eine kleine Weihnachtsgeschichte
Lucy kann nicht schlafen – sie hat zu viele Weihnachtsgedanken im Kopf. Aber Oma weiß bestimmt, wie sie trotzdem einschlafen kann. Heimlich hofft Lucy, dass sie ihr eine ihrer tollen Geschichten erzählt. Eine aus Omas Kindheit, eine kleine Weihnachtsgeschichte…

Es war die Nacht des dritten Advents, als Lucy auf nackten Füßen über den Teppichboden bis hin zum Schlafzimmer ihrer Oma schlich. Ihr Kopf, auf dem ganz viele blonde Locken in alle Richtungen abstanden, hatte sie einfach nicht einschlafen lassen. Zu viele Weihnachtsfragen waren darin herumgegeistert!
Wie hoch wird der Baum wohl sein, den Papa dieses Jahr vom Markt mitbringt? Welche Leckerreien würde Mama zu Heilig Abend kochen und noch viel, viel wichtiger: Welche Geschenke bekam sie wohl vom Weihnachtsmann?
Nein, dachte Lucy, mit solchen Gedanken im Kopf konnte kein Kind auf der ganzen, großen, weiten Welt einschlafen. Die Aufregung kribbelte in ihr, wie Brausepulver auf der Zunge.
Aber Oma würde ihr sicher helfen können. Heimlich hoffte Lucy, dass sie ihr eine ihrer tollen Geschichten erzählen würde. Eine Weihnachtsgeschichte, das wäre toll. Oma war gut im Geschichten erzählen, aber sie kannte auch einfach die Allerbesten – denn sie waren immer wahr.
Leise öffnete Lucy die angelehnte Tür und lugte durch den offnen Spalt. Oma schlief noch nicht, sie erkannte ihre Enkelin sofort an der Nasenspitze: „Na du kleine Maus? Du sollst doch schlafen.“ Schnell huschte Lucy durch die Tür und unter Omas Bettdecke, damit sie nicht auf die Idee kommen konnte, sie wieder zurück ins Bett zu schicken.
„Ich kann nicht schlafen Oma!“ sagte sie leidend und kuschelte sich an die Großmutter, die gerade das Buch beiseite legte, in dem sie gelesen hatte.
„Mein Kopf ist voller Weihnachtsdenke.“ sie raufte sich die Haare und schüttelte den kleinen blonden Lockenkopf.
Lucys Oma schmunzelte über die Worte ihrer Enkelin. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sehr sie sich mit sechs Jahren auf Weihnachten gefreut hatte.
„Oh, ich verstehe.“ sagte sie sanft, richtete sich etwas mehr auf und legte den Arm um die kleine Lucy. „Ich kenne diese Vorfreude gut. Als ich so klein war wie du, war Weihachten auch etwas ganz, ganz Besonderes für mich.“
Lucy verzog das Gesicht, wie immer, wenn sie sich vorstellte das ihre Oma mal klein gewesen war. Sie fand den Gedanken ulkig. Manchmal stellte sie sich vor, wie es wohl gewesen wäre mit der kleinen Oma fangen oder verstecken zu spielen. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass Kinder ja gar keine grauen Haare hatten und eine Oma ohne graue Haare, die konnte sich Lucy einfach nicht denken. Doch sie versuchte es immer, wenn Oma aus ihrer Kindheit erzählte – und Lucy liebte diese Geschichten, weil sie wahr waren.
„War dein Weihnachten früher genau so schön wie meins heute?“ frage Lucy neugierig und hoffte auf eine Geschichte. Oma lächelte, doch das sah Lucy nicht.
„Oh es war wunderbar! Weißt du, wir hatten damals noch viel, viel mehr Schnee als heute.“
Lucy kuschelte sich noch mehr unter die Decke, Omas Stimme hatte sich verändert, nun kam sie, die Geschichte.
„Der Schnee lag so hoch auf den Straßen und den Dächern, dass kaum Autos fuhren. Viele blieben einfach zu Hause, schürten ihre Öfen mit Holz und mummelten sich in ihre Flickendecken. Fast überall in den Fenster brannte das Licht von Weihnachtskrippen. Die meisten waren aus Holz und sogar selbst gemacht. Auch ich habe irgendwann in der Schule eine gebastelt. Meine Mutter, deine Uroma Lucy, hat sie damals ans größte Fenster gestellt, damit alle die an unserem kleinen Haus vorbei liefen, meine selbstgemachte Holzkrippe sehen konnten. Die Luft war bitter kalt, aber das war nicht schlimm. Wir sind viel Schlitten gefahren und haben Schneemänner gebaut. Deine Uroma hat den Weihnachtsmännern sogar zu jedem Advent eine Kerze in den Kopf gesteckt!“
Lucy kicherte: „Warum denn in den Kopf?“ Oma zwisckte ihr in die Nase: „Weil ich so schlecht im Hände formen war!“
Beide lachten. Dann erzählte Oma weiter:
„Früher gab es nicht ganz so viele Geschenke wie heute, musst du wissen. Der Weihnachtsmann hatte nicht viel, was er uns schenken konnte und es gab mit Sicherheit Kinder, die es viel nötiger hatten beschenkt zu werden, als wir damals. Aber das, was er uns vorbeibrachte, war um so schöner und wertvoller. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich zu einem Fest rote Stiefel für die Kirche bekommen habe – hach! Du glaubst es nicht Kind, ich hab diese Schuhe kaputt getragen, so sehr hab ich sie geliebt.“
Einen kurzen Moment lang war es still und Lucy fragte sich kurz, ob es wirklich so toll war Schuhe zu bekommen. Doch dann stellte sie sich vor, dass sie sich über rote Sandalen für ihre Puppe schon sehr freuen würde und buchte die Kirchgangschuhe als gute Idee des Weihnachtsmanns ab.
„Was noch?“ fragte Lucy wissbegierig, als Oma nicht weiter erzählte. „Nichts mehr.“ antwortete sie und musste wieder lächeln: „Die roten Schuhe und sonst nichts. Aber ich wollte auch gar nicht mehr, weißt du? Mir haben die Stiefel schon gereicht. Die Geschenke waren gar nicht das, was mir so im Kopf geblieben ist. Weißt du an was ich viel lieber denke? An den Duft des Weihnachtsbaumes zum Beispiel oder an das schimmernde Lametta, das wir jedes Jahr auf den Baum gehängt haben… und an jedes Fest, an dem dein Uropa dabei sein konnte. Diese Dinge waren schon für sich ein großer, großer Segen, weißt du?“
Lucy war sich nicht sicher, doch ihr Kopf wurde auch immerzu schwerer und es kostete sie schon ein bisschen Kraft auf die Frage ihrer Oma sanft zu nicken. Dann flüssterte sie schläfrig, die Augen geschlossen: „Wie groß war der Baum, Oma?“
„Der Baum ging bis an die Decke.“ flüsterte Oma zurück und losch das Licht.
„Wirklich wahr?“ fragte Lucy und die Dunkelheit legte sich über ihre müden Kinderaugen, wie eine weiche Decke.
„Wirklich wahr.“ antworte Oma.
Und mit diesen Worten schlaf Lucy endlich ein.