Aufführungsrezension des Stücks: ALLES IST VOLL VON GÖTTERN

WS24 Studi(o)Bühne, ein Stück geschrieben von Elliot Musche.
Im Oktober letzten Jahres brachte Elliot Musche zusammen mit seinem Theater Ensemble sein selbstgeschriebenes Stück „Alles ist voll von Göttern“ auf die Studi(o)-Bühne. Neunzig Minuten lang gab die Inszenierung Einblick in eine fiktive Zukunft, weit entfernt von unserer Mutter Erde.
Auf der Dyson-Sphäre lernen wir Harland und Aura kennen, zwei Menschen auf der Suche nach Antworten. Philosophische Fragen begleiten den Plot und werden dem Publikum vor die Füße geworfen. Schon im Flyer begegnen sie uns im Klappentext: Was bleibt der Menschheit, wenn sie alles hat, aber nichts mehr fühlt?
Harland Magnus (gespielt von Korinna Wenzel) und Aura (gespielt von Carlotte Gunia) verlieren als einzige Menschen und unglückliches Liebespaar der Dyson-Sphäre immer mehr den Bezug zueinander.
Umgeben von Robotern, welche Emotionen zwar verarbeiten und erkennen, jedoch selbst nicht fühlen oder verstehen können, versuchen beide Individuen, ihren Platz in der Leere des Alls zu finden. Doch sie sind nicht alleine. Götter mischen sich ein, besuchen die Dyson-Sphäre und beginnen, die ganze Szenerie auf interessante Art und Weise in ein noch groteskeres Licht zu rücken. Sie spielen ihre Rollen, ohne sich scheinbar ins Geschehen einmischen zu wollen.
Eine Tanz-Choreografie zu Beginn leitet das Stück ein.
Sowohl das Team des Bühnenbilds und die Arbeit von Daniel Fürbacher, der für die Technik zuständig war, als auch das Team der Kostüme konnten Kreativität beweisen. Die abgestumpften, sterilen Schwarz- und Weißtöne der Dyson-Sphäre treffen auf die bunten, mittelalterlichen Gewänder der Götter. So wurde ein sichtbarer Kontrast erschaffen, welcher die verschiedenen Nuancen der Geschichte visuell widerspiegelt. Eine Vielfalt der Gefühle, verpackt in bunten und schönen Farben, trifft auf die kahle, brutale Kälte der inneren Leere – die sowohl von manchen Robotern als auch von dem weißen, steifen Kostüm Auras nach außen getragen wurde. Gerade der gelbe Apollo (gespielt von Celin Kratzsch) stach mit seinem gelben Kostüm aus der Menge heraus und überzeugte das Publikum spätestens gegen Mitte des Stücks mit seinem Talent fürs Tanzen.
Die Handlung vermochte es, sich Szene für Szene weiter zuzuspitzen. Im folgenden Plot fiebert das Publikum mit dem verzweifelten Harland mit, der versucht seiner Geliebten wieder nah zu sein, während diese davor steht eine endgültige Entscheidung zu treffen. Um ihren Schmerz aus der Vergangenheit vollends auszulöschen, entscheidet sie sich für eine Transformation zum Roboter. Harland – bemüht sie mit all seiner Überzeugungskraft davon abzuhalten – scheitert zum Schluss dann doch.
Korinna Wenzel kann für ihre Performance als Harland Magnus nur gelobt werden – sie erschuf eine Brücke zwischen Bühne und Publikum und ließ die Menschen den Schmerz und die Verzweiflung ihrer Rolle mitfühlen. Der von ihr gespielte Nervenzusammenbruch kann als einer der Höhepunkte des Stücks bezeichnet werden. Der Applaus, der am Ende für die Schauspielerin erfolgte, verdeutlichte die geteilte Begeisterung des Publikums.
Einige Ungereimtheiten ziehen sich ebenfalls durch das Stück. Fragen zu den Charakteren und ihren Beziehungen oder Intentionen bleiben bis zum Schluss. Einige davon, wenn auch nicht alle, werden in den letzten Szenen durch einen Blick in die Vergangenheit beantwortet und klarer. Die anderen fallen zum großen Teil unter die eigene Interpretation. Die letzten Worte, die das Publikum zu hören bekam, hatten es dann nochmal in sich. Der Roboter Mielle-V7, welcher während der vollen Geschichte manisch versucht, den Zugang zu den eigenen Gefühlen und der weltlichen Schönheit zu finden, kniet auf dem Bühnenboden und spricht:
„Du bist gestorben, weil du zu viel gefühlt hast? Ich verstehe dich.“
Mielle-V7, gespielt von Kathi Schricker, beendete so auf fantastische Weise die mitreißende Geschichte ihrer eigenen Rolle und zugleich ein sehr gefühlvolles Stück. Auch ihre Rolle wurde später nochmals in Form von großem Applaus gelobt.
Elliot Musche schreibt Theaterstücke, die zum Nachdenken verleiten. Zusammen mit seiner Co-Regisseurin Kristina Katzenberger ist es ihm auch in dieser Spielzeit wieder gelungen, fiktive Szenarien mit philosophischen Fragen über das Leben auf einen Tisch zu packen – und sie mit seinem Text und den darin verborgenen Anspielungen aus verschiedenen Bereichen der Literatur, Philosophie und Geschichte auszuschmücken.
Musche probiert sich aus und arbeitet eng mit seinem Theater Ensemble zusammen. Seine selbstgeschriebenen Theaterstücke entlassen das Publikum immer zuverlässig mit Gesprächs- und Stoff zum Nachdenken. Die Geschichten, die er bisher in seinen Stücken aufzeigte, sind interessant, einzigartig und endlich mal wieder etwas Neues und vor allem Eigenes – statt etwas Altes und Nacherzähltes. Eine große Empfehlung für alle, die etwas sehen wollen, was sie mit Sicherheit noch nie gesehen haben.
-geschrieben von Hannah Lehmann
Randbemerkung:
Wer mehr über die Arbeit hinter den Kulissen sowie einen Einblick in den Schreibprozess und die Inspirationen des Autors selbst erhaschen möchte, kann sich nochmals im Interview mit Elliot Musche – über das Schreiben eigener Theaterstücke vertiefen. Ebenfalls veröffentlicht am 27.01.25.