Zum Inhalt springen

Was bedeutet ‘analog’ nochmal?

Blogvon Pauline Grammer

Ich dachte bis eben, ich wüsste, was analog bedeutet. Eben, dass etwas ohne digitale Technik auskommt, ist doch klar. Das ist die erste Assoziation einer jungen Erwachsenen, die ein wenig mit den Trends, und somit auch mit dem Hype des Analogen, lebt.

So wie es sich für eine Journalistin gehört, habe ich das Wort dann doch mal bei Google eingegeben. Auf der Webseite vom Duden gelandet, lese ich als erstes: „ähnlich, vergleichbar, gleichartig, entsprechend“. Ich denke mir, dass ich das schon wusste (und nur nicht auf dem Schirm hatte) und dass auch die jungen Leute in meinem Umfeld das Adjektiv mit dieser Bedeutung eher nicht verwenden würden. Weiter steht dort, dass das Wort im Bereich der EDV „kontinuierlich, stufenlos“ meine. Zuletzt wird bei duden.de aufgeführt, dass das Wort die Ausdehnung der Temperatur durch die Quecksilbersäule gut beschreiben würde. Einen stufenlosen, kontinuierlichen Vorgang (im Gegensatz zu einem digitalen) könne man treffend mit analog beschreiben – so mache man es vorrangig in der Physik und Technik.

Den Hintergrundgedanken, den die Sprachrohr-Redaktion bei der Themenwahl hatte, lese ich in diesem Eintrag erst viel später, nämlich in dem „digital“ als Antonym von analog aufgeführt wird. Für mich passt das: analog ist, was nicht digital ist. Das sind Notizbücher, Uhren mit Zifferblatt und Schallplattenspieler. Die kleine Digitalkamera, die ich damals zur Erstkommunion geschenkt bekommen habe, bringt mich etwas durcheinander. Sie trägt „digital“, das angebliche Gegenteil, in ihrem Namen – trotzdem bin ich mir unsicher, ob sie nicht ein Teil des Analogen ist. Im Vergleich zu unseren Smartphones scheinen ihre technischen Möglichkeiten so stark begrenzt, dass dieser Fotoapparat beinahe in eine andere Kategorie gehören muss.

Ich frage mich, wie viel Technik in einem Gegenstand verbaut sein kann, sodass er als digital gilt. Was wäre mit dem elektronischen Tagebuch meiner Kindheit, dessen technische Ausrüstung sich auf einen nach der Pin-Eingabe eintretenden Automatismus zum Öffnen und eine kleine Melodie beschränkt hat?

Möglicherweise sollte ich den Vorläufer der „Digicam“ anschauen, um hinter die Bedeutung ihres Namens zu kommen. Als Vorläufer wird die Analogkamera genannt, die geschossene Fotos auf dem Film speichert. Diese Fotokamera habe den Vorteil, lange laufen zu können und zudem aufgrund ihres Metallgehäuses schick auszusehen (vgl. Nikkormat aus den 70er Jahren). Trotzdem hat sie, seit das digitale Speichern der Fotos durch die Digitalkamera möglich wurde, nur noch für Einzelne einen Wert.

Das heute noch genutzte Pendant zur analogen Kamera ist die Einwegkamera, die es beispielsweise in der Drogerie zu kaufen gibt. Dadurch, dass jeder von uns mit seinem Handy unendliche Möglichkeiten hat, eine Party oder einen Urlaub festzuhalten, verliert das einzelne Foto scheinbar an Bedeutung. Bei der gängigen Einwegkamera sind die Versuche auf 25 begrenzt und zudem kann man die Fotos bis zu ihrer Entwicklung in der Drogerie nicht anschauen. Die Fotos sind dann keine Dokumentation des Abends, sondern kleine Erinnerungsstützen für ganz besondere Ereignisse, über die wir uns im Nachhinein noch gerne Geschichten erzählen. Es scheint damit nicht um das perfekte und makellose Urlaubsfoto zu gehen, vielmehr möchte man mit einer Filmkamera authentische und einzigartige Momente festhalten.

Warum das Analoge, von dem ich nach dieser Recherche eine genauere Idee habe, gerade jetzt wieder cool ist bei den jungen Leuten, kann ich nicht genau sagen. Manche befinden sich sicher in einem Zustand innerer Zerrissenheit. Viele können sich einen Alltag, sei es in der Uni oder bei der Reiseplanung, nicht mehr ohne die Hilfe einer KI vorstellen. Trotzdem machen sie Urlaubsfotos bewusst mit der Einweg-Filmkamera oder lesen Bücher statt E-Books. Man könnte meinen, sie wollen der digitalen Welt, die sich noch in das Unvorstellbare fortentwickeln wird, zeitweise entkommen.