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Was zur Hölle ist NMUN?

Blogvon Mirjam Mähler

“Geschafft!” (Quelle: Autorin)
“Geschafft!” (Quelle: Autorin)

Das war zumindest meine Reaktion, als ich dieses merkwürdige Akronym zum ersten Mal gehört hab. Ziemlich nichts-sagend, oder? Was man auf den ersten Blick nicht ahnt ist, dass sich hinter diesen vier kleinen Buchstaben Erinnerungen verbergen, die einen ein Leben lang begleiten werden. Zurück zum Anfang.

Kurz nachdem ich nach Würzburg gezogen bin, erfahre ich von Freunden vor Ort von einem Projekt, dass sich Model United Nations nennt. Da haben wir schon mal drei wichtige Teile des besagten Akronyms. Zu Beginn hält sich meine Begeisterung zugegeben noch in Grenzen. Doch umso mehr Zeit vergeht, umso mehr kleine Anekdoten werden mit mir geteilt, die mein Interesse wecken. An diesem Punkt kam Google ins Spiel. Schließlich will ich mir neben den Erzählungen meiner Freunde auch ein eigenes Bild von diesem Projekt machen. Ich begebe mich also in die Welt der Suchmaschinen und was ich dort finde, lässt auch den letzten Funken Begeisterung überspringen.

Ergebnis meiner Recherche: (N)MUN ist ein Planspiel, bei dem Konferenzen der Vereinten Nationen simuliert werden. Ziel des Ganzen ist, globale Lösungen für globale Probleme zu finden, indem mit einer Vielzahl an Delegierten verschiedener Länder diskutiert und an Resolutionen gearbeitet wird. Da es sich um eine Simulation handelt werden die Länder, sowie das jeweilige Komitee und Thema im Vorfeld einer Konferenz zugeteilt. Interessant wird es dann, wenn versucht wird, die Interessen des eigenen Landes best möglich zu vertreten und gleichzeitig offen für Kompromisse und Neues zu sein. Für eine Weile in die Rolle einer Diplomatin schlüpfen also – ziemlich verlockend für Politik-Nerds wie mich. Nach weiterer
Recherche springe ich ins kalte Wasser und bewerbe mich, ohne groß weiter darüber nachzudenken. Und tatsächlich: ich werde zum Bewerbungsgespräch eingeladen und darf anschließend sogar, als Teil des Auswahlverfahrens, an einer ersten Simulation in Kleingruppen teilnehmen. Die Aufregung steigt. Am Morgen danach klingelt bereits das Telefon. „Hey Miri, hier ist die Lea. Wenn du Lust hast hätten wir dich gern bei der diesjährigen NMUN Delegation dabei! Was sagst du?“. Meine Antwort, professionell wie immer: „Verdammt gerne!“ Und los gehts. Wenig später treffen wir uns erstmals mit gesammelter Mannschaft zu einem getting-to-know-Weekend. Ein kunterbunter Haufen an Studierenden verschiedenster Fachrichtungen, verschiedener Altersklassen und vor allem verschiedener Größe. Das wird zu späteren Zeitpunkt noch einer dieser „Running-Gags“ – versprochen. An diesem Wochenende lernen wir viel über den Aufbau und die Arbeit der Vereinten Nationen. Die Aufregung steigt weiter. Das Projekt
scheint bereits jetzt schon so viel größer und aufregender zu sein, als es meine Recherche ergeben hatte.

Bereits einen Monat, und diverse Weekly Meetings später fahren wir zu unserer ersten Konferenz. Diese findet in Karlsruhe statt. Einen Großteil von uns überkommt maximale Überforderung als wir in diesen riesen Raum voll schick gekleideter, professionell wirkender Studierenden treten. Es wird jedoch relativ schnell klar, dass es allen so geht. Die Aufregung, die inzwischen bis zur Decke reicht, beruhigt sich ein kleines bisschen. Unsere erste Konferenz vergeht und wir schlagen uns überraschend gut. An den Rules of Procedure, also den Regeln, die während den Diskussionsrunden für Ordnung sorgen, müssen wir noch etwas feilen. Nichtsdestotrotz bringen wir bereits hier einen „Best Delegate Award“ nach Hause. Die Aufregung verwandelt sich in pures Glücksgefühl. Die nächsten Wochen sind geprägt von weekly meetings und der Bewerbung für den vierten und letzten Teil des Akronyms – dem N. Das steht für National und bezieht sich auf die Teilnahme an der größten und bekanntesten Konferenz weltweit. Diese wird jährlich in New York abgehalten. Die Universität Würzburg stellt jedes Jahr eine Delegation, die nach Teilnahme an einigen MUNs letztlich nach New York fliegen darf, um die Uni dort zu vertreten. Finanziert wird der Spaß durch Spenden, Spenden, noch mehr Spenden, Eigenbeiträge und seit diesem Jahr auch durch einen Beitrag der Universität, für den wir sehr dankbar sind. Seit Beginn der COVID-19 Pandemie sind wir die erste Delegation, für die sich der Traum von der Teilnahme an der Konferenz in New York erfüllen könnte.

Und tatsächlich. Um Weihnachten rum werden Flüge gebucht und Visa beantragt – damit meine ich sowohl Kreditkarten als auch Aufenthaltsgenehmigungen. Ich nehme den größten Koffer mit nach Würzburg, den ich im ganzen Haus finden kann. Da ist sie wieder, die Aufregung. Diesmal scheint sie zu bleiben. Doch etwas ist anders. Ich kann kaum ruhig sitzen. Nahezu jeden Tag ploppt der Gedanke auf: Ich fliege tatsächlich nach New York. Ich werde Azerbaijan im International Atomic Energy Agency vertreten. Ich werde mit anderen Delegierten über die Zukunft des Iran Nuklear Deals sprechen und die Nützlichkeit, sowie Gefahren von künstlicher Intelligenz diskutieren. Ich fliege tatsächlich nach New York. Am 05. April 2022 trifft sich die ganze Gruppe in Manhattan. Wir sind eine Woche eher angereist, da uns noch Treffen mit wichtigen Menschen wie den ständigen Vertreter*innen unseres zugeteilten Landes, Azerbaijan, bei den Vereinten Nationen bevorstehen, und etwas Sightseeing darf schließlich auch nicht fehlen.

Der 10. April und damit der erste Tag der Konferenz, auf die wir ein halbes Jahr hingearbeitet haben, kommt viel zu schnell. Nun heißt es jeden Tag von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends Verhandlungen über Verhandlungen. Dabei sitzen wir in riesigen Ballsälen im Hilton Hotel, Uptown Manhattan. Die Mittagspausen verbringen wir im Central Park – wie im Traum. Abends fallen wir todmüde ins Bett. Die Tage ziehen vorbei, die Konferenz neigt sich dem Ende. Die Closing Ceremony beginnt. Wir gewinnen einen Award als Distinguished Delegation. Von Stolz erfüllt springen wir vor Freude auf, denn mit solch einer Ehrung haben wir nicht gerechnet. Wieder sehen alle so schick und professionell aus. Doch auf dem Weg hierher habe ich etwas gelernt: Wir sind alle aus demselben Grund da. Wir sind alle nicht perfekt, in dem was wir tun. Weder unser Englisch noch das Wissen über die jeweiligen Länder und Themen. Doch bei NMUN geht es nicht darum perfekt zu sein. Ich denke das wird mir in diesem Moment erst wirklich bewusst. Bei NMUN geht es darum, das Interesse junger Menschen am politischen Geschehen und damit der Gestaltung unser aller Zukunft zu fördern. Es geht darum, sich für Länder und Themen begeistern zu lassen, von denen man zuvor wenig Ahnung hatte. Es geht darum, soft skills zu erlernen, die in so vielen Bereichen unheimlich nützlich sein können. Und vor allem geht es darum, Menschen aus aller Welt kennenzulernen und Erinnerungen zu sammeln, die einen das Leben lang begleiten werden. Besonders für den letzten Punkt bin ich unheimlich dankbar. Nicht nur wurde mir mit der Teilnahme an NMUN der Lebenstraum einer Reise nach New York erfüllt – Nein. Viel wichtiger als das: Ich bin diverse Male aus meiner Komfortzone getreten, konstant über mich selbst hinausgewachsen und habe Freunde gefunden, die ich nie mehr missen möchte. Das letzte halbe Jahr war vielleicht nicht das leichteste in meinem Studium, dafür definitiv eines der Besten. Die Aufregung hat sich gelohnt.