Chronically online, chronically ironic?

Das Weltgeschehen, die Gen-Z und Internethumor als Bewältigungsstrategie
November 2024: Olaf Scholz entlässt vor laufenden Kameras Christian Lindner aus seinem Amt als Finanzminister. Während Tagesschau, SZ, FAZ und andere etablierte Medien sachlich über das Ampel-Aus berichten, spielt sich auf TikTok und Instagram etwas anderes ab: „Zu oft hat er kleinkariert parteipolitisch taktiert, zu oft hat er mein Vertrauen gebrochen“, hört man Scholz sagen, bevor „You’re losing me“ von Taylor Swift einsetzt. Aus Deutschlands politischer Krise wird ein Break-up-Edit, mit dem Untertitel „Germany‘s government is in its divorce era“, und in den Kommentaren steht: „Olaf der hat dich nicht verdient… “.
Für andere Generationen mag das befremdlich wirken, doch für viele aus der Gen-Z ist es ganz normal: Die Ironisierung alltäglicher Geschehnisse ist schon längst eine Bewältigungsstrategie geworden und die Meme-Kultur so etwas wie ein öffentliches, gemeinsam gepflegtes Tagebuch.
Humor als Coping-Strategie
Der Humor der Gen-Z ist ein Mix aus Selbstironie, Absurdität und Meta-Referenzen. Das Weltgeschehen wird dabei nicht mehr nur in Artikeln oder Talkshows verarbeitet, sondern auch mit Edits, Memes und Sounds. Egal ob Raubüberfall im Louvre oder der CEO, der seine Frau auf einem Coldplay-Konzert betrogen hat – das Internet reagiert blitzschnell, und die Ereignisse werden kreativ und unterhaltsam aufgearbeitet. Das mag vielleicht zunächst albern wirken, ist aber oft ernst gemeint: Humor wird zu einem Mittel, um mit einer Welt klarzukommen, die von Krisen und überfordernden Schlagzeilen geprägt ist. Dabei erlaubt er mit einer Distanz auf das Zeitgeschehen und ernste Themen zu blicken, und eben nicht wegzuschauen.
Checkst du? Chronically-online als Gemeinschaftsgefühl
Seit der Corona-Pandemie hat die Popularität von Plattformen wie TikTok stark zugenommen, und mittlerweile fühlt es sich an wie das Wohnzimmer einer ganzen Generation. Hier entstehen nicht nur Trends, sondern auch soziale Codes und ein gemeinsames Vokabular, das Zugehörigkeit stiftet. Wenn jemand „Checkst du?“ sagt und Freund*innen automatisch mit „Ich check“ antworten, entsteht ein Gefühl der Verbundenheit. Chronically-online-Humor (eine Art ständige Präsenz in digitalen Räumen) prägt den Alltag und die Kommunikation einer ganzen Generation. Memes dokumentieren Erfahrungen, Skandale und Stimmungen. TikTok-Sounds und Slang sind wie eine eigene Sprache, die Zugehörigkeit schafft, aber auch Grenzen zieht: Wer checkt, gehört dazu.
Humor als (politisches) Werkzeug
Ältere Generationen und Politiker*innen haben schon längst erkannt, dass Humor ein Schlüssel ist, um junge Menschen zu erreichen. Der Instagram-Account der Grünen folgt dem Schema: Meme, dann Info-Slides. Markus Söder wiederum veröffentlicht Beiträge (Stichwort: „Söder isst“), die humorvoll, ironisch (?) und nahbar wirken sollen. Diese Versuche, die ironische Gen-Z zu unterhalten und die Distanz zu ihnen zu verringen, wirken aber eher kläglich als überzeugend. Das Problem: es wirkt selten authentisch, und viel mehr wie ein Versuch eine Sprache zu sprechen, die man nicht versteht. Und während die Gen-Z sich gerne über Politik lustig macht, erwartet sie von den politischen Akteur*innen ernsthafte Antworten auf ernsthafte Probleme, statt humorvoller Gags.
Und jetzt? Weiter lachen.
Am Ende bleibt Humor für viele das Mittel, um mit der Überforderung unserer Zeit umzugehen. Je absurder die Welt erscheint, desto absurder wird auch der Internethumor. Und vielleicht ist genau das seine Stärke: Er schafft Gemeinschaft, Distanz und Nähe zugleich, und gibt uns dabei einen Moment zum Durchatmen. Ich persönlich find’s gut. Denn in einer Welt, die oft viel zu viel ist, bleibt uns manchmal nicht viel anderes übrig, als zu lachen.