Sowjet-Schmerz im Mainfranken Theater

Mischa Maisky spielt Dmitrij Šostakovič
Die Cello-Klänge Maiskys wirken nach: Zusammen mit dem Philharmonischen Orchester Würzburg spielte Mischa Maisky das 1. Cellokonzert in Es-Dur von Dmitrij Šostakovič, gewidmet einem von Maiskys Lehrern Mstislav Rostropovič. Doch die Verbindung zwischen Maisky und Šostakovič ist noch vielschichtiger. Beide waren Musiker im und Opfer des Sowjet-Regimes. Eine Ebene der Ungerechtigkeit und Wut verbindet die beiden. Und beide finden einen Umgang mit der Schwere in der Musik.
Dmitrij Šostakovič war Meister darin, der sowjetischen Zensur zu entkommen. So lässt sich sein Werk als diametral interpretieren: für die Sowjet-Funktionäre als systemkonform, dem patriotisch-ästhetischen Staatsdoktrin entsprechend, für die andere Seite als ironisch-systemkritisch und alles andere als sozialistisch gesinnt. Sein Werk lässt sich deuten als versteckt-künstlerischer Ausdruck der Wut trotz Gefangenheit, trotz Zensur, trotz Angst vor Strafe und Folter. Er arbeitet mit einer Tiefe des Schmerzes, die ich mit Worten nicht zugänglich machen kann. Ich kann darüber schreiben, wie traurig ich bin, zerrissen, „zwischen zwei Welten“, zutiefst gefangen in Ungerechtigkeiten, aus denen kein Ausbrechen möglich zu sein scheint. Und trotzdem, ich kann nicht das, was Šostakovič macht. Und auch Mischa Maisky ist sich dessen mit Sicherheit bewusst und so spielte er das 1. Cello Konzert von Šostakovič, welches diese schmerzhafte Wut in all seiner Dichte transportiert.
Cellokonzert No. 1 Es-Dur op. 107
Das Konzert beginnt. Mit aller Wucht trifft einen das aggressiv-eindringliche Cello. Spielen tut es das DSCH-Thema (D- es – C – H), welches als autobiographischer Bezug (kurz für Dimitri Schostakowitsch) gedeutet wird. Begleitet wird das Cello allerdings nicht von einem Orchester, das der Wucht gerecht werden würde: Kleine Marscheinschübe oder chromatisch-steigende Flöten-Sequenzen untermalen das wütende, durchdringende Motiv und lassen einen verwirrt fühlen. Man versteht nicht ganz. Im zweiten Satz sind Orchester und Cello gemeinsam betrübt-dissonant und voller Schwermut. Gegen Ende des Satzes kehrt die anfänglich-betrübende Melodie zurück, das Cello spielt diese in unmissverständlich schmerzenden Obertönen; das Orchester zieht sich zurück, nur einzelne Instrumente spielen Töne, aber irgendwie unpassend, als hätten sie sich verirrt. Der dritte Satz synthetisiert die Aggression des ersten Satzes und die betrübt-dissonante Schwermut des zweiten. Nur das Cello spielt. Das Cello ist ganz allein. Ganz allein in seiner Betrübtheit und Wut. Es stellt eindringliche Fragen, ohne Antworten zu finden. Es zerreißt. Die Erinnerung holt einen ein. Der erste und zweite Satz wirken nach, stechen ein, lassen einen in Unverständnis mit den Dingen, die passiert sein müssen, um so zu fühlen und gleichzeitigem Verständnis mit der Wut und Verzweiflung, die hier ein Ventil findet. Das Finale übernimmt die Wut des Cellos, dehnt sie aus, intensiviert sie und nimmt noch eindringlicher Bezug auf die ‚Erfahrungen‘ aus Satz I und II. Das Stück endet ohne jeglichen Hinweis auf eine Auflösung. Zurückgelassen wird man mit der wütenden Konfrontation mit den Dingen, die geschehen sind, mit der Tiefe eines schwer zugänglichen Schmerzes und mit der Faszination über Šostakovičs Fähigkeit, dies artikulieren zu können. Den Umgang mit dem Schmerz muss man für sich selbst herausfinden. Šostakovičs Antwort darauf waren Vodka, Zigaretten und die Kunst, die unterdrückende Zensur zu umschiffen und Platz für seine Wut zu finden.
Šostakovič transportiert einen Schmerz, der süchtig macht, den ich seiner vollen Intensität fühlen will, auch wenn und gerade weil er so tief schmerzt; auf den Grund meines Seins stößt und alles aufwühlt, das ist, was ich aber nie wusste, das ist. Dein Schmerz zeugt von einer Verzweiflung, einem Leben, dessen Leid ich in meiner Privilegiertheit womöglich nie ganz verstehen werde. Weil du gefangen warst zwischen dem, der du warst, dem, was du dachtest, der, der du sein musstest und dem, der anders sein wollte, in einem Ausmaß, das ich nicht nachempfinden kann. Und trotzdem gibt es diese Gefangen überall auf dieser Welt, die kämpfen für die Andersheit, gegen das Müssen, für ein Miteinander, das sich nicht über den Ausschluss derer definiert, die anders sind. Du, in all deiner Angst und deinem Mut zugleich, wie du mit gepackten Koffern zuhause saßt und auf die Festnahme wartetest. Du warst so mutig. Wir hören und spielen deine Musik mit vollster Anmut, denn du malst durch die Töne, die durch dich in uns wirken, ein Bild, das vor der Diffusität und Dichte des Fühlens keinen Halt macht.
Mischa Maisky und die Wut
Im Konzertsaal. Der dritte Satz. Der Mann, der neben mir sitzt, nimmt Notizbuch und Stift in die Hände. Er beobachtet. Maisky setzt den Bogen an. Das Solo beginnt. D. Es. C. H. Maiskys Gesichtsmuskeln spannen sich an.

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, seine Augenlider auch. Er schließt die Augen während einer kurzen Pause, öffnet sie mit dem erneuten Ansetzen des Bogens an die Celloseiten. Und er spielt. Und ich sehe Šostakovičs kontrolliert-überlegte Wut, die durch Maisky, seinen Ausdruck, sein virtuoses Spielen in aller Klarheit wahrnehmbar wird. Fast aggressiv wirkt Maisky beim schnellen Hin und Her des Bogens. Ob das wohl an den Erinnerungen an das sowjetische Arbeitslager liegt? Bewundernswert ist, wie man Wut auf so einer Art und Weise ausdrücken kann, welche sich nicht der Impulsivität bedient. Und doch sind Šostakovič und Maisky Beweis dafür, dass genau das möglich ist. Aggressivität, welche jedoch nicht auf Aggression abzielt, sondern lediglich auf ihren Ausdruck. Auch der zeichnende Mann neben mir muss das wohl vernommen haben: Er fing jene Aggressivität in Maiskys Ausdruck ein. Eben diese ‚aggressive‘ Angespanntheit Maiskys verleiht dem Gespielten so viel Greifbarkeit und Mehrdimensionalität, dass mir mit dem Ende des Cellokonzertes tatsächlich eine Träne die Wange herunterlief.