Die Kleine
Vergessen lag sie da. Tote Blicke wanderten über ihren toten Körper. Als wäre es völlig normal. Als wäre es nichts besonderes an einem warmen Abend im Juli die Leiche einer 11-Jährigen aus einem Badesee zu ziehen. Die Polizei-Beamten arbeiteten mit eisern-verschlossenen Mienen. Als wäre es alltäglich. In dieser winzigen Kleinstadt, die nicht einmal den Namen „Stadt“ verdiente. Die Kleine lag da. Als hätte sie nur vergessen zu Bett zu gehen. Als würde gleich wer kommen und sie wecken oder sie gar heim tragen. „Sie kann dort noch nicht lange gelegen haben“, hörte ich eine eher jüngere Polizistin murmeln. Ihr Kollege nickte nur wortlos. Ihn konnte diese Szene nicht so kühl lassen. Sein Sohn musste inzwischen ähnlich alt sein, wie das 11-jährige, tote Mädchen.
Zwei ausdruckslose Gestalten zogen einen Leichensack über den zarten Körper. „Hört auf!“, wollte ich schreien: „Sie ist doch viel zu klein. Der passt noch nicht. Weckt sie einfach wieder auf…“ Doch aus meiner Kehle kam nichts als heiße, trockene Luft. Plötzlich nahm ich ein mir völlig fremdes Gefühl in mir wahr. Es dauerte einige Atemzüge, bis ich erkannte, worum es sich dabei handelte: Panik. Verzweifelte Panik stieg in mir auf und breitete sich exponentiell in mir aus bis sie jede Faser meines Körpers durchzog. Wie viele winzige Elektroschocks brachte es meinen Körper zum Beben. Das war mein Mädchen, die diese fremden Gestalten dort in ihren toten, finsteren Wagen räumten. So als sei sie nicht länger ein Lebewesen, mehr ein Ding. Ein lebloses, totes Ding. Ein Ding, über welches man morgen und in den nächsten Wochen noch reden würde. Danach würde sich ein zäher, schwarzer Nebel des Vergessens über den „Fall“ legen. Denn mehr war sie hier für niemanden. Ein Ding, eine Fall. Nur für mich ist sie immer mehr gewesen. Die Kleine. Meine kleine Schwester. Auch mich würde man vergessen. Anders als sie. Anders als die 11-jährige Tote an diesem warmen Juli-Abend. Sie ist eine gute Seele gewesen. Ich nur eine stumme und einsame. Nach ihrem Tod würde sich niemand mehr darum sorgen, wie es mir ging. Sie würden alle weitermachen wie bisher:. Ignorieren, abweisende und abwertende Blicke und die lästigen, täglichen Arbeiten. Die Kleine hatte mir stets zugehört. Nun würde mir niemand mehr zuhören. Die Kleine hatte mich stets gesehen. Nun würde mich keiner mehr sehen. Sie hatte mich stets als ganzen Menschen betrachtet. Nun war ich für alle nur noch ein behindertes Wrack.
Ohne sie würde mir bald die Luft zum Atmen ausgehen. Und während ich darüber nachdachte, spürte ich, wie sie mir tatsächlich ausging. Meine Lunge wollte nicht mehr. Mein Herz darunter brach und meine Lunge wollte nun auch aufgeben. Langsam verschwand die Welt um mich herum und ich fiel in ein endloses, dunkles Nichts. Weit weg hörte ich ein paar hektische Rufe und nahm wahr, wie mein Körper bewegt wurde. Doch das war egal. Alles war egal. Sie sollten mich auch sterben lassen. Wie die Kleine. Wie meine Schwester. Dann könnten sie uns gemeinsam ins Vergessen schicken. Ich ließ alles los und versank im Nichts.
Ich wurde reanimiert. Natürlich. Nicht einmal sterben durfte ich. Alles hatten sie mir genommen und nun wollte ich ihnen den letzten Rest geben, doch den wollten sie nicht einmal mehr. Also lebte ich. Nur, um nicht tot zu sein. Nur, um nicht bei der kleinen 11-Jährigen zu sein. Dem einzigen Wesen, welches es in meinem Leben jemals gut mit mir gemeint hatte. Alle hatten mich verlassen. Letzten Endes auch ich selbst.