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Keine Zeit für Hoffnung: Die Klimakatastrophe

Blogvon Sophie Achenbach

Quelle: pixabay.com

Selten war der Handlungsdruck so groß – es geht ums Überleben.

Sonntag, der 09.01.2021, 21:01 Uhr: In dieser Minute werden gerade 80.220 Tonnen CO2 in die Atmosphäre emittiert. Das lässt uns 317.803.190.729 Tonnen CO2, die wir noch verbrauchen können, bis die 1,5°-Grenze überschritten ist. Oder: Wenn wir so weitermachen, haben wir unser CO2-Budget in 7 Jahren, 6 Monaten, 12 Tagen, 16 Stunden, 44 Minuten und 22 Sekunden verbraucht. 

Erderwärmung um 1,5° Celsius: Das ist nicht mehr verhinderbar, sagt die Wissenschaft. Schon jetzt haben wir die Erdatmosphäre seit 1850 weltweit im Schnitt um 1° Celsius erhitzt. Wir können den Zeitpunkt durch drastische Eingriffe noch hinauszögern, aber wenn es schließlich zu einer Erwärmung um 1,5° Celsius kommt, wenn noch mehr Eis an den Polkappen schmilzt und der Meeresspiegel noch weiter steigt, dann werden ganze Inselgruppen im Meer verschwinden. Korallenriffe werden sterben. Ganze Biotope werden ihre Lebensgrundlage verlieren. Und wir können – wir müssen – uns auf weitere und noch stärkere Hitzewellen wie in der Türkei, Extremwetterereignisse wie in Nordrhein-Westfalen und Dürren wie in Kalifornien, wo im September 100% der Landesfläche von Dürre betroffen waren, gefasst machen, als wir sie im letzten Jahr schon erlebt haben.
Erderwärmung um 2° Celsius: Das Klima kippt. Es kommt zu einem Teufelskreis. Da sich die Eisflächen an den Polen immer weiter verkleinern, kann immer weniger Sonneneinstrahlung durch das Eis reflektiert werden. Die Meere werden wärmer. Das Eis schmilzt schneller. Die Erhitzung der Erde macht sich womöglich selbstständig; ein weiteres Ansteigen der Temperatur ist fast nicht mehr aufzuhalten.
Erderwärmung um 2,5° Celsius: Der Meeresspiegel steigt um 5 Meter. Küsten werden überflutet; Grundwasser wird mit Salz infiltriert. Bei unserem jetzigen Emissionsverhalten hat sich die Erde voraussichtlich bis 2100 um 2,7° Celsius erwärmt – im Durchschnitt. In Deutschland beträgt die Erderhitzung bis dahin wahrscheinlich 4,6° Celsius. 
Erderwärmung um 3° Celsius: Große Gletscher sind mittlerweile vollständig geschmolzen. Flüsse versiegen, es kommt zu riesigen Dürren. Regenwälder verschwinden. Russlands Permafrostböden tauen auf und setzen große Mengen an Methan frei. Der Treibhausgasanteil in der Atmosphäre wächst drastisch, der Teufelskreis zieht sich weiter zu. Der Mensch kann die Klimakatastrophe kaum noch beeinflussen.
Erderwärmung um 4° Celsius: Die USA und der Nahe Osten sind unbewohnbar. Auf Teilen der Erde herrscht Wassermangel, Menschen sterben an Hitzeschocks, an sich rapide ausbreitenden Infektionen, an durch Dürre und Missernten ausgelöster Unterernährung. In den restlichen Teilen der Welt leidet man an Überflutungen. Metropolen wie Shanghai, Mumbai, Hamburg oder New York gehen unter. Stürme wüten umher und zerstören Wohnorte. Fluchtbewegungen finden statt, größer als jede Völkerwanderung auf der Welt bisher. Es entflammen Bürgerkriege um wertvolle und rare Ressourcen. Verzweifelte Versuche, die Klimakatastrophe aufzuhalten, bringen die gesamte Menschheit in Gefahr: Beim sogenannten Geo-Engineering zieht man zum Beispiel in Betracht, Vulkane mit Atombomben zum Explodieren zu bringen, damit die Asche die Atmosphäre verdunkelt und eine weitere Erwärmung um ein paar Jahre verzögert (und diese Überlegungen gibt es wirklich schon, heute, im Jahr 2022).
Erderwärmung um 5° Celsius: Die Folgen der Erhitzung sind nicht mehr einzuschätzen. Sicher ist nur, dass es sehr viele Arten von Lebewesen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geben wird. Abgesehen davon, ob die Menschen dazuzählen, wird das Leben als Mensch sicherlich nicht mehr das sein, was es einmal war.

Quelle: pixabay.com
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Von diesen Szenarien lässt sich nicht mehr alles verhindern. Die 1,5°-Erwärmung wird kommen. Mit sehr viel Anstrengung können wir es vielleicht dabei belassen. Aber dafür muss JETZT gehandelt werden. Dafür dürfen ab sofort weltweit keine neuen Kohlekraftwerke mehr zugelassen werden. Dafür dürfen ab 2025 keine Öl- und Gasheizungen mehr genutzt werden. Bis zum Jahr 2030 darf weltweit nur noch halb so viel CO2 verbraucht werden wie 2010. Und bis 2070 müssen wir CO2-neutral leben. Auch in Deutschland ist die Ampel-Koalition die letzte Regierung, die noch die Reißleine ziehen kann. Es bedarf sofort einer radikalen Mobilitätswende. Der Kohleausstieg muss bis spätestens 2030 vollzogen werden, wir müssen so schnell wie möglich wegkommen von fossilen Energiestoffen. Dazu bedarf es Druck. Druck auf alle politischen Akteur*innen. Das Pariser Klimaabkommen muss endlich mehr als nur eine lasche Zusage sein. Wir brauchen Sanktionen. Wir brauchen verbindliche Regeln. Wir brauchen verbindliche CO2-Budgets für jedes einzelne Land. Besonders für die Industrie- und Postindustrienationen, besonders für Deutschland. Wenn man die kumulierten Emissionen von Kohlenstoffdioxid seit der Industrialisierung betrachtet, landet Deutschland weltweit auf dem vierten Platz. Das bedeutet Verantwortung. Verantwortung vor allem für die Politiker*innen, aber auch Verantwortung für jede*n Einzelne*n. Verantwortung für mich und Verantwortung für Dich.
Wenn wir und unsere Kinder noch ein langes, lebenswertes Leben auf diesem Planeten führen wollen, dann müssen wir unser Verhalten anpassen. Vielleicht ist es, weil die führenden Politiker*innen die Zukunft in 50 Jahren nicht mehr zu interessieren braucht. Oder weil die Autolobby einfach viel aufregender ist als eine Überlebensstrategie für das nächste Jahrhundert. Jedenfalls dürfte in den letzten Jahren und auch beim Aushandeln des neuen Koalitionsvertrages klar geworden sein, dass man sich hinsichtlich des Klimaschutzes nicht auf die Bundesregierung verlassen kann. Alle müssen mithelfen. Du musst mithelfen. Du als Wähler*in kannst bei Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen Deine Stimme dem Klimaschutz geben. Du als Bürger*in mit Demonstrations- und Meinungsfreiheit kannst Dich informieren, Du kannst streiten, Du kannst dich laut und öffentlich für Klimaschutz stark machen. Nicht umsonst haben FridaysForFuture-Aktivist*innen in Deutschland die größten Demonstrationen seit der Wiedervereinigung auf die Beine gestellt. Du als Privatperson kannst auch Deinen Konsum von Fleisch- und Milchprodukten reduzieren. Du kannst mit dem Zug statt mit dem Flugzeug reisen und Du kannst darauf verzichten, importiertes Obst und Gemüse zu kaufen. Du kannst das alles machen und wenn es Dir wichtig ist, noch ein paar Jahrzehnte auf einer intakten Erde zu leben, dann musst Du das ehrlicherweise auch machen. Anders geht es nicht. Dieser Text soll keine Hoffnung machen, er soll Dir Druck machen. Uns allen. Wie Greta Thunberg in Luisa Neubauers 1,5°-Podcast ausgeführt hat, ist Hoffnung oft das falsche Signal. Hoffnung sollten Menschen haben, die nichts an ihrer Situation ändern können. Aber wenn man selbst am Steuer sitzt, dann ist Hoffnung kein angebrachtes Gefühl. Dann darf man sich nicht einreden, es wird schon alles gut werden. Dann braucht man Druck, sich richtig zu verhalten und Maßnahmen zu ergreifen. Deshalb klar und deutlich: Vielleicht kann die eine mehr und der andere weniger zum Klimaschutz beitragen. Aber zumindest kleine Maßnahmen kann jede Person, Dich eingeschlossen, ergreifen. Wenn nicht sofort etwas passiert, dann werden wir keine Zukunft mehr auf diesem Planeten haben. Macht Euch Druck, damit es bei 1,5° Celsius bleibt. Druck ist vielleicht kein schönes Gefühl, aber er ist mehr als notwendig.