Es ist 5 vor 12
Es ist 5 vor 12 – die Uhr tickt, immer schneller läuft der Sekundenzeiger – gleich ist es so weit… wir alle kennen das Spiel. Das drängende Gefühl der rennenden Zeit – ein Fluss, den wir nie anhalten können, der immer schneller davon zu fließen scheint. Wie das immer gehetzte Kaninchen in Alice im Wunderland versuchen wir, krampfhaft Schritt zu halten.
Egal ob du gerade die letzten Minuten des nervenaufreibenden 24-Finals schaust und Kiefer Sutherland nur haarscharf dem Tod entrinnt, du das Lernen für die Klausur wieder wochenlang vor dir hergeschoben hast und nun die letzte Nacht vor der Prüfung, angeheizt durch drei RedBull, durchmachen musst, oder du am 23.12. immer noch kein Weihnachtsgeschenk für Oma hast – das Gefühl ist immer dasselbe.
Eine blanke Panik, ein Zeitdruck, gegenüber dem wir uns klein und machtlos vorkommen. In genau diesem Moment ärgern wir uns dann am stärksten über uns selbst – hätte ich doch bloß schon früher angefangen zu lernen! Warum habe ich mich nicht einfach schon vor Wochen um die Geschenke gekümmert? Wäre ich doch bloß früher aufgestanden, hätte ich den Zug nicht verpasst!
Hätte, hätte, Fahrradkette.
So nervenaufreibend diese alte deutsche Weisheit ist, so zutreffend ist sie leider meistens auch. Noch ärgerlicher jedoch ist es, wenn wir unter Zeitdruck stehen, der nicht selbst verschuldet ist, sondern uns durch das Handeln – oder Nicht-Handeln – anderer aufgezwungen wurde. Dieser Frust vervielfacht sich in Situationen, in denen ein Dritter bewusste Entscheidungen getroffen hat, mit dem Wissen oder der blanken Ignoranz davor, wie diese Entscheidungen in Zukunft Stress für andere kreieren werden. Ein sehr kompliziertes gedankliches Experiment, ich weiß; auch mein Gehirn raucht schon nach der Formulierung dieses Satzes.
Umso wichtiger jedoch ist es, dass wir dieses Konzept überreißen. Denn wir als Weltbevölkerung sind heute die Leidtragenden eines exakt solchen, ungerechten Machtgefüges. Wir als die Leidtragenden des durch Menschen verursachten Klimawandels.
Beim Blick auf die verschiedenen Camps des Klimawandel-Spektrums erkennen wir schnell drei Gruppen: Klima-Leugner, Doomsday-Denker und hochmotivierte Klimaaktivisten. Diese beschimpfen sich über die Kluft, welche stetig zwischen ihnen wächst – in ewiger Suche nach dem ultimativen Klimasündenbock. Besonders Besorgnis erregend fallen hierbei die Vertreter der Doomsday-Mentalität auf.
Sie haben im Wettlauf gegen die Zeit aufgegeben und vollends die Hoffnung verloren, dass wir als Menschen unseren Untergang durch die scheinbar unaufhaltsame Erderwärmung noch abwenden können. Wie sehr dieser Gedanke mittlerweile in der Gesellschaft verankert ist, verdeutlicht sich in der Auflösung der österreichischen Klimaaktivistengruppe Letzte Generation im August 2024. In ihrem finalen Pressestatement heißt es: „Wir sehen keine Perspektive für Erfolg mehr.“
Für sie ist die Sache also gegessen, sie nehmen scheinbar wie betäubt Platz und wollen nun als inaktive Zuschauer die Zeit auslaufen lassen, bis das letzte Sandkorn durch die Uhr gefallen ist. Und obwohl ich eine überzeugte Umweltaktivistin und Befürworterin bin, so kann ich den Frust, der sie zu diesem Verhalten geleitet hat, nachvollziehen. Ein Gefühl der Ungerechtigkeit, dass wir als Generation nun die Suppe auslöffeln dürfen. Der bedrohliche Zeitdruck des Klimawandels als ständiger Begleiter. Eine Anspannung geboren aus unnatürlichen Phänomenen, welche unsere Vorgänger produziert haben.
Warum bleibt diese Aufgabe an uns hängen? Warum haben DIE sich nicht damals schon gekümmert? Und so sind wir wieder beim Thema Hätte, Hätte, Fahrradkette.
Auch wenn dieser schlaue Spruch davor warnt, so möchte ich mich nun einmal vollends mit fiktiven Szenarien und Wunschdenken in Rage reden: Mit Schock habe ich bei der Recherche für diesen Artikel feststellen müssen, dass der erste Wissenschaftler, ein Brite namens Guy Callendar, der auf das kleine Problemchen der globalen Erderwärmung aufmerksam machen wollte, schon 1938 seine Entdeckungen und seine Hypothese der industriellen CO₂-Emissionen als Ursache hierfür publizierte.
1938!!
Hätten die Menschen damals auf ihn gehört, anstatt ihn auszulachen, so könnten wir schon seit 86 Jahren an Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel arbeiten und hätten dadurch viel menschliches und natürliches Leid durch die brutalen Folgen des Wandels verhindern können.
Blicken wir zum nächsten umweltwissenschaftlichen Durchbruch der Geschichte – der Erstellung der Keeling-Kurve. Hier handelt es sich um das Brainchild des Geochemikers Charles David Keeling, welcher 1958 nach fünf Jahren intensiver Datensammlung, Auswertung und Berechnungen eine Kurve erstellte, welche zum einen den Zusammenhang zwischen der Verbrennung fossiler Energieträger und dem CO₂–Gehalt der Atmosphäre modulierte und zum anderen den rasanten Anstieg dieser Konzentration über die nächsten 60 Jahre prognostizierte – sollte sich an unserem Verhalten bezüglich dieser Energieressourcen nichts verändern.
Ich sage es nochmal – 1958 wurde diese Kurve erstellt und mit wissenschaftlichen Datensätzen belegt. Hätten die Menschen auf diese Informationen angebracht reagiert, so hätten wir nun schon Lösungsansätze aus 66 Jahren Innovation, auf die wir uns stützen könnten. Aber nein – ein Großteil der Bevölkerung belächelte diese Befunde oder ignorierte sie schlichtweg.
Reisen wir etwas weiter in der Zeit – 1967 wurde das erste wissenschaftlich belegte Computermodell des weltweiten Erdklimas der Forscher Syukuro Manabe und Richard Wetherald erstellt. Dieses sagt voraus, dass eine Verdopplung der CO₂–Konzentration in der Atmosphäre die globale Temperatur um 2 Grad erhöhen könnte.
Das war also vor sage und schreibe 57 Jahren. Und trotzdem gibt es immer noch Leute, wichtige, einflussreiche Menschen mit weltbewegender politischer Macht, die sich weigern, den Zusammenhang zwischen unseren Treibhausgas-Emissionen und der Erderwärmung anzuerkennen.
Absolut absurd, vor allem angesichts der Tatsache, dass wir die Folgen dieser scheinbar unaufhaltsamen Erwärmung nun hautnah erleben dürfen. Es stellt sich einem die Frage, ob man doch tatsächlich manche dieser katastrophalen Folgen hätte verhindern können, hätte man nur schon vor 57 Jahren strikte umweltschützende Maßnahmen in großem Stil umgesetzt.
Würden die Korallenriffe noch in ihrer ehemaligen Pracht unter Wasser schimmern? Hätten ganze Küstenstädte nicht durch heftige Orkane ausgelöscht werden müssen? Könnte es in Venezuela doch noch Gletscher geben? Hätten wir Gemeinden schützen können, die nun durch Fluten und Erdrutsche all ihr Eigentum verloren haben? Wir alle wissen, dass diese ständigen fake scenarios absolut nicht gut für unsere mental health sind, und trotzdem kann ein solcher rant manchmal äußerst befreiend sein.
Heißer Tipp am Rande: Ist das Maß mal wieder absolut voll, egal ob wegen eco-anxiety oder anderem Zeitstress, so ist ein inbrünstiger, kräftiger Schrei aus dem offenen Fenster äußerst empfehlenswert und befreiend – selbst wenn die Nachbarn dann kurz meinen, man wird abgestochen.
Trotz alledem müssen wir die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Nur wenn wir dies tun, können wir sicherstellen, dass es für uns und unseren Planeten überhaupt noch eine Zukunft gibt. Lasst uns also bitte kollektiv aus den Fehlern unserer Vorgänger lernen und JETZT SOFORT mit anpacken. Nichts mehr mit Verstecken vor knallharten Fakten oder ewiger Aufschieberitis – wir müssen heute handeln!
Zum Glück gibt es mittlerweile eine riesige Bandbreite an Klimavorbildern, die uns vorleben, wie wir, egal in welchem Bereich der Gesellschaft, aktiv ein Teil der Lösung werden können. In Küstenregionen von Bangladesch, in denen steigende Meere die Existenz bedrohen, trotzen schwimmende Gärten und widerstandsfähige Anbaumethoden den anrückenden Wassermassen und sichern dort die Lebensgrundlagen trotz der kritischen Umstände.
In Chinas städtischen Ballungsräumen entstehen sogenannte Sponge Cities als Zeugnisse nachhaltiger Stadtplanung, die Überschwemmungen und Dürren gleichermaßen abfedern. Weltweit sichern innovative Dammprojekte in gefährdeten Küstenregionen Gemeinden vor dem steigenden Meeresspiegel. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass jeder, egal wer, egal wo auf der Welt, jetzt sofort Teil der Klimalösung werden kann – damit unsere Nachkommen nicht unter noch mehr Zeitdruck leiden.
Oder noch schlimmer, die Zeit womöglich doch noch ausläuft.
So wäre es doch großartig zu wissen, dass unsere Nachkommen nicht verärgert auf uns zurückblicken werden, mit einem Groll über unsere Handlungsunfähigkeit. Wie fabelhaft es doch wäre, wenn die künftigen Generationen mit Stolz über unseren nachhaltigen Tatendrang berichten könnten, dankbar dafür, dass wir endlich angegriffen haben und über unsere Vergänglichkeit hinausgewachsen sind.
Jeder Einzelne von uns kann also zu Kiefer Sutherland werden und in den letzten Minuten des Staffelfinales, wenn das grausame Ende unaufhaltsam scheint und immer näher rückt, zum Helden werden.
Doch die Uhr tickt – es ist 5 vor 12.