Das U&D in Würzburg
Über die Vielfalt, Musik und Idee hinter dem Umsonst und Draussen in Würzburg
Heavy Metal dröhnt aus den Boxen, der Duft von Crêpes und Curry steigt dir in die Nase, Menschenmassen bewegen sich von Bühne zu Bühne, kleine Kinder spielen zwischen den Kunstinstallationen und Piercing-Ständen. Du lässt die Metal-Fans hinter dir und stehst vor einer kleinen Schulband, rechts von dir wird Papadam und Flammkuchen verspeist. Schließlich erreichst du die kleine Bühne, eine junge Frau mit Gitarre steht ganz oben, du bist neugierig und setzt dich zu deinen Freunden auf die Picknickdecke und lauschst aufmerksam den sanften Klängen während in deinem Augenwinkel Menschen zu Rockmusik freudig Bier über ihre Nebenmänner und -frauen schütten. Du bist glücklich. Du bist auf dem Umsonst und Draussen in Würzburg.
So oder ähnlich könnte ein Besuch auf dem diesjährigen U&D in Würzburg ausgesehen haben. Eine lang ersehnte Rückkehr nach zwei tristen Jahren der Abstandsgebote und Tanzverbote. Das Festival in Würzburg steht wie kaum ein anderes im Umkreis für eine unendliche Vielfalt an Musik, Menschen und Erlebnissen. Woher kommt aber diese Diversität, die wohl kaum nur meinem persönlichen Eindruck entspringt? Ein kurzes Gespräch mit Ralf Duggen, dem Mitbegründer des U&D in Würzburg, über die Idee hinter und die Vielfalt auf dem Festival.
Wie sind Sie zur Musik gekommen und wie ist daraus das Umsonst und Draussen in Würzburg entstanden?
Ralf Duggen: Das geht beides tatsächlich Hand in Hand. Ich bin irgendwann ungefähr 1982-83 zum Studieren nach Würzburg gekommen. Ursprünglich komme ich aus Aschaffenburg und habe dort bereits angefangen, im Bereich Tontechnik zu arbeiten. Ab und an habe ich Bands beim Auf- und Abbau geholfen und auch Bands im weitesten Sinne gemanagt. Als ich dann aber nach Würzburg kam, war ich ein bisschen geschockt, weil die Musik-Szene in Aschaffenburg damals, wie ich dann später gemerkt habe, sehr aktiv war. Während in Würzburg… Naja ich kam in die Großstadt und dachte, hier ist einiges los. Letztendlich war das aber nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Wie kam es dann zu der Idee des Umsonst und Draussen?
Ralf Duggen: Irgendwann war ich mal auf einer Veranstaltung in Würzburg, die hieß „Jugendzentrumfest“, die im Prinzip ähnlich war wir das U&D. Das heißt: Open-Air, freier Eintritt und Bands aus Würzburg. Das Fest war aber nicht sonderlich erfolgreich, weshalb ich mir später für mich selbst überlegt habe, woran das liegen und was man anders machen könnte. Meine Ideen waren zum Beispiel die Bands kürzer spielen zu lassen und die Umbauzeiten kürzer zu machen, damit man vielleicht doch nicht nach der zweiten Band geht. Außerdem kannte ich das Umsonst und Draussen, das wurde ja nicht in Würzburg erfunden und weil der Name „Jugendzentrumfest“ nicht besonders cool war, habe ich dann meine Ideen und mein Konzept bei der Stadt vorgeschlagen – genauer gesagt bei Hartmut Emser. Der war als damaliger Stadtjugendpfleger mein Ansprechpartner und ist somit auch sowas wie der zweite Gründungsvater des Ganzen. Und das war dann der Auslöser für *lacht* den ganzen Kram, mit dem ich mich seit 35 Jahren oder so beschäftige.
Wer erstellt das vielfältige Programm?
Ralf Duggen: Das Programmteam ist dafür zuständig. Wir waren dieses Jahr sieben Personen. Normalerweise besteht der Verein aus über 100 Mitgliedern, von denen jedes sogenannte ordentliche Vereinsmitglied im Programmteam mitmachen kann, vorausgesetzt sie oder er hat Lust und Zeit, alle Bewerbungen zu sichten. Zusätzlich gab es dieses Jahr das erste Mal die Entscheidung, dass wir uns externe Personen dazu holen, die nicht im Verein sind und von denen wir denken, dass sie die Programmgruppe ergänzen können. Das war zum einen Daniel Peter, Fotograf und selbst Konzertveranstalter im Immerhin und zum anderen Eva Wienczny von der Band Hundreds.
Woher kam der Beweggrund, das Programmteam erstmals durch zwei Externe zu ergänzen?
Ralf Duggen: Das ist Teil eines Versuchs, den ganzen Verein etwas offener und durchlässiger zu machen. Der Wunsch, sich zu öffnen, ist also durchaus da, unter anderem auch in Grenzen im Programm und dem Programmteam.
Was bedeutet Vielfalt auf einem Musik-Festival wie dem Umsonst und Draussen?
Ralf Duggen: Das eine ist die stilistische Vielfalt. Beim U&D habe ich den Eindruck, dass wir hier relativ breit gefächert sind. Natürlich gibt es aber auch Sachen, die bei uns keine so wahnsinnig große Rolle spielen wie Schlager oder Cover-Bands. Der andere Aspekt ist der der Gender Equality. Hierzu kann ich sagen, dass wir bisher nie eine Frauenquote hatten. Trotzdem denke ich, dass wir immer einen verhältnismäßig hohen Anteil an weiblichen Künstlerinnen hatten. Die Tatsache, dass Frauen allgemein in der Musikbranche unterrepräsentiert sind, spielt hier aber definitiv mit rein und macht wohl noch eine ganz andere Diskussion auf.
Ergibt sich diese Vielfalt gezielt oder aus der Dynamik heraus?
Beides. Das eine ist, dass wir alle in der Programmgruppe einen weiten Blick für unterschiedliche Genres haben und zusätzlich Jeder und Jede unterschiedliche Musik hört. Das andere passiert durch den Prozess, wenn wir das Programm erstellen. Zu Beginn haben wir viele Bewerbungen und sortieren grob aus. Am Ende schauen wir, was wir an Genres haben und überlegen, welche Sparten besetzt sind und wo vielleicht noch etwas fehlt. Es steht zwar nirgendwo geschrieben, dass es aus jedem Genre etwas geben muss, aber wir achten alle darauf und geben uns jeweils Hinweise, wenn uns etwas auffällt.
Was hat das U&D so vielfältig gemacht?
Zum einen kamen mehr Bühnen dazu, was mehr Vielfalt ermöglicht hat. Zum anderen war mir aber von Anfang an wichtig, dass auf einem Musik-Festival nicht nur Musik vertreten ist. Es gibt noch andere Kunst- und Kulturrichtungen, die meiner Meinungen nach auch, wenn auch in reduzierter Form, gezeigt werden sollten. Das alles zusammenzubringen, das ist eine ewige Überzeugung von mir. So etwas wie Kindertheater, Lesungen und andere Theater – hatte alles schon immer einen Platz auf dem U&D.
Auf die letzte Frage, ob Ralf Duggen etwas vermisst oder bedauert in all den Jahren, seit er das Umsonst und Draussen in Würzburg veranstaltet, antwortete er folgendermaßen: „Ich glaube, dass die Zuhörer_innen früher eher wirklich zugehört haben. Wir haben oft gegen Ende des Veranstaltungstages ruhige Bands, zum einen, damit die Leute runterkommen, zum anderen, damit die Anwohner nicht gestört werden. Und ich glaube mich zu erinnern, – so etwas täuscht immer, – dass die Leute früher eher zugehört haben und heute ist das mehr: Ich stehe hier mit einem Bier in der Hand und fünf Freunden und dass da Musik spielt, stört mich nicht und dass ich die Musik störe, merke ich nicht. Diese Entwicklung bedauere ich. Das kann aber auch täuschen.“
Also vielleicht beim nächsten Mal weniger Flammkuchen futtern und Aperol schlürfen und mit mehr Aufmerksamkeit die Musik genießen oder eben einfach beides gleichwertig. Schließlich gibt es das U&D vor allem auch, um die Würzburger Musikszene zu repräsentieren, da 50 Prozent aller Künstler_innen aus Würzburg stammen. Und auch wenn die Vielfalt des U&D nicht von irgendwoher kommt – Theater, Essensangebote, Schmuckstände und vieles mehr machen ganz bewusst erst die große Vielfalt des Festivals aus, so steht dennoch die Musik im Vordergrund. Wer ein offenes Ohr für ungewohnte, laute oder leise Klänge mitbringt, dem liefert das Festival vielleicht auch den ein oder anderen neuen Ohrwurm – oder auch das Ohrpiercing. Alles ist möglich auf dem U&D Würzburg. In diesem Sinne: Bis nächstes Jahr U&D Würzburg. Wir sehen uns!
Celine Seeger