Krawatte & Hoodie

Ja, ich habe sie auch im entfernteren Freundeskreis – die Dudes, die ein Start-Up gegründet haben. Die Dudes, die mit Anfang 20 im Moshpit geschrien haben „Fuck you, I won’t do what you tell me!“ und nun Apps entwickeln. Früher hatten sie eine Indieband. Der Sänger wurde Lehrer, hört nun Jazz und sagt Sätze wie „Coltrane bewahrt mich vor dem Burn Out.“ Der Gitarrist spielt immer noch in einer Punkband, aber sieht keinen Fehler darin. Schlagzeuger und Bassist blieben ihrem Nerd-Image treu und machen jetzt Apps. Sie haben ihre sicheren Stellen in der Agentur aufgegeben, weil Selbstverwirklichung und so. Sie schrien „Fuck you, I got a Förderdarlehen“, liefen mit gelockerten Krawatten an ihren Chefs vorbei und tragen jetzt Hoodies am Schreibtisch. Ihre Instrumente verstauben auf dem Dachboden ihres Elternhauses. Aber trotzdem – ich bewundere das! Diese Naivität, dieser Mut, diese Veltins V+ Mentalität. Ich stelle mir vor, wie sie nach einem harten Meeting die Stimmung wieder mit einer Nerf-Gun Schlacht auflockern. Danach dann erst einmal einen echten Filterkaffee und ein Stück Kuchen, den die Feel Good Oma gestern SELBST gebacken hat. Und am nächsten Tag geht’s in alter Frische und altem Hoodie weiter. Das sind natürlich gängige Klischees über junge Gründer. Wie locker es in einem Start-Up Unternehmen mit höchstens zwei Hierarchieebenen wirklich zugeht, weiß ich nicht. Also rufe ich Patrick, einen von den beiden Dudes, an, und frage, ob sie einen Kicker im Büro stehen haben und ob Microdosing auch mittlerweile bei ihnen angekommen ist. Patrick ist hörbar verwirrt, weil wir uns seit mindestens drei Jahren nicht mehr gesprochen haben und fragt mich, warum ich das wissen möchte. Ich schreie laut „Fuck you, I won’t do what you tell me“ ins Smartphone und lege auf. Dann habe ich auch kurz überlegt ein Start-Up zu gründen. Habe mir dann aber lieber einen runtergeholt. Ich wäre auch gar nicht der Typ dazu. Wenn ich mir vorstelle, mit Freunden ein Start-Up zu gründen – das wären ja dieselben Leute, mit denen ich saufen gehe. Wie soll ich denn mit denen arbeiten? Vor allem: Über wen beschwere ich mich dann, wenn ich abends mit meinen Freunden saufen gehe? Die Grenze zwischen Bürotisch und Kneipentresen würde verschwinden. Plötzlich würde ich auch tagsüber saufen und mich dafür abends am Tresen, statt über Frauen und Musik, über Trendprognosen unterhalten. Nein, das könnte ich nicht – also mich abends über Trendprognosen unterhalten. Aber trotzdem finde ich es immer noch bewundernswert, wenn junge Menschen diesen Weg gehen. Die Droge Facebook würde es zum Beispiel nicht geben, wenn Mark Zuckerberg nicht einen Kasten Veltins V+ getrunken hätte um dann den Moment zu genießen und um dann sein Leben zu leben und um dann schließlich sein Ding durch zu ziehen. Seitdem macht er hinter jedem Tag ein +. Wir brauchen also mehr mutige Jungunternehmer mit tollen Ideen. Mit Ideen, welche unsere sozialen Umgangsformen noch mehr in ein digitales Korsett zwängen, sodass der erste Ton eines Neugeborenen im Jahre 2072 ein Emoji sein wird. Sollte es sich seiner Lage zu diesem Zeitpunkt schon bewusst sein, tippe ich auf *kotzendessmiley*. Egal, ich schweife ab. Wie gesagt, ich habe mir also stattdessen einen runtergeholt und beim völlig unspektakulären Höhepunkt geschrien „Fuck you, I won’t do what you tell me.“ Danach lag ich traurig und peinlich berührt von mir selbst, auf meinem Bürotisch und starrte an die Decke. Ich richtete meine Krawatte und strich mein Jacket glatt. Nein, ich könnte definitiv kein Start-Up gründen. Ich habe auch gar keinen Hoodie – und keine Freunde. Na ja Freunde kann man kaufen, aber so einen richtig guten Hoodie – den kauft man nicht. Der findet einen selbst. Der sitzt wie eine zweite Haut und gibt einem immer das wohlig-warme Gefühl zu Hause zu sein. Egal wo man ist – selbst am Arbeitsplatz.
Robert Alan