Flossen blau, erinnerndes Summen und Espresso im Bauchnabel.


Mir laufen die Tränen über die Wange. Das Wasser spült sie weg. Und ich schwimme immer weiter. Gerade wurde mir klar, dass das Ende gekommen war. Der sanfte Grünton der Algen, das glitzern der Sonnenstrahlen im Wasser, der graue, moosbedeckte Stein, der stumm aber freilich so lebendig das Uferende schmückt. Der schweflige Geruch. Die Kalkablagerungen in den Poren.
Ich werde es nicht mehr sehen, riechen, schmecken, nicht mehr spüren.
Den zarten Strom. Die fünf-zehigen Füße, die von Stein zu Stein gleiten und die Ruhe stören. Die schwimmende Flasche, aus der die letzten Tropfen Bier hinein in das kühle Wasser fließen. Mein Zuhause, die Geborgenheit der mir nur allzu gut bekannten Kurven. Der Lärm des Bunkerschiffes Flussabwärts. Hin und wieder fällt etwas hinein. Ein Ring, ein Flaschendeckel, das letzte Stück VönerFleisch, ein Fahrradsattel und Gesteinsbrocken einer Statue. Blubb…
An manchen Tagen spiele ich verstecken mit den Kajak-Rudern. So manche Nacht weckt mich das Auf und Ab durch die heranfahrenden Schiffe. Jagt mir kurzen Schrecken ein und lässt meine Augenlider hektisch aufflattern; plötzliche Schnappatmung.
Als ich vor knapp drei Jahren noch zu zweit war, nicht Verstecken, sondern Fangen spielen konnte, fühlte es sich wärmer an. Jetzt liebe ich die Zeit hier zwar auch. Sehe die sonderbarsten Dinge hineinplumpsen, mache mich lustig über die verformten Gesichter. Aber damals war es warm. Dann kam die Zeit, in der das Wasser mir schonmal die Tränen von den Wangen strich. Ich musste lernen, das Sonderbare alleine lustig zu finden. Erst blieb mir das Lachen weg. Steckte im Rachen fest, wie ein allzu großer Falafelbrocken. Ich verhedderte mich immer und immer wieder in den Pflanzenresten, verirrte mich in meinem Weg und traute mich manchmal nicht weiter als eine Flosse weit hinaus. Aber dann, als ich beobachtete wie am Steg aus einem haarigen Bauchnabel Espresso geschlürft wurde, verließ das schrille Lachen meine fischigen Lippen. Nicht nur das eigene Losprusten schallte mir durchs Fleisch.
Nein, die Stadt lässt mich mehr hören. Das Blubbern, das Krähengeschrei, die Glocken. Klänge, die ich mir mitnehmen möchte. Die ich still und heimlich vor mich hin summen möchte, wann immer ich vermisse.
Nicht ein, zweieinhalb, sondern vier Brückenpfeiler erinnern mich an den einst gehobenen Blick, an das Spiel mit den Augen der Anderen. Einmal rechts, links, mit Schwung nach oben und langsam zurücktreiben lassen. Die trockene Kehle mit lautem schlürfen befriedigen und tiefe Schlucke des Wassers einatmen. Etwas Ähnliches wie die Spitzen frischen Dills läuft mir die Zunge runter.
Die bayrischen Prager-Gurken von Specht. Schweizer Wurstsalat. Bad Reichenhaller Alpensalz auf Treppenstufen. Und eine Tür. Stillleben des Alltags, die ich über die Tage, Wochen und Jahre hinweg sammelte. Die vielen Zeilen und Buchstaben, die ich mir angucken kann, die mir dieser Ort schenkt.
Nun, Jahre, Erinnerungen später, sehe ich zwei eigenartige Füße, zwei zarte Flossen. Nebeneinander ausgestreckt. Die einen fusselig, die anderen etwas glitschig, Wasser tropft von den Spitzen.
Ich spiele nicht mehr verstecken, sondern suche mir ein passendes Holzstück um als Ritter in die Schlacht gegen die Kajak-Ruder zu ziehen. Mich ruft das Waldhorn und sagt, der Ring gehöre woanders hin. Das dunkelgrün der Blätter verfärbt sich und wird vom Duft und den vielen Niesern der Nasen blumig braun. Das J wird zum A und das Wasser kommt nicht mehr zur Ruhe.
Ich muss hier weg. Ich will hier weg.
Auch wenn ich weiter schwimme, und an dem neuen Ort der Steg in dasselbe Gewässer führt, ist es nicht dasselbe. Wird mich die Weite verlassen. Wird mich die Enge rufen.
Manchmal verabschieden sich meine Nasenflügel aus dieser Welt und tauchen ab in den eingehauchten Geruch der Nacht, und dann möchte ich hierbleiben. Will mich nicht mehr bewegen und einfach still so tun als ginge der Traum noch ewig. Den unförmigen Gesichtern noch etwas länger beim Lachen, Weinen und Schielen zuschauen. Noch länger den süßen Duft des Meeres, doch eher den süßen Duft des Weines inhalieren. Mich hineingleiten lassen in die Stromschnellen von Tanz, Diskussion, Kunst. Von Orgeltönen, Geschmack, emsig quietschen der Autoreifen, Gewusel au der Brücke, Kaffeebohnen und Gewölbe das beleuchtet wird. Den Wind auf der bläulich schimmernden Haut vorbeiziehen spüren. Den Geist dieser Stadt wie ein mit Helium befülltes Kondom, den Himmel emporsteigend, mit mir führen.
Ich höre mich summen. Dabei wollte ich das doch nur, wenn ich vermisse. Kann ich das schon jetzt? Auch wenn mich die bekannten Schritte der Menschen denken lassen, dass ich noch hier bin?
Der andere Ort ist auch schön. Hat sicher auch Theater, Falafel und Hummus, fünfzehige Füße. Bringt ebenso verrückte Grimassen auf den Köpfen der Menschen zum Ausdruck. Hat das beste Bier. Dort kann ich spät im Dunkeln der Nacht nicht schlafen, wegen irgendwelcher regelmäßigen Techno-Rhythmen, welche die Ohrenhaare beben lassen und die Trommelfelder der jungen Seelen abnutzen. Und dann stehen sie blöd am Wasser, unter der Brücke, das Bier tropft in die kühle Strömung, die Nasen sind verformt, das Lachen ist eher ein bellendes Gelächter vieler Stimmen und die Fledermäuse fliegen ganz verwirrt hin und her.
Dann, genau in diesem Moment pruste ich los. Kann mich gar nicht halten vor Glück, fühle mich nicht nur zuhause, sondern auch von Wärme umgeben, denn ganz vorne am Uferrand steht der Mensch mit Schuhen, aus denen Fussel raus quellen. Ich erkenne ihn wieder, schwimme ganz nah hin und da streicht er mir sanft über die Flossen. Ich schnappe kurz auf und schwimme weiter.
Abwärts komme ich vorbei an dem Übergang von Stadt zum Inneren der Stadt, auf dem fast täglich die zwei Reifen einer Frau im roten Mantel quietschen und die weißen Locken des mit ihr Rad fahrenden Mannes flattern umher.
Die Klingel klingt mittlerweile fast genauso schön, wie die stets erinnerten Glocken.
Ich komme an, weiß, warum ich davon geschwommen bin, lasse mit herzlichem lachen und warmen Gedanken an die einmalige Stadt der vergangenen drei Jahre los.
Hoffentlich kommen bald neue Fische zu dir in den Main, die sich ebenfalls an dem sanften Grünton deiner Algen, dem glitzern der Sonnenstrahlen in deinen Wassertropfen, den grauen, moosigen Steinen stumm aber freilich so lebendig das Ufer Ende schmückend, erfreuen. Den schwefligen Geruch. Die Kalkablagerungen in den Poren.
All das zu lieben wissen./