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Die menschliche Note: Wie analoge Skills für Jobsicherheit in einer digitalen Welt sorgen

Blogvon Helena Saremba

  1. Das ist die Anzahl an Jobs, für die sich Computer-Science-Absolvent Zach seit seinem Bachelorabschluss 2023 erfolglos beworben hat. In einem Interview mit der New York Times vergangenen Monat berichtet er von der Überwindung, die es kostet, sich weiterhin auf offene Stellen zu bewerben. Doch Zach ist in seiner Misere nicht allein. Laut einer Stanford-Studie von August 2025 gab es in den USA seit 2022 einen Rückgang von 13 % in der Beschäftigung von 22–25-jährigen Akademikern.

Hier in Deutschland sieht die Lage ähnlich aus: In den letzten fünf Jahren haben wir einen Anstieg von 66 % in der Arbeitslosenquote von jungen Akademikern erlebt. Laut der Bundesagentur für Arbeit stieg diese Quote allein im letzten Jahr um 25 %. In absoluten Zahlen heißt das: Im Sommer 2025 hatten wir in Deutschland circa 44 000 arbeitslose Akademiker im Alter von unter 30 Jahren. Diese Statistiken sollten uns Studierenden einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Geplatzt ist die Blase der Bildungsillusion. Wo vor fünf Jahren noch von Zukunftssicherheit im Beruf gepredigt wurde, solange man studiert hat – vor allem mit einem Studium im MINT-Bereich –, wird heute trostlos der Kopf geschüttelt.

Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote unter Absolventen aus genau diesen Fachbereichen am höchsten. Doch keine Industrie scheint sicher, egal ob im Finanzwesen, in der Informatik, in der Pharmabranche, im Marketing oder im Recht: Die Arbeitslosenquote unter Berufseinsteigern nimmt weltweit rasant zu. Im englischsprachigen Raum wird nun von der sogenannten „Graduate Job Crisis“ gesprochen. Die Quelle allen Übels? Die KI.

Seit der allgemeinen Verbreitung von Chatbots wie ChatGPT spielen Unternehmen mit der Idee, die Aufgaben, welche in den Tätigkeitsbereich von Berufseinsteigern fallen, durch KI zu ersetzen. Diese sei günstiger, effektiver, schneller und würde Mitarbeitern das Anlernen neuer Kollegen ersparen. Eine Vielzahl von Unternehmen hat nun schon begonnen, interne KI-Tools zu entwickeln und einzusetzen. Diese können eine Bandbreite an Aufgaben übernehmen: Datenanalyse und -auswertung, Softwareprogrammierung, Customer Service, Abruf und Anwendung von vorhandenem Wissen, routinemäßiges Schreiben, Verwaltung, Übersetzung, visuelle Gestaltung usw. Aufgaben, die in der Vergangenheit oft von Nachwuchskräften übernommen wurden.

Die internationale Anwaltskanzlei Simmons+Simmons nutzt seit Februar dieses Jahres ein GenAI-Tool namens „Percy“. Dieses übernimmt jegliche Recherche-, Analyse- und administrative Tätigkeiten von Junioranwälten und Rechtsassistenten.

Andere Firmen sind noch nicht ganz so weit, doch auch sie stellen keine neuen Mitarbeiter im Einstiegslevel ein. Experten rufen den Stillstand im globalen Jobmarkt aus. In dieser Zeit der KI-Revolution herrscht auf dem Markt eine große Unsicherheit. Unternehmen wissen nicht, wie und in welchem Maße es sinnvoll ist, künstliche Intelligenz in ihr Geschäftsmodell mit aufzunehmen. Doch solange keine Entscheidung gefallen ist, werden auch keine neuen Mitarbeiter eingestellt. Eine Starre, die in einem Zeitalter, geprägt von Buzzwords wie „Dynamik“ und „Wandel“, äußerst ironisch erscheint. Allein im letzten Jahr hat sich laut der Jobplattform Indeed die weltweite Zahl offener Einstiegspositionen um 33 % reduziert. Experten der Financial Times warnen jedoch vor einem überstürzten Entlassen aktueller Mitarbeiter und einem Einstellungstopp zugunsten der KI.

Ein zentrales Bedenken ist die Überschätzung der tatsächlichen Fähigkeiten der Maschinen. Wenn ein KI-Modell Massen an Mitarbeitern effektiv ersetzen soll, muss dieses zuverlässig, cybersicher, präzise und schnell sein. Die Realität sieht jedoch noch anders aus.

Viele deutsche Großkonzerne, unter anderem BMW, Siemens und die Allianz, nutzen heute intern sogenannte „Closed AIs“. Hier kauft ein Unternehmen die Lizenz für sogenannte „Enterprise-Versionen“ bekannter KI-Modelle wie DeepL, ChatGPT usw. Diese werden dann auf der privaten Cloud-Umgebung des Unternehmens bereitgestellt und der Zugang von außen wird aus Datenschutzgründen gesperrt. Das Modell interagiert somit nur noch mit Mitarbeitern und wird ausschließlich mit internen Daten gefüttert. Das Resultat: starke Einbußen in der Qualität und Weiterentwicklungsfähigkeit der KI.

Große Sprachmodelle basieren auf der Idee des Machine Learning. Sie verbessern kontinuierlich die Präzision ihres Outputs, indem sie mit einem konstanten Datenstrom an Feedback aus öffentlichen Nutzerinteraktionen gefüttert werden. Dieser Feedbackloop wird bei solchen geschlossenen Instanzen jedoch gekappt. Die KI lernt nicht weiter und wird fehlerhaft.

Im Arbeitsalltag wird dies schnell deutlich. „Schon bei einfachen Übersetzungsaufgaben stößt das Modell an seine Grenzen. Bei der Übersetzung eines Dokuments wurde beispielsweise innerhalb eines Paragraphen das gleiche Wort unterschiedlich und inkorrekt übersetzt“, so eine BMW-Mitarbeiterin aus München. „Statt dass uns Aufgaben abgenommen werden, müssen wir doppelte Arbeit leisten und mühsam den Output der KI verbessern.“

Neben diesen unternehmensinternen Problemen hat das Ersetzen von Nachwuchstalent durch KI das Potenzial, marktweite Krisen auszulösen. Wenn es nun immer weniger Einstiegslevel-Positionen geben soll, die Anzahl an Mitarbeitern in den mittleren und höheren Führungsebenen jedoch gleich bleibt, offenbart sich ein einfaches mathematisches Problem: Die Pipeline geht nicht mehr auf. Ohne ausreichend qualifizierten Nachwuchs können diese Positionen in Zukunft nicht mehr besetzt werden. Entweder werden dann völlig ungelernte, unqualifizierte Arbeitsnehmende eingestellt, oder die Unternehmen schrumpfen immer weiter.

Leider verschließt ein Großteil der Firmen aktuell noch die Augen vor diesen Longterm-Effekten. Was also können wir angehende Absolventen jetzt tun, um eine zukunftssichere Karriere zu starten? Wo sollten wir Zeit und Arbeit investieren, um unsere Jobperspektiven zu optimieren? Wirtschaftswissenschaftler der Harvard University deklarieren: „Vorbei ist das Zeitalter der Spezialisten.“

Wir müssen uns klarmachen, dass in jeder Nische Expertenwissen immer schneller durch die KI und ihre Fähigkeiten der Datensammlung und Analyse ersetzt wird. Es ist deshalb völlig sinnlos, beim Studiumsantritt das große Ratespiel zu spielen und darauf zu pokern, dass das Wissen aus einem bestimmten Fachbereich in drei Jahren heiß begehrt sein wird. Denn innerhalb von drei Jahren hat die KI leider deutlich schneller als wir dazugelernt und kann uns mit unserem Wissen wieder ersetzen. Der Spezialistenwettlauf ist einer, den wir von nun an immer gegen die Maschinen verlieren werden.

Und doch ist nicht alles verloren. Statt in Konkurrenz mit der KI zu treten, sollten wir uns auf das fokussieren, was uns von ihr abhebt: unsere menschliche Note.

Im Klartext: unsere analogen Skills – oder wie der HR-Manager es ausdrücken würde: unsere Soft Skills. Paradox, dass ausgerechnet analoge Befähigungen im digitalen Zeitalter für Jobsicherheit sorgen sollen. Doch im Projekt Oxygen, einem internen Performance-Review von Google, zeigte sich, dass die besten Manager einen Satz an Fähigkeiten besitzen, welche ihre exzellente Arbeit auszeichnen: Kommunikation komplexer Ideen, Teamwork-Fähigkeit, kritische Auseinandersetzung mit Sprache, logisches Denken, emotionale Intelligenz und Flexibilität. Fertigkeiten, welche essenziell für das Überleben von zunehmend digitalisierten Unternehmen sind.

Die Fähigkeiten, sich an ständig verändernde intelligente Tools anzupassen, ihnen komplexe Probleme klar und verständlich zu schildern, sich kritisch mit den Outputs der Sprachmodelle auseinanderzusetzen und diese Erkenntnisse sinnvoll im internationalen, interdisziplinären Kontext einzusetzen, werden künftig aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken sein. Durch die Verbesserung dieser Qualifikationen „entsteht eine Belegschaft, die widerstandsfähig ist, sich schnell anpassen kann und bereit ist, in einem sich ständig weiterentwickelnden Umfeld erfolgreich zu sein“, so ein Artikel von August 2025 im Harvard Business Review.

Statt stur Fachidiotenstatus anzustreben, sollten wir uns auf den Ausbau dieser Fähigkeiten konzentrieren. Nur so können wir als Gewinner aus dieser KI-Revolution hervorgehen.

Hier also mein offizieller Appell an das deutsche Bildungssystem: Höchste Zeit für einen Systemwandel. Zeit für ein Bildungssystem, in dem von Anfang an Wert auf die Aneignung dieser Geschicke gelegt wird. Andere globale Player haben uns diesbezüglich einiges voraus. Sehen wir uns zum Beispiel Singapur an, ein Land bekannt als Spitzenreiter und Early Adopter im digitalen Wandel. Dort stehen „sozial-emotionales Lernen“ und „Kompetenzen für das 21. Jahrhundert“ als konkrete Rahmenwerke zum Erlernen von Soft Skills im nationalen Lehrplan. Durch diese werden unter anderem Kommunikation, Zusammenarbeit und Selbstmanagement von der Grundschule bis zur Hochschulbildung betont. Auch in Finnland und Australien werden seit Anfang der 2010er Jahre diese analogen Skills als fester Bestandteil des nationalen Curriculums unterrichtet. Lasst uns ein Beispiel an diesen Ländern nehmen (übrigens beide unter den Top 10 der glücklichsten Länder der Welt 2024) und uns auf das besinnen, was uns so besonders macht.

Der Weg zum Erfolg ist also, den persönlichen und beruflichen Fokus auf das gewisse „je ne sais quoi“, das wir alle besitzen, zu legen. Auf unsere menschliche Note.