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Zwischen Ruinenbars und Rechtsruck, Erasmus in Osteuropa

Blogvon Berit Klotz

Barcelona, Paris oder Amsterdam sind seit Jahren beliebte und klassische Erasmus Standorte, doch immer mehr Studenten zieht es mittlerweile in den Osten Europas. Auf den „Country Factsheets“ der offiziellen Erasmus+ Seite sieht man, dass Länder, wie Polen, Ungarn, Rumänien, Tschechien oder Bulgarien in den letzten Jahrzehnten aber auch insbesondere nach Corona einen Zuwachs an „Incoming“ Studenten, also diejenigen die dort ihr Erasmussemester verbringen, hatten. Städte wie Prag, Krakau oder Budapest treten in Erasmus Rankings und auf Social Media Feeds immer häufiger als Alternativen zu den Klassikern auf. Doch woran liegt das und was wird dabei oft ausgeblendet?

Der naheliegendste Grund für die Beliebtheit der osteuropäischen Ziele sind die vergleichsweise niedrigen Lebensunterhaltungskosten. Mieten, Nahverkehr, Lebensmittel, Essen und Feiern gehen sind in vielen Städten Osteuropas deutlich günstiger als in westeuropäischen. Für Studenten bedeutet das: das Erasmus Stipendium reicht tatsächlich aus, um den Alltag komplett zu finanzieren, möglich also auch ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung.

Hinzu kommt, dass viele Hochschulen und Universitäten in den letzten Jahren und Jahrzehnten gezielt in ihre internationale Ausrichtung investiert haben. Besonders seit dem EU-Beitritt vieler dieser Länder wurde der Hochschulbereich stark modernisiert und an europäische Standards angepasst, es gibt gut ausgebaute international Offices, viele englischsprachige Kurse und intensive Betreuung.

Auch das kulturelle Angebot, was viele Städte in Osteuropa bieten können, spielt wohl eine Rolle. Historische Altstädte, lebendige Kunst, Kultur & Festival Szene und studentisch geprägte Viertel machen die Städte, zusätzlich zu der zentralen Lage in Europa, attraktiv. Viele weitere günstige Länder sind schnell erreichbar. Das erweitert den Erasmus-Aufenthalt noch über das eigene Gastland hinaus.

Auf Social Media werden genau diese Städte zusätzlich noch als eine Art Geheimtipp inszeniert, authentischer und „untouristischer“ als andere Erasmus Hotspots.

Was in vielen dieser Erzählungen und Videos allerdings nicht auftaucht ist die politische Situation in einigen osteuropäischen Ländern.

Besonders deutlich wird das am Beispiel von Ungarn. Seit Jahren steht das Land in Kritik, und das wegen Einschränkungen der Rechtsstaatlichkeit, der Medienfreiheit und der Rechte von LGBTQ+ Personen. Ministerpräsident Viktor Orbán verfolgt einen zunehmend autoritären und nationalistischen Kurs der auch deutliche Auswirkungen auf Universitäten und Gesellschaft hat.

Trotzdem scheint Politik im Erasmus Alltag vieler Studenten in Ungarn kaum eine Rolle zu spielen. Das Studium findet auf Englisch statt, soziale Beziehungen beschränken sich auf andere Erasmus Studenten und mit der lokalen Bevölkerung hat man meist keinen Kontakt. Es entsteht eine Erasmus „Bubble“, in der die politischen Konflikte bekannt sind und auch verstanden werden, aber nicht Teil der eigenen Erfahrungen sind oder zumindest nicht als solche wahrgenommen werden.

Kann man es sich erlauben, in einer zeitlich klar begrenzten Ausnahmesituation wie es das Erasmus ist, politisch neutral zu bleiben?

Gerade weil der Aufenthalt im anderen Land nur temporär ist, verstehen viele Studenten ihn vor allem als persönliche Erfahrung. Für ein halbes Jahr stehen neue Eindrücke, Freundschaften und einfach ein anderer Alltag im Vordergrund. Sich intensiv mit politischen Strukturen, Einschränkungen der Pressefreiheit oder gesellschaftlichen Konflikten im Gastland auseinanderzusetzen, ist überfordernd oder nicht Priorität. Das bedeutet nicht zwangsläufig Gleichgültigkeit, sondern vielleicht auch Selbstschutz, reine Bequemlichkeit oder der Wunsch, diese begrenzte Zeit möglichst unbeschwert zu erleben.

Die Möglichkeit, politische Spannungen auszublenden, ist dabei auf jeden Fall auch ein großes Privileg, eines, das viele nutzen. Zwischen günstigen Lebenshaltungskosten, internationalem Campusleben und gesellschaftlichen Spannungen entsteht so ein Spannungsfeld, in dem Erasmusstudenten sich bewegen, bewusst oder unbewusst.

Ob man sich diesem stellt oder Teile davon ausblendet, bleibt letzten Endes eine individuelle Entscheidung. Aber: Erasmus findet nicht in einer luftleeren „Bubble“ statt und europäischer Austausch beginnt vielleicht genau da, wo man bereit ist, die eigene Komfortzone zu hinterfragen.