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DIE GESCHICHTE UNSERER UNIVERSITÄT 5: Akademischen Traditionen an der JMU

Blogvon Nele Jahrsdörfer

Die JMU war einst reich an Ritualen und symbolischen Formen: Talare, Rektorketten, Fahnen, Archive voller Dokumente. Vieles davon ist verschwunden – durch Krieg, Reformen und den Kulturbruch der 1960er-Jahre. Doch manche Tradition lebt still weiter.

Wer heute eine Rektoratsfeier unserer Universität besucht, sieht noch ein Relikt vergangener Jahrhunderte: Der Rektor trägt eine schwere Kette – ein Stück aus dem frühen 19. Jahrhundert, das Würde und Kontinuität symbolisiert.

Studententrachten, Aquarell, um 1820 (Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg)
Studententrachten, Aquarell, um 1820 (Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg)
Die Rektorkette (Foto: https://www.uni-wuerzburg.de/uniarchiv/ausstellungen/insignienundgeschichtsbewussts/kleider/die-rektorenkette/)
Die Rektorkette (Foto: https://www.uni-wuerzburg.de/uniarchiv/ausstellungen/insignienundgeschichtsbewussts/kleider/die-rektorenkette/)

Bis weit ins 20. Jahrhundert war dieses Zeremoniell eingebettet in ein reiches akademisches Ritualgefüge.

Talare: Symbole zwischen Tradition und Provokation

Talare – die traditionellen Gelehrtengewänder – sind in angelsächsischen Ländern bis heute selbstverständlich. In Deutschland hingegen sind sie weitgehend verschwunden. „Ironischerweise waren es ausgerechnet die Nationalsozialisten, die die Talare zuerst abschafften“, erklärt der Leiter des Universitätsarchivs des JMU Dr. Marcus Holtz. „Sie hassten diese eigenständige akademische Tradition, die sich ihrer Ideologie entzog.“

Nach 1945 kehren Talare zunächst zurück. Doch in den 1960ern werden sie erneut zum Symbol, diesmal für etwas anderes: für vermeintlich „reaktionäre“ Tradition. Denn in den studentischen Protesten der 68er-Jahre bündelte sich Wut und Frust auch gegen Talare. Laut Holtz wurden alles in einen Topf geworfen – akademische Tradition, die NS-Zeit und autoritäre Strukturen.

Dass die Nationalsozialisten selbst Talare gehasst und abgeschafft hatten, wurde dabei kaum reflektiert. Am Ende waren sie verschwunden – aus freien Stücken, aber unter starkem politischem Druck.

Rituale, die überlebt haben

Ganz verschwunden ist akademische Tradition in Würzburg nicht. Einige Rituale werden weitergelebt, oft unbewusst:

  • cum tempore: Wenn eine Veranstaltung um 15 Uhr „s.t.“ oder „c.t.“ beginnt, steckt Tradition dahinter. 15 Uhr c.t. heißt 15:15 Uhr.
  • Rituale beim Anstoßen: Etwa der direkte Blick in die Augen beim Anstoßen, auch das stammt aus akademischen Umgangsformen.

Viele dieser Dinge verinnerliche man im Unialltag, ohne zu wissen, wie alt sie eigentlich seien, so der Leiter des Uniarchivs.

Das verbrannte Archiv

Ein einschneidendes Ereignis für die Universitätsgeschichte ist der 16. März 1945: Würzburg wird in einem Bombenangriff weitgehend zerstört.

„Das Universitätsarchiv war schon vorher praktisch abgeschafft worden“, berichtet Holtz. „Kurz vor 1933 gab es ein Jubiläum, man meinte danach: ‚Jetzt haben wir alles Wichtige veröffentlicht, den Rest brauchen wir nicht mehr.‘ Die Unterlagen lagen deshalb ungeschützt in Kellern und verbrannten in der Bombennacht.

Es gibt zwar noch substanzielle Überlieferungen, aber auch riesige Lücken. Ganze Kapitel der Universitätsgeschichte sind dadurch schwer rekonstruierbar. Auch bauliche Tradition ging verloren: Die neue Universität war ein reich verziertes Repräsentationsgebäude mit Fahnen, Wappen und Symbolen der akademischen Selbstinszenierung. Vieles davon existiert nur noch auf Fotos.

Zwischen Verlust und Wiederentdeckung

Heute nähert sich die Universität Würzburg ihren eigenen Traditionen wieder neu – behutsam und reflektiert. „Es geht nicht darum, einfach alte Formen zu kopieren“, betont Holtz. „Sondern zu verstehen, was sie bedeuteten und zu entscheiden, was wir davon bewusst weitertragen wollen.“

Die Rektorkette ist eines dieser Zeichen: ein sichtbares Symbol dafür, dass akademische Würde und Verantwortung mehr sind als eine Funktionsbezeichnung auf Papier.