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Der Semesterbeitrag

Blog

Würzburg in a Nutshell

Wie jeder richtige Würzburger Student, komme ich eigentlich von woanders her. Mein Heimatort ist Erlangen: eine Stadt, die so behütet ist, dass die Polizist*innen selber Straftaten begehen, damit ihnen nicht zu langweilig wird. Nach dem Abi war mir klar, dass ich wegwollte – nur nicht allzu weit weg, damit ich jederzeit wieder in dieses gut behütete Nest zurückkehren könne, falls ich das Leben einer echten Großstadt mal überfordern sollte. Deshalb besorgte ich mir nach dem Abi einen regionalen Reiseführer und begann mit der Recherche bayerischer Uni-Städte. Seite eins, Regensburg: Schöne Altstadt am malerischen Fluss und hoppingläden in der Fußgängerzone. Eine Stadt, die Tradition und Moderne verbindet! Demgegenüber Bamberg: Schöne Altstadt am malerischen Fluss und Shoppingläden in der Fußgängerzone. Eine Stadt, in der sich Tradition und Moderne die Hand reichen! Danach kam Schweinfurt: Auch eine Stadt. Und schließlich stieß ich auf Würzburg: Schöne Altstadt, malerischer Fluss, Shoppingläden, Fußgängerzone, Tradition und Moderne… Und Wein! Sehr viel Wein. Meine Entscheidung war getroffen. Direkt an meinem ersten Abend erfuhr ich, dass man Straßenbahnen in Würzburg anscheinend „Strabas“ nennt und wollte direkt wieder wegziehen. Wie kann man dem Wohlklang eines so erhabenen Begriffes wie „Tram“ nur ein Wort wie „Straba“ vorziehen? „Straba“ klingt, als wären WVV-Mitarbeitende zu faul gewesen, sich einen anständigen Namen für ihr Transportmittel auszudenken und hätten dann ihre Kinder gefragt, die das Wort eigentlich für eine neue Eissorte mit Straciatella und Banane verwenden wollten. Vermutlich haben dieselben Kinder in den „Strabas“ auch die Haltestellendurchsagen eingesprochen – manchmal glaube ich, die ganze Belegschaft der WVV lässt ihre Kinder für sich arbeiten! Nach diesem holprigen Einstieg lebte ich mich immer besser in Würzburg ein. In weingetränkten Nächten auf den Mainwiesen fing ich an zu verstehen, warum man diese Stadt auch das Venedig Nordbayerns nennt, wobei das nicht wirklich was bedeutet, weil jede Stadt als irgendeiner Regions Venedig bezeichnet wird, sobald dort irgendwo Häuser nah an einem Fluss stehen. Aber mal ehrlich: Wer braucht schon den Markusdom , wenn man auch das Käppele haben kann? Wie sich an orangenen Sommerabenden die Weinberge über den Main erheben ist ein Anblick, der mich auch bei der hundertsten Betrachtung noch berührt. Nein, Würzburg ist nicht das Venedig Nordbayerns – Venedig ist das Würzburg Italiens! Und die Karlsbrücke ist die Mainb rücke Prags! Und Versailles ist Frankreichs Residenz! Und Neukölln ist Berlins… Grombühl. Dort wohnte ich zu Beginn meines Studiums im Wohnheim hinter den Unikliniken. Luftlinie zur Uni: drei Kilometer. Fahrzeit mit den Öffis: Jährlich sterben etwa 10.000 Personen in Deutschland durch Suizid, im Raum Würzburg waren es im Jahr 2020 mehr als 40, davon alleine 20 in der Stadt. Suizidalität hat nicht nur für die betroffene Person weitreichende Folgen, sondern es sind von jedem vollendetem Suizid auch etwa sechs weitere Menschen betroffen – Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, usw. Suizidprävention verfolgt das Ziel, Menschen in ihrer und aus ihrer psychophysischen Not (heraus) zu helfen. Daher ist es hilfreich, darüber zu reden und das Thema der Suizidprävention stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Um das Thema zu ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Med. Reinhard Lindner und Frau Hannah Müller-Pein vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm zur Enttabuisierung von Suizidalität eineinhalb Stunden. Weinberge haben immer auch eine Schattenseite. Im Laufe der Zeit fiel mir auf, wie zweigeteilt das Würzburger Stadtbild ist, sodass man schnell den Eindruck bekommt, ganz Würzburg bestünde nur aus hippen Studierenden oder bieder-bürgerliche Ü50-Jährigen. Beide Gangs haben ihren eigenen Bezirk, den sie bis aufs Blut bereit sind zu verteidigen: Die Studis belagern die Mainwiesen mit Beer-PongBataillons und die Bürgerlichen blockieren die Mainbrücke mit strammen Silvaner-Soldaten. Ich fragte mich, ob es irgendetwas gibt, das diese so unterschiedlichen Gruppen noch zusammenhält und nach knapp drei Jahren glaube ich mittlerweile, eine Antwort gefunden zu haben. Was ist Würzburgs Grundkern? Die Essenz dieser Stadt, die ich als deren grundlegende Definition in den nächsten regionalen Reiseführer schreiben würde? Würzburg in a nutshell ist nicht schöne Altstadt, malerischer Fluss, Shoppingläden, Fußgängerzone, Tradition und Moderne – und nein, auch nicht der Wein (per se). Würzburg ist ganz einfach nur der Beweis, dass sich zwei gespaltene Generationen immerhin auf eine Sache einigen können: Ein Gläschen MüllerThurgau vor schöner Kulisse und die Spaltung der Gesellschaft ist für einen kurzen Augenblick gänzlich überwunden!

Yannik Ambrusits