichter ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wir konnten dann nicht anders als im Gruppenzwang noch den ein oder anderen Shot mit zu trinken.
Um 8 Uhr ging es dann am nächsten morgen mit dem Frühstück weiter.
Die Vorrunden 3 bis 5 lieferten uns weiter tolle Debatten zu Themenbereichen wie Jugendfußball, Einstimmigkeitsmechanismen in der EU und Gamification am Arbeitsplatz.
Da am selben Tag noch abends die Viertelfinals stattfanden, wurde nun bekannt gegeben wer sich für die Finalrunden qualifiziert hatte. Die besten 16 von insgesamt 64 Teams qualifizierten sich. Schnell zeichnete sich ab, dass die jahrelange Dominanz von Teams aus Berlin und Tübingen sich dem Ende neigte, Berlin hatte kein Team in den Top16, Tübingen nur eins.
Stattdessen waren vier der Top16 Teams aus Hamburg und drei aus Heidelberg.
Keines unserer Würzburger Teams stand am Ende an der Spitze, aber unsere Jurierenden Rebecca und Sven wurden beide, aufgrund ihrer guten Leistungen in den Vorrunden, für die Finalrunden qualifiziert.
Traditionell steht am Ende des Samstags bei einer DDM immer der Galaabend an.
So auch hier. Aufgrund der Strecke war eine Rückkehr ins Hostel vorher eher ungünstig, weshalb die meisten sich schon ihre Kleider und Anzüge mitgebracht hatten und sie sich jetzt in spontan vorbereiteten Umkleideräumen anzogen.
Nach der ein oder anderen langen und strittigen Jurierdiskussion, wer sich in den Viertelfinals nun durchgesetzt hatte, ging es endlich Richtung Galaabend.
Kaum dort angekommen setzte wieder sehr starker Regen ein, diesmal waren wir zum Glück nicht nass geworden.
Nachdem es im Red Room im Comida y Ron bei einer Afterparty noch spät wurde, suchten wir, jetzt zum Teil besser vorbereitet, mit Schirmen und Sakkos über den Köpfen, Zuflucht in der U-Bahn Richtung Reumannplatz.
Ein Gutes hatte der Regen, trotz der Hitze tagsüber, konnte man nachts angenehm schlafen.
Am nächsten Tag standen noch Halbfinals und Finale an.
Für das Finale ergab sich eine Konstellation von Teams aus Hamburg, Hannover, Heidelberg und Freiburg.
Im großen Festsaal der Universität Wien, debattierten die Teams dann über das Thema:
“Dieses Haus glaubt, dass die Personen hier im Saal im Laufe ihres Lebens eine außenpolitisch friedliche Entwicklung Chinas erleben werden.”
Das vor dem Turnier höchstens als Außenseiter gehandelte Team aus Freiburg, bestätigte seine gute Leistung aus den Vorrunden und legte sogar noch einen obendrauf.
Sonja Soko und Jonathan Dollinger vom Debattierclub Freiburg sind deutschsprachige Debattiermeister!
Nach dem Finale stand relativ zeitnah die Entscheidung an, ob wir noch eine Stunde in der brütenden Hitze die Innenstadt Wiens erkunden oder uns direkt in den klimatisierten Bus Richtung Heimat setzen sollten. Nach den Strapazen der letzten Tage waren wir uns da schnell einig und der Rückweg wurde angetreten.
Insgesamt ein tolles Turnier, für das wir uns beim Ausrichter, dem Debattierklub Wien, bedanken möchten. Außerdem bedanken wir uns bei den Juristen ALUMNI Würzburg e.V. für die finanzielle Unterstützung.
Falls ihr auch mal Lust habt auf eine Debatte oder sogar ein Debattierturnier, schaut gerne mal bei uns vorbei. Mehr Informationen und Einblicke findet ihr unter anderem auf unserem Instagram @debattierclub.wuerzburg.
Sven Bake
