Was kostet ein Autoleben?
Im Zuge der sich weiter verschärfenden Klimakrise und des anhaltenden Angriffskrieges Putins auf die Ukraine entflammen in Deutschland seit einigen Wochen wieder hitzige Debatten über den Boykott fossiler Energien und den Ausbau der Erneuerbaren. Eine konkrete, relativ einfach umsetzbare Maßnahme dazu ist die Einführung eines Tempolimits, die in Umfragen von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung unterstützt wird. Doch vor allem liberale Politiker*innen halten am Freiheitsrecht auf schnelles Fahren fest und so bewegt sich die Debatte weg von der Einsparung des Spritverbrauchs hin zu einer erneuten Subvention des Autofahrens mittels eines Tankrabatts. Dieser soll parallel zum 9-Euro-Ticket eingeführt werden und Autofahrer*innen entlasten. Doch inwiefern ist eine weitere Subventionierung des motorisierten Individualverkehrs volkswirtschaftlich sinnvoll und sozial gerecht?
Die 2022 erschienene Studie mit dem Titel „The lifetime cost of driving a car” versucht, die persönlichen und gesellschaftlichen Kosten des Autoverkehrs in Deutschland im Jahr 2020 zu quantifizieren und kommt dabei zu dem Schluss, dass die meisten Autofahrer*innen die persönlichen Ausgaben für ihr Fahrzeug ebenso unterschätzen wie Politiker*innen die gesellschaftlichen Externalitäten.
Pkws sind nicht nur kostenintensiv in der Anschaffung, sondern führen aufgrund der Versicherungsbeiträge und Steuer sowie anfallender Reparaturen, Kraftstoff und Parkgebühren auch im weiteren Verlauf der Nutzung zu hohen Ausgaben, die den Besitzenden jedoch oftmals nicht bewusst sind. So unterschätzt in einer weiteren Studie fast die Hälfte aller Befragten die monatlichen Kosten für ihr Fahrzeug um etwa 52% beziehungsweise 221€, wobei die meisten die Kosten für Kraftstoffe akkurat einschätzten. Dies stellt vor allem ein Problem für Haushalte mit niedrigerem Einkommen dar, die dennoch auf ein Auto angewiesen sind. Sie müssen je nach Modell etwa 36% bis 69% ihres Lebenseinkommens für den Unterhalt eines Fahrzeugs aufwenden. Ein Opel Corsa beispielsweise verursacht über eine theoretische Nutzungsdauer von 50 Jahren private Kosten von etwa 350.000€, während es bei einem Mercedes GLC bereits knapp 680.000€ sind. Rechnet man dazu die ausgelagerten gesellschaftlichen Mehrkosten, die sich aus dem mit zunehmendem Verkehrsaufkommen und Fahrzeuggröße steigenden Umweltschäden wie beispielsweise Luftverschmutzung, Lärm oder auch nicht kompensierten Klimaschäden wie der unzureichenden CO2-Bepreisung ergeben, wäre der Opel Corsa mit etwa 600.000 € fast doppelt so teuer in der Nutzung und ein Mercedes GLC würde knapp eine Million € kosten. Würden diese Externalitäten internalisiert werden, das heißt die Autobesitzer*innen müssten diese Mehrkosten selbst tragen, würden schlecht bzw. nicht ausgebildete Arbeitnehmende knapp 60% ihres gesamten Einkommens in ihrem Leben für einen Opel Corsa ausgeben. Bei einem Mercedes GLC wären es dann sogar 97%. Für Menschen ab einem Lebenseinkommen von 5 Millionen € stellt der Unterhalt eines Autos dabei einen wesentlich geringeren prozentualen Kostenfaktor dar: Sie müssten selbst bei einer Verlagerung der gesellschaftlichen Externalitäten und der Anschaffung eines Mercedes GLC maximal 20% ihres gesamten Einkommens für das Fahrzeug aufwenden.
Darüber hinaus verändert der Besitz eines Autos das Verhalten in Bezug auf Mobilität, da Mehrfahrten aufgrund der hohen Investition in den Erwerb als geringe zusätzliche Kosten angesehen werden. Dies belegt auch eine Untersuchung im Zusammenhang mit Firmenwägen, die oftmals für zusätzliche private Fahrten und Anschaffung eines weiteren Fahrzeugs sorgen. Auch Dienstwägen werden in Deutschland im Vergleich zur Nutzung von ÖPNV oder Fahrrädern weitaus stärker subventioniert, weshalb auch hier Autofahrende einen Vorteil erlangen. Zudem stellen Firmen ihren Angestellten oftmals kostenlose oder vergünstigte Parkangebote zur Verfügung, die nicht die Kosten der Errichtung dieser decken, während Angestellte, die ihren Arbeitsweg ohne Auto bestreiten, häufig keine vergleichbaren Entlastungen erfahren. Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln wird im Zuge dessen unattraktiver, da die meisten Menschen nur die Ticketpreise mit den Kraftstoffpreisen vergleichen und die Fixkosten des Autos dabei außer Acht lassen.
Neben den eigentlichen Ausgaben und Subventionierungen für den Individualverkehr und der Bereitstellung von Geldern für die Forschung im Bereich der Automobilindustrie besteht seitens der Autonutzer auch der Anspruch auf die Bereitstellung von Straßen, Parkplätzen und weiteren Services seitens des Bunds, der Länder oder Kommunen. Dies manifestiert in zweierlei Hinsicht die bereits bestehende Ungerechtigkeit, da hohe Summen öffentlicher Gelder in diese Infrastruktur fließen, die gleichzeitig klimaschädlich und sehr flächenintensiv ist. Darunter leiden wiederum Menschen, die – oftmals aus finanziellen Gründen- kein Auto besitzen, da sie durch ihre steuerlichen Abgaben einerseits nicht nachhaltige Subventionen mitfinanzieren und gleichzeitig oftmals diejenigen sind, die sich lediglich vergleichsweise günstigeren Wohnraum in der Nähe von dicht befahrenen Straßen leisten können.
In Zeiten wie diesen, in denen Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der Nachhaltigkeit drängender denn je sind, ist es also nicht fair, sondern im Gegenteil eher hinderlich, eine auf vielen Ebenen schädliche Art der Mobilität weiter in diesem Maße zu finanzieren. Es ist hingegen notwendig, dass sich sowohl Autobesitzer*innen als auch Entscheidungsträger*innen in der Politik den wahren Kosten des Individualverkehrs bewusstwerden und inklusiven, gerechteren und klimafreundlichen Fortbewegungsmitteln eine höhere Priorität zugesprochen wird als dem Auto. Auch wenn wir in einer Autonation leben: Umdenken lohnt sich.