Money on my mind

Immer häufiger treten sogenannte „Coaches“ in sozialen Medien wie Instagram und YouTube auf, die uns dummen, lohnarbeitenden Menschen vor dem Bildschirm zeigen, wie man scheinbar spielerisch ein riesiges Vermögen innerhalb weniger Wochen aufbauen kann. Im Grunde muss man dafür lediglich ihrem Mentoring-Programm folgen und einfach das richtige „Money-Mindset“ entwickeln. Dabei vergessen diese Personen nicht nur die ökonomische Realität, dass aus Geld nicht einfach so mehr Geld werden kann, da hinter Wertsteigerungen – zumindest abseits des Krypto-Hypes – auch realwirtschaftliche Produktions-, also Arbeitsleistungen stehen, sondern etwas weitaus Gravierenderes: In diesen Bubbles wird von „Investment“ und „Wachstum“ gesprochen, als wäre für die meisten Menschen ihr „Mindset“ das Hindernis, wo es doch etwas ganz anderes ist: ihre Armut.

Das Thema der Armut und sozialen Ungerechtigkeit findet neben den großen Krisen Corona, Klimawandel und natürlich den Endlosdebatten um Gendersternchen und Frauenquoten in der deutschen Politik und hitzigen Talkshows wenig Platz. Und auch die Öffentlichkeit beschäftigt sich lieber tagelang mit dem Einreiseverbot für einen nationalistischen serbischen Tennisspieler, der sich nicht an Isolationsregeln hält und mutmaßlich PCR-Ergebnisse fälscht, als sich mit dem Thema der ungleichen Wohlstandsverteilung auseinanderzusetzen. Zunächst scheint das in einem Land, in dem man nicht über Geld und Lohn und erst recht nicht darüber redet, wenn man von beidem zu wenig hat, nicht verwunderlich. Denn wer kann in unserer Gesellschaft schon wirklich offen sagen, dass er gerade schlaflose Nächte durchmacht, weil die Miete nicht mehr bezahlbar ist oder wegen der neu benötigten Brille ein halbes Monatsbudget draufgeht. Der Druck in spätkapitalistischen Gesellschaften, immer zu performen, immer viel zu besitzen und immer viel von sich zu zeigen, lastet sicher auf jedem von uns, aber vor allem auf denjenigen, die von Anschaffungen und Plänen, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen, nicht einmal träumen können, da sie kaum ebenjene Grundbedürfnisse vollumfänglich stillen können. Und dieses Leid ist keine Seltenheit: Im Jahr 2021 gelten in einem der reichsten Länder der Welt gut 16% der Bevölkerung als arm, das heißt, sie haben weniger als 60% des Netto-Medianeinkommens monatlich zur Verfügung. Oder anders gesagt: 13,4 Millionen Menschen leben innerhalb Deutschlands in Armut. Unter ihnen sind vor allem gesellschaftlich Benachteiligte und auch sonst oft vergessene Bevölkerungsgruppen wie Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund oder Erwerbslose. Jedoch sind auch Erwerbstätige von Armut betroffen: Aktuell zählen fast 20% der Vollzeitbeschäftigten zu den Geringverdienenden, das heißt, ihr monatliches Gehalt beträgt weniger als 2284€ brutto. Diesen Menschen hilft es auch nicht, wenn ein sogenannter „Coach“ ankommt und ihnen erklären will, dass jede:r es schaffen kann, wenn er oder sie es denn nur genug wolle, im Gegenteil. Solche Aussagen können das Selbstvertrauen Betroffener noch weiter zerstören und geben ihnen das Gefühl, sie wären einfach nur zu faul oder nicht schlau genug, dabei haben sie aufgrund ihrer finanziellen Ausgangssituation deutlich weniger Möglichkeiten, Wissen, Fähigkeiten und auch Kapital aufzubauen als andere. Kinder aus finanziell schwächeren Familien haben trotz der angeblichen Chancen- und Bildungsgleichheit zahlreiche Nachteile. Angefangen bei Schulausflügen und Anschaffungen für den Schulalltag bis zum Austauschjahr oder Skikurs: Für arme Familien sind diese zusätzlichen Ausgaben unmöglich zu bewerkstelligen, was wiederum negativ auf die Kinder zurückfällt. Sie lernen weniger neue Situationen kennen, können sich weniger frei entfalten und auch außerhalb der Schule weiterbilden und werden im schlimmsten Falle gemobbt oder schämen sich für ihre finanzielle Situation. Ganz besonders eindrücklich zeigt sich dies im Hinblick auf die Aufschlüsselung des Hartz-IV-Satzes: Einem Kind stehen laut Regelsatz pro Monat 1,61€ für Hobbies zu. Auf das Jahr gerechnet sind das 19,32€ – vielleicht gerade so ausreichend für eine einzige Stunde Musikunterricht. Oder man spart 5 Jahre und kann sich dann vielleicht eine günstige Gitarre leisten. Für den Jahresurlaub und Restaurantbesuche sind in den Bezügen für Kinder insgesamt 83,76€ pro Jahr vorgesehen, was nicht ansatzweise die Kosten eines Skikurses, geschweige denn eines Urlaubs decken kann. Auch für Alleinerziehende oder Elternteile in prekären Beschäftigungsverhältnissen stellen solche Ausgaben große zusätzliche Belastungen dar und sind sehr oft nicht umsetzbar. Natürlich kann man nun behaupten, dass es für ärmere Familien für Schulaktivitäten ja auch finanzielle Unterstützung gebe. Doch diese wird leider oft aus Scham oder auch Unkenntnis nicht angenommen. Unter diesen Ausgangsbedingungen ist es für Kinder und Jugendliche ungleich schwerer, sich selbst aus der Armutsspirale zu befreien. Oftmals müssen sie dann aufgrund fehlender Mittel oder schlechter Ausbildung selbst wiederum prekäre Beschäftigungen annehmen oder sich hoch verschulden, um studieren zu können. Später können sie sich nicht einfach so weiterbilden, selbstständig machen oder umorientieren, da sie von ihren Einkünften stark abhängig sind und keinerlei Ersparnisse haben. In der Konsequenz sind viele arme und armutsgefährdete Menschen anfälliger für psychische Erkrankungen und Stress, leiden häufiger unter Suchtkrankheiten, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schlafproblemen. Das macht sie wiederum weniger leistungsfähig oder sogar arbeitsunfähig, was zu einer erneuten Verschlechterung ihrer ökonomischen Lage führt.
Im Zuge dieser Betrachtungen kann abschließend auch gleich ein weiteres Narrativ aus der Welt geschafft werden: Das Prinzip der Leistungsgesellschaft. Bereits im Jahr 2010 wurde mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens in Deutschland vererbt, während 40% der Menschen über keinerlei Nettovermögen verfügen. Zusätzlich sind fast 20% der Vollzeitbeschäftigten aktuell Geringverdienende. Dies impliziert, dass immer weniger Vermögen durch tatsächliche Lohnarbeit aufgebaut wird, da es ohne Erbe und mit geringem Einkommen, das gerade so zur Deckung der Lebenshaltungskosten reicht, kaum möglich ist, Rücklagen aufzubauen. Dadurch manifestieren sich Ungleichheiten immer weiter, was sich beispielsweise daran zeigt, dass etwa 60% des gesamten Vermögens im Besitz von nur 10% der deutschen Bevölkerung sind. Dieser Trend scheint sich klar weiter in die Richtung der zunehmend ungleicher werdenden Gesellschaft fortzusetzen. Insgesamt ist dies nicht nur eine Gefahr für die betroffenen Menschen an sich, die für ihre Lohnarbeit keine angemessene Wertschätzung erfahren und häufig lebenslang unter den direkten und indirekten Folgen der Armut leiden, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie selbst. Um das Problem der ökonomischen Ungleichheit zu lösen, reicht es also nicht aus, wenn jeder von uns nur ein bisschen mehr investiert oder seine Einstellung zu Finanzen ändert. Im 21. Jahrhundert müssen auf politischer Ebene globale sowie innerstaatliche Lösungen gefunden werden, um unsere Gesellschaften wirklich fair, leistungsorientiert und frei von ökonomischem Druck zu gestalten.