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Einfach weiter gehen

Blogvon Milia Geisler

Milia Geisler
Milia Geisler

Ein misslungener Versuch, dem selbstgemachten Druck zu entfliehen

Die Eintönigkeit des Online-Wintersemesters schlägt mir wie jedes Jahr auf die Stimmung. Um meiner saisonalen Verstimmung zu entgehen, schwelge ich in Tagträumereien an den Frühling und die vorlesungsfreie Zeit. Dieses Jahr plane ich meinen nun dritten Jakobsweg zu laufen, die Via de la Plata. Insgesamt über 1000km, für die ich circa fünf Wochen einplane. Das sind knapp 50km mehr als beim letzten Mal, was bei der Distanz kein großer Unterschied mehr ist. Aber 1000km zu laufen fühlt sich wie eine neue Hausnummer an. Endlich vierstellig. Jetzt fragt sich vielleicht die eine oder andere Person: Wieso zur Hölle tut man sich das an? Nun ja, im Gegensatz zu vielen anderen Personen steckt für mich nur ein zu vernachlässigender Teil spiritueller Motivation hinter meinen Plänen. Ich liebe einfach wandern. Möglichst lang und möglichst weit. Die Natur ist selbstverständlich auch wunderschön und ein großer Teil des Weges, aber ich wandere auch gerne um des Wanderns Willen. An der frischen Luft mit mir selbst, ohne Musik, nur mit meinen Gedanken. Erling Kagge hat ein Buch darübergeschrieben, das ich nur empfehlen kann. Der Mann drückt meine Emotionen dem Wandern gegenüber ziemlich perfekt aus. Gehen ist besonders. Nicht zuletzt mache ich das aber auch, weil es sich wie ein Urlaub vom Alltag der kapitalistischen Leistungsgesellschaft anfühlt. Nur Essen, Gehen, Schlafen, Essen, Gehen, Schlafen, Essen, Gehen, Schlafen. Ab und an ein Glas Wein mit anderen Pilger*innen. Dem Druck der Selbstoptimierung für ein paar Wochen entkommen und nur ich selbst sein, ohne monetarisierbare Leistungen zu erbringen. Das größte Problem sind Hunger, Müdigkeit, schmerzende Gelenke und Blasen an den Füßen. Ein Urlaub aus dem Alltag des immer mehr machen, immer besser werden, immer weiter gehen. 
Immer weiter gehen, ironisch nicht? Denn ich bin auch auf dem Jakobsweg leistungsorientiert. Ich würde gerne lügen und sagen, dass ich nicht jeden Tag schaue, wie viel ich gelaufen bin. Welchen Tagesdurchschnitt schaffe ich dieses Mal? Welche Zeit habe ich für die Tagesdistanz gebraucht? Wer läuft mehr und schneller? Gerne würde ich sagen, dass sich meine Ambitionen darauf beschränken, mein Rucksackgewicht zu minimieren, um meinem Körper möglichst wenig Last aufzubürden. Aber so einfach ist das nicht. Aus meinem Umfeld habe ich von wenigen Personen den Eindruck, dass sie sich so stark mit Anderen vergleichen, wie ich. Ich bin wahnsinnig wettkampforientiert. Häufig schaffe ich es nur wirklich, etwas für mich zu machen, wenn ich – im Vergleich zu den anderen – besser bin oder keinen direkten Vergleich habe. Aber damit mache ich es dann ja nicht mehr nur für mich. Mir gibt es keine Befriedigung zu sehen, dass andere versagen, ganz und gar nicht. Mir gibt es aber ein wahnsinniges Glücksgefühl zu sehen, dass ich besser bin. Paradox, nicht? Dieser Druck zur Selbstoptimierung ist so intrinsisch in mir verankert, dass ich viele Dinge lieber alleine mache. Es ist ein Druck des Immer-besser-Werdens. 
Mir fällt es schwer, in den Tag zu leben. Ich habe gerne einen Plan und möchte mein Leben effizienter und effektiver gestalten. Manchmal bleibt meine mentale Gesundheit dabei hintenan. Ganz schwierig ist es, wenn mein Plan nicht so klappt, wie ich möchte, weil ich mehr Eigenkapazitäten eingeplant habe, als mir zur Verfügung stehen. Ich bin ein einziges Mal auf dem Jakobsweg in einen Bus eingestiegen, um 5 von 950km zu fahren und das hat sich angefühlt, wie ein Versagen. Wie lächerlich. Dabei ist es doch effizienter, die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen, indem man sich die Pausen nimmt, die man braucht. Die 5km habe ich an Umwegen locker wieder eingeholt. Und wie traurig, dass ich auch hierbei von Effizienz spreche. Das Leben ist nicht nur Effizienz. Vielleicht habe ich das mit dem Jakobsweg ein wenig begriffen. Es wäre effizienter, die 1000km mit dem Auto zu fahren. Oder mit dem Fahrrad. Aber ich laufe. Um mich und meine Umgebung achtsam zu spüren. Dieses Jahr starte ich hoffentlich mit einem Rucksack von 5kg und Barfußschuhen. Aktuell arbeite ich noch an einer Sportverletzung, die ich schon länger mit mir herumschleppe. Ich denke ich muss nicht betonen, dass es sich wie ein Versagen meinerseits anfühlen würde, würde ich die Verletzung nicht rechtzeitig in den Griff kriegen. Aber ich arbeite daran. Vielleicht schaffe ich es ja dieses Jahr ein Stückchen mehr bei mir zu sein. Mich weniger mit anderen vergleichen. Und – in dem Kontext des Jakobswegs – mich ein Stückchen weniger mit mir selbst zu vergleichen. Wer weiß, vielleicht komme ich dann ja sogar leichter ans Ziel. Eins ist aber sicher: Bis ich das schaffe werde ich einfach weiter gehen.

Milia Geisler
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