Du musst gar nichts

Über das Lernen, auf sich selbst Acht zu geben
Dir ist alles zu viel. Und unglücklich bist du auch. Morgens sehnst du schon den Abend herbei und dein einziger Lichtblick sind die nächtlichen Stunden am Samstag, in denen du mit Freunden und einer Pizza wenigstens für eine kurze Zeit deine Sorgen verdrängen kannst.
Und ja, wenn du ganz ehrlich bist, ist dir bewusst, dass du deine Probleme nur aufschiebst, sie nicht bekämpfst.
Eigentlich hat es so harmlos angefangen. Träume, Wünsche und Pläne. Schon während der Schulzeit macht man sich den einen oder anderen Gedanken über das spätere Leben.
Und nach dem Abitur geht dann alles ganz schnell. Zu schnell.
„Was willst du denn jetzt machen?“
„Bekommst du damit überhaupt einen Job?“
„Warum willst du denn nicht studieren?“
Plötzlich hat dann jeder eine Meinung dazu. Und es fängt an, du machst dir selbst enormen Druck. Du fragst dich, ob du nicht doch lieber einen Studiengang wählen solltest, der dir „ganz sicher“ einen Job verschaffen wird. Weißt du denn überhaupt schon, wo deine Interessen liegen? Was willst du eigentlich in deinem Leben erreichen? Was ist dir wichtig? Spielt das überhaupt noch eine Rolle?
Immer mehr hast du das Gefühl, dass deine Zeit knapp wird. Jetzt muss ich mich aber entscheiden, denkst du. Eine Pause machen? Nein, das kannst du dir doch nicht leisten. Und inzwischen weißt du nicht mehr, ob es die Meinung deines Umfelds ist oder bereits deine eigene.
Und schon bist du aktiv im Studium dabei. Du sorgst für deine Zukunft. Das wird schon alles, irgendwann macht es mir schon noch Spaß, denkst du. Die Anfangszeit ist doch immer hart.
Verdrängung pur. Denn „aktiv dabei“ ist leider eine Übertreibung. Halbherzig quälst du dich mit den Texten, die du Woche für Woche lesen musst und die dein Interesse in keiner Weise anregen. Die Vorlesungen sind ein Kampf, denn du erwischst dich ständig dabei, mit deinen Gedanken ganz woanders zu sein. Wie gerne würdest du jetzt dort sein…
Für die Klausuren lernst du so viel wie möglich auswendig, den Stoff zu verstehen versuchst du gar nicht mehr. Ständig fragst du Mitstudenten, wie viel sie schon gelernt haben, du könntest ja zu wenig gemacht haben. Du willst nicht versagen, denn du hast Angst, zurückzubleiben. Du fragst dich: Wer bin ich dann?
Spaß und Lust auf Herausforderung verspürst du schon lange nicht mehr. Deine wertvollen Gedanken kreisen nur noch darum, die Prüfungen zu bestehen und möglichst gut abzuschneiden. Und dann…
Ja, was ist eigentlich nach den Prüfungen? Da geht der Teufelskreis doch weiter. Du fällst immer tiefer in ein Loch, welches du dir zum Teil selbst gegraben hast. Denn du hörst nicht auf dich. Deine eigenen Bedürfnisse ignorierst du, dir selbst tust du großes Unrecht an.
Mittlerweile kannst du deine Traurigkeit auch nicht mehr verstecken, du willst es vielleicht auch gar nicht mehr. Möglicherweise erkennst du, dass du endlich aufwachen musst, dass du dich um dich selbst kümmern musst.
„Du musst gar nichts“, musst vielleicht auch du einmal hören. Du sollst wissen, dass du auf dich hören darfst. Du musst es keinem anderen Menschen recht machen, außer dir selbst. Du bist mit deinen Selbstzweifeln, Versagensängsten und deiner Überforderung nicht allein. Die Kämpfe, die deine Mitmenschen mit sich selbst führen, siehst du nicht, denn keiner zeigt sich gerne schwach und zerbrechlich. Dabei ist es keine Schwäche, wenn man sich selbst eingesteht, dass man mit seinen Aufgaben überfordert ist, oder eine Tätigkeit dauerhaft abbricht, weil man merkt, dass man damit niemals glücklich werden kann. Im Gegenteil, es zeugt von großer Stärke. Deine Zukunftsvorstellungen, die du vor langer Zeit beiseitegelegt hast, sind vielleicht gar nicht so utopisch, wie du dachtest (oder es dir in einem „gut gemeinten Ratschlag“ mitgegeben wurde). Vielleicht ist dieser ignorierte, abgestempelte Traum, dieses unterdrückte, unbeachtete Interesse genau dein Ding.
Dein Leben muss nicht durchgeplant sein. Deinen Platz findest du, aber nur, wenn du anfängst, deine Grenzen zu akzeptieren. Du darfst dich auch einmal so richtig fallen lassen, etwas Neues ausprobieren, Risiken eingehen, dir frei nehmen.
Denn du musst gar nichts.
Solltest du das Gefühl haben, dass du mit deinen Sorgen nicht allein umgehen kannst, solltest du externe Hilfe hinzuziehen. Sei es Familie, Freunde oder psychotherapeutische Beratung. Es sollte eine Person sein, der du vertraust, die die Situation objektiv bewerten kann und mit der du gemeinsam an Lösungen arbeiten kannst. Auch das Studentenwerk in Würzburg bietet während der Corona-Krise telefonische Beratung an, die du in Anspruch nehmen kannst. Des Weiteren kannst du dich mit anderen Studenten durch die Initiative „Blaupause Würzburg“ in Verbindung setzen, die sich auf mentale Gesundheit spezialisiert hat und sich dafür einsetzt, dass mentale Gesundheit nicht mehr als Tabuthema angesehen wird. Auch während Corona finden Zoom-Meetings statt, an denen Du mittels schneller Anmeldung per Mail, Instagram oder Facebook ganz leicht teilnehmen kannst.
Scheue dich nicht, das Gespräch mit anderen zu suchen und Hilfe anzunehmen. Es geht immerhin um Deine Gesundheit und Dein Glück.
Karina Thiem