Gegebenheiten: Die Fahrradkette

Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber ich befinde mich immer wieder in erstaunlichen Situationen, in denen ich mich still frage: „Passiert das grade wirklich?“ und nachdem diese Situationen zumindest für meinen besten Freund — er beäugt mich dann immer etwas ungläubig, fasziniert von dem Chaos in meinem Leben- einen großen Unterhaltungswert zu haben scheinen, dachte ich, dass ich all meine kleinen oder größeren seltsamen Situationen an dieser Stelle schriftlich verarbeiten kann.
Es war ein lauer Sommerabend. Ich kam gerade von einem online Meeting aus meinem dunklen Zimmer und konnte die Helligkeit dieser prädämmrigen Phase noch nicht ganz einschätzen, als ich zu meinem Fahrrad ging, um dann in großer Eile -ich war wie immer etwas zu spät- zu meiner Verabredung zu fahren. Man sollte dazu wissen, dass ich mein Fahrrad quasi in ein zweites verflochten (Lenker in Lenker; Pedale in Rad; großes Chaos) anschließe, da ich anders nicht in der Lage bin, leider auch nie ohne Kampf, die Kette zu schließen (das führt dazu, dass mich meine Nachbarn regelmäßig fragen, ob ich Hilfe benötige).
Ich hatte es nun also geschafft, mein Fahrrad aus dem anderen herauszufriemeln, stand schon abfahrbereit auf der Straße (Helm auf aber noch nicht zu; Licht eingeschaltet) und hatte vor alles Weitere auf der Fahrt zu richten (Helm zu, Kabel, ect.) als ich in die Pedale trat und es unschön knackte. Ich trat noch zweimal, bis ich in meinem Gehirn endlich verarbeitet hatte, was gerade passiert war. Mir war die Kette aus der Schaltung gesprungen. Immer noch mit offenem Helm und ohne Zeit und Geduld für das Malheur, betrachtete ich den Schaden neben meinem Fahrrad kniend. Da kam ein junger Mann vorbei. „Darf ich dir einen Tipp geben?“, fragte er mich und lächelte freundlich auf mich herab. Ich schielte an meinem etwas verrutschten Helm vorbei, schluckte die Peinlichkeit der Situation, dass ich als erwachsene Frau nicht mit der Kette meines Fahrrads zurecht kam, herunter, dachte „jetzt hat er den großen Tipp, wie ich die Kette schnell wieder reinbekomme…“, lächelte zurück und sagte: „Ja gerne.“
Der Typ strahlte, weil er offenbar hilfreich sein konnte. „Dein Licht,“, begann er und drückte an meiner Vorderleuchte herum. „Wenn du das ein bisschen weiter runterstellst, blendest du keine Autos mehr und siehst auch wo du lang fährst. Meinen Hund macht das immer total verrückt, wenn Lichter so auf Augenhöhe strahlen.“ Es war gut, dass er in diesem Moment damit beschäftigt war, meinen Vorderstrahler etwas nach unten zu drücken. Andernfalls hätte er vielleicht meine Irritation gesehen, die mir mit Sicherheit förmlich aus dem Gesicht auf die vom Kettenöl schwarzen Hände sprang. „Aha.“, machte ich daher nur. Sichtlich stolz auf seine Hilfe blickte der junge Mann auf den Strahler, der nun so perfekt auf die Straße zeigte, wie er es eigentlich sollte. „Danke.“, murmelte ich etwas ungläubig immer noch auf der Straße kniend. „Keine Ursache.“ Der junge Mann strahlte mich wieder an. Er war schon fast vorbei, da schien ihm aufzufallen, dass ich noch nicht wieder aufgestiegen und mit meinem nun lichtrichtig ausgerichteten Fahrrad losgefahren war. „Kann man dir sonst noch irgendwie helfen?“, fragte er. „Nein Danke.“, murmelte ich resigniert und starrte auf die verklemmte Kette, die mich mit ihrer absolut neben den für sie vorgesehen Zacken baumelnden Freude zu verhöhnen schien. „Na dann. Schönen Abend noch!“ Lächeln zog der junge Mann von Dannen.
