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Nostalgie

Blog

Die Wissenschaft hinter der emotionalen Zeitmaschine

Lass uns eine kleine Zeitreise in die 2000er machen… Erinnerst du dich noch an die Zeit, in der Tamagotchis und Gameboys unsere ständigen Begleiter waren? Wir hörten Bravo Hits auf dem Walkman oder später semi-legal gedownloadete Lieder auf dem coolen neuen Handy oder iPod. “Poker Face” von Lady Gaga, “Umbrella” von Rihanna, “Haus am See” von Peter Fox, “Durch den Monsun” von Tokio Hotel und in der Zeit, bevor er abgedreht ist, natürlich auch “Dieser Weg” von Xavier Naidoo. Low Rise Jeans und Buffalos waren in und im Fernseher lief je nach Vorliebe und Alter “SpongeBob Schwammkopf”, “Schloss Einstein”, “DSDS” oder “Kim Possible” und 2006 bei unserem Sommermärchen natürlich ganz viel Fußball.

Welche Gefühle kommen da so hoch, wenn du das liest? Wenn alles gut funktioniert hat, solltest du ein bittersüßes und zugleich warmes Gefühl namens Nostalgie spüren, das dich dazu verleitet, die 2000er mit einer rosaroten Brille zu betrachten.

Übrigens hat die Beschreibung „warmes Gefühl“ für Nostalgie einen wahren Kern. Zhou et al haben 2012 festgestellt, dass nostalgische Versuchspersonen sich körperlich wärmer gefühlt haben, und zwar so sehr, dass sie ihre Hand 6 Sekunden länger in eiskaltes Wasser gehalten haben als die Kontrollgruppe.

In der Wissenschaft wird Nostalgie aber natürlich nicht nur als „warmes Gefühl“ definiert. Man spricht hier von einem vorrangig positiven, vergangenheitsorientierten und sozialen Gefühl. Sie wird oftmals als ein Zurücksehnen nach vergangenen Zeiten wahrgenommen, allerdings scheint dies nur bedingt richtig zu sein. Nimmt man es etwas genauer, dann ist sie nämlich mehr als ein Zurücksehnen nach einem vergangenen „Ich“ zu verstehen. Man wäre also gerne noch einmal die Version von sich selbst, die man damals war.

Nostalgie kann individuell und kulturell wahrgenommen werden. Viel untersucht wird sie in der Psychologie, welche sich vor allem mit den individuellen Effekten befasst. 

Auch im Marketing, welches im Grunde auch zum Forschungsbereich der Psychologie gehört, wird Nostalgie genutzt, um positive Gefühle und Assoziationen bei potenziellen Kund*innen hervorzurufen. Gerade im Kino lässt sich das die letzten Jahre gut beobachten bei dem x-ten Sequel, Prequel, Remake oder Spin-off von Disney Klassikern, Star Wars, Herr der Ringe, Matrix oder Harry Potter.  Besonders bei diesen Kultklassikern ist Nostalgie ein großer Faktor, der die Massen an die Kinokassen zieht. Also wenn du dich demnächst (wieder) einmal fragen solltest, warum denen in Hollywood anscheinend wenig Neues einfällt: wahrscheinlich gehen sie einfach lieber auf Nummer sicher und bringen etwas raus bei der Nostalgie die Leute vor die Leinwand/ den Bildschirm zieht.

Ansonsten wird innerhalb der Psychologie Nostalgie bezüglich seiner potenziellen therapeutischen Wirkung untersucht. Sie scheint besonders durch Einsamkeit ausgelöst zu werden. Dies hat einen guten Grund: Sie verstärkt Gefühle der sozialen Verbundenheit, den Selbstwert und das Gefühl von Lebenssinn. All diese positiven Effekte sind in Momenten der Einsamkeit besonders willkommen und hilfreich. Nostalgie wirkt so auf das Zurückerlangen eines emotionalen Gleichgewichts hin. So viel zu der individualistischen Sicht auf die Nostalgie. 

Wie schon erwähnt kann man sie aber auch kulturell betrachten. Dabei wird der Begriff der kollektiven Nostalgie interessant. Hierbei handelt es sich um nostalgisches Zurückdenken, bei dem man sich gleichzeitig als Teil einer sozialen Gruppe versteht. Es geht also weniger um das Zurücksehnen nach einer persönlichen Erfahrung oder einem Abschnitt des eigenen Lebens. Es geht vielmehr um das Zurücksehen nach vergangenen (und oftmals veralteten) gesellschaftlichen Strukturen. Damit ist kollektive Nostalgie nicht nur ein positives, warmes Gefühl, sondern ein Gefühl mit politischer Dimension und Relevanz. Ein negatives Vorzeigebeispiel hierfür ist Donald Trumps „Make America Great Again“. Damit hat er die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, in der die USA vermeintlich besser waren als heutzutage ausgedrückt. Kombiniert mit dem Wissen, dass Trump für eine Politik der Ausländerfeindlichkeit steht, kann man hier perfekt die Gefahr von kollektiver Nostalgie erkennen: Eine rosarote Verklärung von vergangenen Zeiten, in denen eben eigentlich doch gar nicht alles besser war, vor allem für Minderheiten und marginalisierte Gruppen.

Nostalgie hat also seine Vor- und Nachteile, derer man sich bewusst sein sollte. Ein bisschen in Erinnerungen schwelgen kann sehr positive Effekte haben, wie ein gesteigertes Gefühl der sozialen Verbundenheit und mehr Lebenssinn. Es spricht erstmal nichts dagegen, diese positiven Effekte für sich zu nutzen, solange man sich nicht zu einer Verklärung der Vergangenheit und Geschichte hinreißen lässt und vergisst, was früher alles schlechter war.