DIE GESCHICHTE UNSERER UNIVERSITÄT 3: Wer hat das Sagen?

Wie sich die Rolle der Studierenden an der Uni Würzburg verändert hat
Von studentisch dominierten Anfängen über professorale Hierarchien bis hin zur Hochschulreform mit gleichberechtigten Gruppen: Die Geschichte der studentischen Mitbestimmung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ist voller Wendungen – und Überraschungen.
Die Frage, wer an einer Universität eigentlich bestimmt, ist heute hochreguliert: Hochschulgesetze, Gremienordnungen, Wahlordnungen. Doch historisch gesehen war das Verhältnis von Studierenden, Professor*innen und Staat deutlich beweglicher und manchmal geradezu paradox.
Anfangs dominierten die Studierenden
Die allerersten Universitäten in Italien entstanden nicht als staatliche Projekte, sondern als Zusammenschlüsse von Studierenden.
„In Bologna (Italien) etwa haben sich die Studenten zusammengeschlossen, ihr Geld zusammengelegt und gemeinsam Professoren angeworben“, erklärt Dr. Marcus Holtz, Leiter des Universitätsarchivs der JMU. „Das heißt: Am Anfang hatten die Studierenden die Macht – sie waren Auftraggeber und Arbeitgeber.“
Die Universität war zunächst ein Personenverband, kein Gebäude. Man konnte den Lehrbetrieb theoretisch „mitnehmen“, indem man gemeinsam mit seinen Lehrern in eine andere Stadt zog. Mit zunehmender Verfestigung – festen Gebäuden, stärkerem Einfluss des Landesherrn – verschob sich die Macht: Professoren und Staat gewannen an Einfluss, die Studierenden verloren Gestaltungskraft.
Rangordnung statt Augenhöhe
Im Heiligen Römischen Reich deutschen Raumes, spielen die Landesherren früh eine starke Rolle. Universitäten werden gestiftet, kontrolliert, reformiert. „In Deutschland sind die Unis sehr früh professor- und landesherrendominiert“, so Holtz. „Studierende zählen zur Universität dazu, aber sie sind keine gleichberechtigte Gruppe.“
Hinzu kommt eine interne Hierarchie unter den Professoren selbst:
- Ordinarien (Lehrstuhlinhaber)
- einfache Professoren
- außerplanmäßige Professoren
Bis weit ins 20. Jahrhundert galt eine strenge Rangordnung. Ein Ordinar war etwas ganz anderes als ein einfacher Professor. Und darunter kam erst recht lange niemand mehr.

Ein 13-jähriger Student als Rektor
Trotz aller Hierarchie gibt es erstaunliche Ausreißer. Um 1600 wird in Würzburg der polnischer Student Nicolaus de Magna Concice Mnischek Palatinides Sendomiriensis mit gerade einmal 13 Jahren zum Rektor gewählt.
„Das ist eine meiner Lieblingsgeschichten“, erzählt Dr. Holtz. „Der Junge war früh an die Uni gekommen, damals begann man ohnehin viel früher zu studieren. Und er wurde tatsächlich zum Rektor gewählt.“ Er spielt später eine Rolle im Zusammenhang mit dem russischen Zarenthron – eine Geschichte für sich. Aber sie zeigt: Studierende waren keineswegs bedeutungslos.
Heute: Mitbestimmung – aber begrenzt
Moderne Formen der Mitbestimmung, etwa Fachschaften oder Studierendenparlamente, sind Produkte des 20. Jahrhunderts. Doch das Verhältnis zwischen Studium und Macht blieb lange asymmetrisch.
„Es ist wichtig zu verstehen, dass vieles, was wir heute für selbstverständlich halten, relativ jung ist“, so der Leiter des Universitätsarchivs. „Gleichberechtigte Gremien, studentische Sitze, transparente Wahlen – das ist nicht ‚immer schon so‘ gewesen.“ Bis in die Nachkriegszeit hinein war der Einfluss von Professoren klar dominierend. Erst die Hochschulreformen der 1960er und 70er Jahre brachten Änderungen und in Würzburg sogar eine besonders mutige Variante (mehr Infos folgen in einem Artikel zur 68er-Bewegung).
Und heute? Studierende haben Sitze in Senat, Fakultätsräten, Kommissionen. Sie wählen eigene Vertretungen, können mitreden, aber meist nicht dominieren. Formal gibt es heute viel mehr Mitbestimmung. „Ob sie genutzt wird, ist dann noch einmal eine andere Frage“, so Holtz.
Die Geschichte der Universität Würzburg zeigt jedenfalls: Die Rolle der Studierenden ist nie statisch gewesen. Zwischen kaum sichtbarer Hierarchie und revolutionär anmutender Gleichberechtigung war und ist alles möglich.