Land der arrangierten Ehen

„Ich hatte nur zwei Anforderungen: sie sollte musikalisch sein und sie muss Englisch sprechen können. – Eines Tages sagte mein Vater mir, er habe eine passende Frau für mich gefunden, sie sei musikalisch und spreche Englisch. Am Tag unserer Verlobung sah ich sie das erste Mal. Am Tag danach war die Hochzeit.“
Was für mich und viele andere unvorstellbar ist, gehört in Indien zum Alltag. Für ein Praktikum bin ich ins Land der Farben, Gewürze und der Gegensätze gekommen. Seitdem mir mein Kollege von seiner Hochzeit erzählt hat, muss ich ständig darüber nachdenken wie gut wir es haben, in Europa aufgewachsen zu sein. Wir können selbst entscheiden, wen wir heiraten wollen und ob wir heiraten wollen. Ganz egal aus welchem (Bundes-) Land oder von welchem Geschlecht. Und Kasten gibt es bei uns auch nicht. Mein Kollege ist ein aufgeschlossener, junger Mann. Hat seinen Master in Deutschland gemacht und würde auch in Zukunft gerne wieder in Deutschland arbeiten. So wie ihm geht es vielen meiner Kollegen, die für einige Jahre in Deutschland gewohnt haben. Aber meistens hatten die Eltern andere Pläne für ihre Kinder.
„Das war der größte Fehler meines Lebens. Ich hätte sie vor der Hochzeit fragen sollen, ob sie gerne singt und ob sie Englisch sprechen kann. Nachdem wir offiziell verheiratet waren, sagte sie mir, sie könne mit Musik nichts anfangen und Englisch verstehe sie zwar, sprechen könne sie es aber nicht. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich die Hochzeit vielleicht noch verhindern können. Jetzt leben wir zusammen und meine Frau sucht immer nur Streit. Wir können uns nie in Ruhe miteinander unterhalten, so wie wir jetzt.“
Seine Worte machten mich traurig, aber während der letzten Monate habe ich schon viele Geschichten über arrangierte Ehen gehört, sodass ich eigentlich nicht mehr überrascht sein sollte. In vielen Fällen versteht sich das zusammengewürfelte Ehepaar aber einigermaßen gut und oft entwickelt sich die Liebe dann auch über die Zeit. Scheidung ist hier aber auch keine Option, also heißt es, das Beste aus seinem Schicksal zu machen.
„Als ich die ganzen Paare in Deutschland gesehen habe, die sich in der Öffentlichkeit geküsst haben, oder Händchen gehalten haben, wollte ich das auch. Aber ich habe nie etwas unternommen, hatte nie ein Date. Ich wusste ja, dass meine Eltern etwas dagegen hätten und ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, hätte ich mich doch mit einem Mädchen getroffen. Also habe ich stattdessen viel Sport gemacht, um mich von diesen Gedanken abzulenken. Wenn es ganz schlimm war, bin ich in mein Zimmer gegangen und habe geweint. Danach ging es mir wieder besser.“
Nach diesem Geständnis fehlten mir zunächst die Worte. Ich war überrascht, wie offen er mir gegenüber ist. Seit fünf Monaten arbeitet er jetzt für dieses Unternehmen, kann dort seine Deutschkenntnisse einbringen und hat Kontakt zu uns deutschen Praktikanten. Er redet gerne mit uns über Deutschland und seine Zeit dort. Er vermisst Glühwein. Aber der kürzliche Umzug in eine neue Stadt tat ihm und seiner Frau gut. Früher haben seine Mutter und seine Frau unter einem Dach ununterbrochen gestritten und es gab immer Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse. Jetzt sucht seine Frau zwar immer noch gerne Streit, aber er muss jetzt nur noch eine Frau beruhigen und nicht auch noch seine Mutter. Zum Singen im Chor geht er nun halt alleine.
„Liebes-Hochzeiten sind selten in Indien. Es gibt sie, aber es kostet viel Überzeugungsarbeit und ist auch nur innerhalb derselben Kaste, Religion und demselben Staat möglich. Eine Hochzeit zwischen Nord- und Südindern ist fast undenkbar“ (siehe Buchtipp unten). „Ich hätte auch gerne aus Liebe geheiratet, aber ich war noch nie richtig verliebt.“
Mit diesen Worten ließ er mich weiterarbeiten. Die Konzentration war erst mal dahin. Auch jetzt noch, Tage später, denke ich darüber nach. Seine Geschichte zeigt, wie gut wir es doch haben, wir können meist freie Entscheidungen treffen und müssen nichts auf Grund unserer Kultur zurückstecken. Arrangierte Ehen gehören in Deutschland schon längst der Vergangenheit an. Vielleicht ändert dies sich in Indien in den nächsten Jahren auch noch. Wenn man der jungen Generation glaubt, kann man zumindest darauf hoffen.
Wer gerne mehr zum Thema lesen möchte, dem empfehle ich das Buch „2 States“ von Chentan Bhagat. Der Leser erfährt die Geschichte seiner Hochzeit und den teilweise schwierigen Weg dorthin. Das Buch ist humorvoll geschrieben und zeigt, dass es auch anderes gehen kann, denn Liebe ist die stärkste Kraft.
Martina Hoffmann