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Präsenz-Studium. Eine Anleitung

Blogvon Yannick Ambrusits

Kolumne: Der Semester-Beitrag

Was niemand mehr für möglich hielt, ist endlich eingetreten: WueStudy hat ein Update bekommen! Ach ja, und das Präsenz-Semester ging wieder los. Die folgende Anleitung ist ein kleiner Guide für alle Studierenden, die zu ihrer ersten Präsenz-Vorlesung im Schlafanzug erschienen sind und sich gefragt haben, wo am Sitzplatz sich der Knopf befindet, mit dem man die Dozentin da vorne stummschalten kann.
1. Busfahren
Wohl niemand dürfte sich auf das Präsenz-Semester weniger gefreut haben als Würzburger Busfahrer*innen. Sie müssen sich wie einsame Asphalt-Cowboys:girls gefühlt haben, wie sie so ohne Studenten-Smalltalk im Ohr (siehe Punkt 2) zum ersten Mal seit Universitäts-Gründung mit leerer Linie 10 entspannt durch die City cruisen konnten. Doch diese Zeiten sind nun endgültig vorbei.
Und auch für uns Studis bedeutet es, dass wir uns von bequemen Privilegien wieder verabschieden müssen. Liebe Corona-Erstsemester, man muss es nachdrücklich betonen: Ein freier Platz im Bus zum Hubland ist keine schulterzuckend hinzunehmende Selbstverständlichkeit, sondern ein kostbares Gut, dem wieder mehr Wertschätzung entgegengebracht werden muss! Die alten Hasen unter uns Studierenden werden sich erinnern: Früher glich ein leerer Uni-Bus einem Lottogewinn, den man am besten damit feierte, sich in die letzte Reihe zu setzen, um beim Losfahren einen besseren Blick auf verspätete Studis zu haben, die völlig außer Atem dem Bus hinterherrennen.
Die Fahrt selbst gleicht in pandemiefreien Zeiten einem täglichen Gruppenkuschel-Ritual, bei dem man – eingequetscht zwischen Leitz-Ordnern und Kaffee-Mehrwegbechern – gezwungen ist, der Unterhaltung zweier Sonderpädagogik-Erstsemester zuzuhören, die vom dichten Verkehr beim Mainfranken-Theater offenkundig ein bisschen nervös werden („Scheiße, Franzi, die Vorlesung beginnt gleich – meinst du, du kannst dem Prof schnell noch eine Mail schreiben, dass wir fünf Minuten zu spät kommen?“). 
Die meisten Studierenden versuchen, solchen auditiven Abführmitteln durch Kopfhörer und einer laut aufgedrehten Folge „Gemischtes Hack“ zu entkommen. Doch auch diese Taktik geht leider nicht immer auf. Denn unverhältnismäßig oft kommt es während einer Busfahrt zum nächsten Problemfeld des universitären Präsenz-Alltags:
2. Smalltalk 
Smalltalks sind die BWL-Studierenden unter den Gesprächen: Sie sind auf den ersten Blick sehr langweilig und wenn man sich dann aber die Zeit nimmt, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen… auch. Im Bus oder auf dem Campus kann es trotz Kopfhörern auf den Ohren hin und wieder passieren, dass man ungewollt einen Kommilitonen trifft, den man zwar nicht gut genug kennt, um ein längeres Gespräch mit ihm zu führen, aber auch zu gut, um ihn einfach durch ein kurzes Kopfnicken gelassen abmoderieren zu können. Ein kurzer, unfreiwilliger Blickkontakt reicht schon aus und beide Leidtragenden wissen, dass sie in die Smalltalk-Falle getappt sind. Das darauffolgende Gespräch läuft häufig in etwa so ab:
-Heyy!
-Hallo.
-Na, auch auf dem Weg zur Uni?
-Jup.
Unangenehme Stille.
-Mega dumm, dass die Dozentin ihre Folien immer erst nach der Vorlesung hochlädt oder?
-Mhm ja voll.
-Und dann steht auf denen auch fast nix drauf, wie soll man denn da für die Klausur lernen?
-Hm, keine Ahnung.
Unangenehme Stille.
-Hast du denn schon mit dem Lernen angefangen?
-Nee.
-Ok puh, ja ich auch nicht, aber ich hab echt Angst, dass ich zu spät dran bin.
Unangenehme Stille.
-Wann isn die Klausur überhaupt nochmal?
-In vier Monaten.
Eine solche Situation ist meist unangenehm für alle Beteiligten. Um sie abgeklärt zu vermeiden, können die folgenden Tipps hilfreich sein: Wenn du durch die Unigebäude schlenderst, blicke immer wieder so gestresst wie möglich auf dein Handy, um einem potenziellen Smalltalk-Lauerer bereits vor Beginn des Gesprächs zu signalisieren, dass du es gerade sehr eilig hast. Gleichzeitig kannst du dabei schon mal den Speiseplan der Mensa abchecken – eine klassische Win-Win-Situation! Leg dir darüber hinaus ein paar Floskeln zu, die du in einem Gespräch an jeder Stelle verwenden kannst, ohne wirklich zuhören zu müssen. Beispiele hierfür können sein: „Joa naja“, „Wie’s halt immer so is ne…“ oder auch „Da steckste nicht drin…“. Probier diese Floskeln bei deiner nächsten langweiligen Konversation am besten selbst einmal aus – klappt eigentlich immer!
3. Vorlesungen und Seminare
Zuallererst gilt es sich zu vergewissern, dass man sich im richtigen Gebäude befindet. Orientiere dich dabei am besten an den typischen Merkmalen der Studis deines Fachs.
Wenn du Jura studierst und die Klamotten aller Anwesenden im Hörsaal geschätzt weniger wert sind als Hunderttausend Euro, bist du im falschen Hörsaal! Studierst du Soziologie und bei weniger als der Hälfte deiner Kommiliton*innen steht ein Bambus-Mehrwegbecher auf dem Tisch – nix wie raus mit dir! 
Darüber hinaus gilt: Lehramtsstudierende ohne eingeklemmten Leitz-Ordner unter dem Arm gibt es seltener als gendernde Nazis (#„Ausländer*innen raus!“) und Soziale-Arbeit-Studentinnen, die einen Nasenring tragen und von sich denken, sie seien ja nicht so die typischen Soziale-Arbeit-Studentinnen, belügen sich nur selbst. 
Wichtig: In Seminaren ist es in der Regel leider nicht möglich, das Referat hinter der Tafel zu halten – auch nicht mit der Begründung, dass ihr bei Vorträgen bisher auch immer die Kamera ausschalten durftet. Wenn du beim Wort „Breakout-Session“ immer noch Schweißausbrüche bekommst, kannst du allerdings beruhigt aufatmen: Dozierende sind meistens schon froh, wenn sie für ihre Veranstaltungen überhaupt einen Raum bekommen haben.
Nun sollte einem erfolgreichen Start ins Präsenz-Semester eigentlich nichts mehr im Weg stehen. Also raus aus dem Schlafanzug und rein in den Bus – solange WueStudy funktioniert, kann eigentlich nichts schiefgehen!

Yannik Ambrusits